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Dienstag, 16 Januar 2018 16:25

Ein endloser Prozess: textile Objekte von Uli Fischer

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Zur Ausstellungseröffnung im Weißen Saal des Künstlerhauses sprach Tina Fibiger. Hier ist ihr Redetext im Wortlaut.

Stoffe umhüllen für gewöhnlich… als wärmende, schützende und oft auch schmückende Außenhaut für den menschlichen Körper. Dann auch als Ummantelung für eine Vielzahl von alltäglichen Gebrauchsgegenständen.  Dabei entwickeln sie natürlich auch eine berührende Wirkung. Sei es durch den Hautkontakt, wenn sie die Atmosphäre ihrer näheren Umgebung aufsaugen, das Gewebe Aromata annimmt,  den Spuren von Schweiß und den Bewegtheiten von Körpern ausgesetzt ist, die  es umhüllt.  Aber auch Wärme und Kälte vergreifen sich an dieser Faserlandschaft.  Feuchtigkeit, Staub und Dreck, die ihre Spuren hinterlassen,  Löcher bilden, Risse und  Verfärbungen und sogar neue Muster  bilden, die sich an der gewebten Ordnung reiben.

Man könnte von schlichten Gebrauchsspuren sprechen, die in ihnen eingelagert sind oder eben von Zeitspuren in die Uli Fischer hinein lauscht, wenn er Stoffreste als Ideenträger betrachtet, die er in seinen textilen Objekten miteinander ins Gespräch bringt, weil sie etwas zu erzählen haben und so eine weitere berührende Wirkung entfalten… gedanklich, assoziativ  und auch sinnlich erfahrbar über das, was in ihnen eingelagert ist. Zeit und ihre Geschichten.

Die Patina, die uns von alten Möbeln vertraut ist, mit den vielen Spuren der Benutzer, die auch nach dem erneuten Schleifen, Aufpolieren und Versiegeln noch virulent sind,  hat Uli Fischer auch an alten Stoffen vernommen. Lebensspuren der Benutzer und eine besondere Energie, die ihn unmittelbar bewegt hat und nun auch künstlerisch inspiriert. Es geht dabei nicht um biografische Motive sondern um ganz essenzielle Impulse, die sich im Laufe der Zeit nicht verflüchtigt haben.

Es gibt eine besondere Vorgeschichte, die schließlich in die Fragen mündete, die an der Entstehung jedes Textilobjektes  haften. Was erzählt mir dieser Rest eines Schlafkimonos oder eines Futoncovers…

Was hält dieses alte Bündeltuch mit den Flecken, Rissen und Löchern noch  an Eingriffen, Nähten und weiteren Schnitten aus…  Zu welcher  neuen Erzählung ist es bereit…

Dazu gehört auch die Phase, als Uli Fischer  in Indonesien, Thailand und Burma  mit animistisch geprägten Kultobjekten in Berührung kam. Mit Gewändern, die für Beerdigungen hergestellt wurden,  für Initiationsriten und rituelle Zeremonien oder heilende Wirkung versprachen und verwoben waren mit naturreligiösen Traditionen und Glaubensbekenntnissen. Fischer spricht von einer magischen Wirkung und dieser besonderen Energie, die ihn unmittelbar ansprach, die er als Aura bezeichnet. Später stieß der Sammler von Stoffen, Kultgegenständen und Artefakten, der in Berlin die Galerie „Kunst und Primitives gründet hatte,  auf  einen Indigo blau gefärbten Rest eines Futons, der ihn  essenziell berührte und  sich dann allen Versuchen der künstlerischen Zurschaustellung verweigerte. Die Aura sperrte sich gegen einen beengenden Bilderrahmen, fand auch hinter Glasplatten keinen Wirkungs- undBedeutungsraum sondern erst, als Fischer eine Leinwand mit Stoff bespannte, auf dem das Indigo blaue Gewebe Halt und Raum fand für seine vielschichtige narrative Patina.

Aus dem Theaterstück „Geister in Princton“ über den Mathematiker, Logiker und  Philosophen Kurt Gödel stammt der Satz „ jeder Moment ist für immer“. Er symbolisiert Gödels Verweigerung  einer linearen Zeitrechnung  und der Trennung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und möglichen Zukunftsoptionen. Nach  seiner These bleibt  jede physische und jede physische Aktion ewig  gegenwärtig und das in unzähligen Korrespondenzen mit ihren Entwicklungsmöglichkeiten und Veränderungen. Da wundert es kaum, dass Gödel die Vorstellung von Zeitreisen ganz selbstverständlich schien, selbst wenn er dafür  keine mathematischen  Beweise beibringen konnte. 

