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Dienstag, 16 Januar 2018 18:01

Lumiere

Palmyra ist untergegangen - „Palmyra“ lässt es wiederauferstehen.

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In der Reihe „Curator’s Cut“ stellte die Sammlung der Gipsabgüsse antiker Skulpturen der Göttinger Universität den „Essayfilm“ Palmyra vor.

Es ist gar keine so leichte Aufgabe über „Palmyra“ zu schreiben. Augenscheinlich handelt der Film von der gleichnamigen antiken Stadt in Syrien, ihrer archäologischen Geschichte, ihrer Zerstörung durch den einmarschierten Islamischen Staat im Jahre 2015 und schließlich der Wiedereroberung durch Truppen Assads. Und doch wäre eine solche Aufzählung kaum vollständig und käme nur unzureichend den Motiven von Regisseur, Autor und Kameramann Hans Puttnies auf die Spur, aus dem Besuch einer Ruinenstadt ein filmisches Essay zu gewinnen.

Wenn die Kamera sich den Ruinen von Palmyra nähert, dann wird jeder Schritt durch eine Erschütterung im Bild sichtbar, ebenso wie der Schatten von Puttnies auf dem sandigen Untergrund sichtbar wird. Zweiteres ließe sich als Hinweis des Filmemachers auf die eigene Anwesenheit und damit den konstruktivistischen Charakter des Kamerabildes verstehen – wenn man denn wollte. Ersteres lässt jedoch viel tiefer blicken, denn Puttnies scheint sich kaum für die Gestaltung des Bildes zu interessieren. Der Schatten, der auf den Boden geworfen wird, scheint vornehmlich der eines Autoren zu sein und nicht der eines Filmemachers, der einer ganz konkreten ästhetischen Vision folgt. Das ist zunächst einmal irritierend: Den Tempelruinen nähert sich Puttnies ohne eine sichtliche Choreographie, Ausstellungsstücken im Museum nähert er sich auf die immer selbe Weise: mit einer langsamen Heranfahrt, um sich dann bestimmten Details der Stücke zu widmen.

Die spröden Bilderwelten seines Filmes lässt Puttnies fast durchgehend musikalisch begleiten. Das ist oft überraschend Beat-lastig und in etwa jene Erwartungen eines westlichen Publikums an orientalische Musik bedienend, die Puttnies auf der kommentierenden Ebene des Voice Overs doch eigentlich versucht kritisch zu reflektieren. Der umfangreiche Off-Text bildet nämlich das Herzstück des Filmes und macht deutlich, weshalb der Regisseur „Palmyra“ in erster Linie als Essay-Film verstanden wissen will. Hier rollt Puttnies nicht nur die archäologische Geschichte der Ruinenstadt auf, wenngleich die historische Nacherzählung einen großen Teil des Filmes ausmacht. Das Voice Over dient ihm vor allem als Ort einer gedanklichen Meditation, die auch die eigene Rolle, und damit die des Westens und möglicher postkolonialer Gesten im Umgang mit fremden Kulturgütern, verhandelt. In seinen Fragen an die Geschichte, die Illusion einer objektiven Rekonstruktion, die Willkür des Überdauerns des einen über das andere und den Wert von alledem im Angesicht der humanitären Katastrophen, die Palmyra lediglich als Kulisse auskleidet, findet der Film zu sich.

Die Menschen, die Palmyra heute bevölkern, spielen erst zum letzten Drittel eine wirkliche Rolle. Hier gibt es auch einen von lediglich zwei O-Tönen im gesamten Film zu hören. In der Begegnung mit dem fünfzehnjährigen Mohamad, einem Souvenir-Verkäufer in Palmyra, wird der Film auch seinem Anspruch gerecht, die antike Geschichte nicht von der Gegenwart zu isolieren, sondern sie als essenziellen Bestandteil dieses Ortes zu begreifen. Denn erst durch die Bedeutungszuschreibungen der Menschen wird Palmyra zu einem Ort der Versprechen. Erst in den Träumen von Mohamad, in seinen Beobachtungen über die verschiedenen Touristennationen, in seiner Familiengeschichte und seinem Schicksal wird dieser Ort lebendig. Dieses Vorhaben einer Re-Kontextualisierung, einer Neueinordnung und einer kritischen Reflexion der eigenen Rolle vertieft Hans Puttnies besonders in der anschließenden Publikumsdiskussion mit dem Sammlungsleiter Daniel Graepler und dem Regisseur Hans Puttnies. Hier werden auch die Verbindungslinien zu den gegenwärtigen Migrationsströmen sichtbar und jene Fragen nach unseren Prioritäten zentriert, von denen man sich wünschte, der Filme hätte sie bereits früher für sich entdeckt.

Letzte Änderung am Freitag, 09 Februar 2018 20:39

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