Dieser Satz „jeder Moment ist für immer“ scheint mir irgendwo in dieser narrativen Patina tief eingelagert, wo neben den Gebrauchsspuren der früheren Benutzer eben auch die Hinterlassenschaften ihres Seelenlebens mit all den Erinnerungsspuren in den Stoffen weiterhin präsent sind, egal aus welcher Zeit sie stammen.

Diese  Patina wurde für Uli Fischer zum Medium seiner Arbeit. Man stelle sich nun den Künstler vor, wie er mit seinem vielstimmigen Material ins Gespräch kommt. Wenn der Fährtensucher und Fährtenleser dem Verlauf eines Risses folgt, einem losen Faden, einer Brandspur, einer fleckigen Region oder einem verblichenen Muster. Wie er einzelne Elemente neu miteinander in Beziehung setzt und in Bewegtheiten. Wenn Löcher eine stoffliche Färbung erhalten, verengt oder vergrößert werden oder der Riss durch eine Naht markiert wird.  Grobe oder feine Fäden können in den Stoffraum vordringen, eine verbindende oder auch eine trennende Linie bilden, sich scheinbar verkanten oder einfach weiter ausschwärmen und so eine weitere erzählerische Spur in dem Stoffkörper aufrühren.

Es geht in Uli Fischers Textilobjekten immer auch um Spannungsverhältnisse und um scheinbar  verborgene Unruherde, die miteinander korrespondieren,  dabei auch kollidieren, quertreiben anecken können, die Richtung wechseln, sich aneinander verhaken und verschmelzen oder anderswo ihr Echo finden und ihre Bestimmung und dann weiter rumoren.  

Man kann sich jede Stoffbahn und  jeden alten Fetzen mit seinen Gebrauchsspuren und seinem vernarbten oder verblassten Gewebe wie ein leeres Notenblatt vorstellen, das bereits von Tönen getränkt ist, und den Künstler als Komponisten,  der aus  harmonischen Wendungen und Dissonanzen ebenso wie aus  den perkussiven Färbungen und dem  rhythmischem Aufruhr seine Partitur auslotet, ihre Proportionen und Bezüge neu vermisst und sich so an einen Ideenraum heran tastet und ihn dem Betrachter öffnet.

Man muss nicht wissen, welche Vorgeschichte beispielsweise die Flecken haben, die sich in der Arbeit „white fall“  wie in einem malerischen Gestus in Pastellstimmungen verschwelgen.  Es ist auch nicht von Bedeutung, welche Funktion sie  in den Jahrzehnten und Jahrhunderten hatten,  in denen sie von alltäglichen und Gebrauchsspuren belebt und aufgeladen wurden. Es geht um all das, was mit ihnen an Wirkungs- und Bedeutungszusammenhängen mitteilbar werden kann. Aber wie auch bei einer Partitur geht es dabei natürlich um ganz individuelle Lesarten. Selbst wenn der Künstler seine Arbeiten in den meisten Fällen mit Titeln versehen hat, garantieren sie keine Zuschreibung für Motive und eine direkte Verständigung mit ihnen. Sie müssen sich schon ihren eigenen Reim machen auf  den „Irish Sunset“ in dem der Gedanke an die satt grüne Inselatmosphäre noch ganz andere Farb-, Sinn- und Bewegungsreflektionen anspricht.

Auch in das textile Objekt „das weite Land“ muss man erst einmal vertiefend eintauchen, um dann kleinsten Spuren von Stichen, Nähten, Mustern, Unebenheiten und Deformationen zu begegnen, und wie sie sich aneinander inspirierend reiben.

Auf wunderbar unwegsames Gelände führt auch der Titel „wohin“ und zwar ohne Fragezeichen  als Möglichkeit, Richtungen und Räume auszuloten, ihre Bedrängnisse und ihre möglichen Grenzen und vielleicht dabei auch einen offenen Horizont. Sei es das blaue Versprechen, dass am anderen Ende des Meeres ein sicheres Ufer liegt und von hohen dunklen Bahnen  durchkreuzt wird während anderswo der stoffliche Raum an Betonquader erinnert und an unüberwindbare Hindernisse. Vielleicht liegt ja das eigentliche Versprechen und die Vision in dieser weißen Linie, die sich zwischen den Stoffbahnen eigenwillig behauptet… Vielleicht auch erst in dieser ebenso zarten, wie festen Naht, an der ein andersfarbigen Stoff aus dem Untergrund seinen bunten Schimmer  erst in unmittelbarer Nähe entfaltet oder sogar an diesem winzigen Stofffetzen, der sich der Horizontlinie und den markierenden Fäden verweigert wie die abgerissene Ecke eines Blattes…

Natürlich liegt es nahe, bei dieser Komposition an Flüchtlinge und  Fluchtbewegungen zu denken aber der textile Raum ist ebenso offen für alles, was das Unterwegs sein angeht, die existenziellen Suchbewegungen und Bedrängtheiten. So wie auch in dieser Stofflandschaft, deren Risse und Löcher  sich wie Narbengewebe mit unzähligen Blessuren ausbreiten, von denen einige eine frühere Behandlung erfahren haben, gestopft wurden oder verstärkt und andere kleine farbige Inseln bilden. Sie erinnert an unwirtliches Terrain und die erschöpfenden Daseinskämpfe mit all den wetterwendischen Zumutungen, die dann Wüstenregionen hinterlassen und zerklüftete Trümmerfelder. Und  dass darin  die unzählig vielen Spuren von Verwerfungen, Ausbrüchen und Umbrüchen  auch weiterhin nicht zur Ruhe kommen.

„Was ich immer schon sagen wollte“ hat Uli Fischer die Komposition genannt, in der die Schriftzeichen wie bewegende Chiffren anmuten und mitunter auch Kopf stehen in dieser Formation von Stoffbahnen, die sich wie zu einer Skyline auftürmen.  Ja, sie wollen  bewegen, assoziativ inspirierend nachdenklich und verweigern sich  eindrücklich einer verbalen Kategorisierung, weil sie sinnlich erfahrbar werden wollen, in Form und Gestalt ihre berührenden Signale setzen.

Weder auf den ersten Blick noch auf den zweiten erschließen sich unmittelbar haltbare Bedeutungen in diesen textilen Objekten, die sich als berührbare Wahrnehmungs- und Denkräume verstehen. Nicht einmal in der Arbeit, die Uli Fischer mit japanischen Fahnen aus dem zweiten Weltkrieg komponiert hat, wo das scheinbar kreisförmige Rot immer wieder anders eingefärbt war  und  er es nun in seiner Form bedrängt und dehnt und sogar überlagert.  Die symbolischen Energieräume sind von Feuchtigkeitsspuren durchzogen, die wie von der dunklen Erdung gespeist anmuten. Im Untergrund lauert der Schatten eines massiven Rechtecks während der Blick sich nun an der ausgefransten schwarzen Stoffbahn verhakt und dieser einen kleinen Krümmung…

Fukushima ist hier natürlich ebenso präsent wie die verstrahlten Körper aber eben nicht nur. Auch hier geht es darum, was Uli Fischer noch alles an Zeitstimmungen und Verwerfungen zur Sprache bringt, wenn er in die Patina eines Stoffes hinein hört, sich an ihren Impulsen reibt und auch an ihren Widerständen und mit ihnen neue Spannungsverhältnisse entwickelt und austariert, so dass sie  sich wechselseitig beflügeln, aufrühren und bewegen. Und das in aller Offenheit und in der sichtbaren, reflektierenden Berührung  mit den Dimensionen dieser existenziellen terra incognita, die auch künstlerisch und  schöpferisch immer wieder neu befragt werden will und in ihrer Vielstimmigkeit ja nie restlos begreifbar wird. In diesem Sinne versteht sich der Titel dieser  Ausstellung „ ein endloser Prozess“  wie eine Aufforderung…

Sich auch als Betrachter immer wieder auf den Weg zu machen, dabei Unsicherheiten und Unbekanntes auszuhalten, achtsam zu sein und auf die Begegnung zu vertrauen, wo sich vielleicht wieder ein Stück Neuland erschließt, das bereits wartet.

Letzte Änderung am Montag, 22 Januar 2018 15:10

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