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Dienstag, 05 Dezember 2017 21:26

Von der Tiefe der menschlichen Seele

geschrieben von
Thomas Lehmann (Lesung) und Astrid Nolte (Musik) in der Göttinger Torhaus-Galerie Thomas Lehmann (Lesung) und Astrid Nolte (Musik) in der Göttinger Torhaus-Galerie Photo: Kindler

 

Szenische Lesung zu Dostojewskis Die Sanfte in der Torhaus-Galerie

„Es ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu sprechen, denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß.“

Einen würdigen Beginn zu seinen Ausführungen über das Genie und die Bedeutung Dostojewskis hat Stefan Zweig in seinem Essayband Baumeister der Welt zweifelsohne geleistet. In der Tat erfordert jede Annäherung an Dostojewski ein behutsames und genaues Vorgehen.

Eine gelungene Annäherung an Dostojewskis Erzählung Die Sanfte wurde am 2. Dezember in der Göttinger Torhaus-Galerie im Rahmen einer szenischen Lesung, in welcher wichtige Abschnitte der Erzählung auszugweise vorgetragen wurden, vollbracht. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen ein wirtschaftlich relativ gut gestellter Pfandleiher und ein junges, in Armut aufgewachsenes Mädchen, die Sanfte. Auf einen Antrag des Pfandleihers hin heiraten die beiden, vermögen es jedoch nicht, Nähe und Verständnis zueinander aufzubauen, was schließlich zum Suizid der Sanften führt.

Erzählt werden die Ereignisse in Die Sanfte im Nachhinein vom verstörten Witwer, in dessen Rolle an diesem Abend der Schauspieler Thomas Lehmann schlüpfte. Die Szenerie war spärlich eingerichtet. Lehmann sitzt fassungslos an einem kleinen Tisch, auf dem eine unangezündete Kerze steht. Die Abwesenheit des Lichtes und Lehmanns Schauspiel trugen zu einer authentischen Umsetzung der Geschichte bei. Dieser vermochte es, die Tragik der Erzählung in jeder Faser seines Schauspiels Ausdruck zu verleihen. Stimme, Gestik und Mimik ließen erkennen, dass hier jemand die durch die Geschichte hervorgerufene Stimmung in sein Innerstes aufgenommen hat.

Im Wechsel mit Lehmanns Lesung sorgte eine kleine Gruppe an Musizierenden, unter der Leitung von Astrid Nolte, für eine atmosphärische Begleitung, welche die Stimmung der Geschichte mit melancholischen Klängen unterstrich. Gesang, Piano, Geige, Gitarre, Percussion und sogar ein Saxophon wurden sehr bedacht eingesetzt, sodass jedes Instrument genug Raum bekam, um seine individuelle Wirkung entfalten zu können. Die Sparsamkeit der Szenerie, Lehmanns Darstellung der Erzählung und die musikalische Begleitung harmonierten wunderbar miteinander. Alle eingesetzten Formen des Ausdrucks wirkten bewusst aufeinander abgestimmt und vermittelten damit einen einheitlichen Eindruck, der in vollem Einklang mit der Erzählung stand.

Im Anschluss an die eigentliche Lesung kam auch der Chor vom Aufwind e.V. zum Einsatz, der, unter Hinzunahme der Stimmen aus dem Publikum, der Tragik Dostojewskis Erzählung die Kraft und Wärme menschlicher Gemeinschaft entgegensetzte. Durch den Chor wurden außerdem Kerzenlichter an das Publikum verteilt, wodurch ein schöner Bogen zu der während der Lesung unangezündeten Kerze gespannt wurde.

Die Torhaus-Galerie war zu diesem besonderen Anlass gut besucht. Der Altersdurchschnitt lag eher im höheren Bereich, vereinzelt waren jedoch auch einige junge Gesichter zu sehen. Womöglich lag das am Stoff des Abends. Dostojewski lässt sich jedoch auch prima als junger Mensch lesen, da in seinem Werk nicht nur groß angelegte Beschreibungen der Gesellschaft seiner Zeit, sowie subtile Erkenntnisse über die Verfasstheit des menschlichen Geistes, sondern auch zahlreiche junge Identifikationsfiguren vorkommen, deren überzeitliche Probleme nicht zuletzt im Generationenkonflikt hinlänglich thematisiert werden. Das Programm des Abends schien beim Publikum in jedem Fall gut angekommen zu sein. Einige stimmten mit in den Gesang des Chors ein und die erwärmende Atmosphäre, die beim gemeinsamen Singen entstehen kann, füllte den Raum. Die Stimmung wurde hierdurch einem Wandel unterzogen. Während sich die Lesung und die musikalische Begleitung auf die Tragik der Erzählung fokussierten, führte der Chor das Publikum vom Dunkeln zurück zum Licht, indem er die heilende Wirkung der Liebe besang.

Vielleicht wäre noch mehr Zeit für die Lesung der Erzählung wünschenswert gewesen. Einige der wichtigsten Abschnitte wurden zwar vorgetragen, jedoch entfaltet sich die wahre Größe Dostojewskis erst in der Achtung der kleinen Details. Doch vielleicht wäre eine einfache Lesung auch zu einseitig. Mit dem Konzept des Abends ist allen Beteiligten jedoch auch so eine gelungene Umsetzung geglückt.

Alles in allem gab es an diesem Abend somit eine kleine Reise durch die Welt der Emotionen. Aus der finsteren und oft schmerzlich realistischen Welt Dostojewskis führten Musik und Gesang zurück zum Licht und sorgten für ein momentanes Aufblühen von Hoffnung auf ein harmonisches Miteinander. Ermöglicht wurde dies durch die Bemühungen einer Vielzahl von Menschen in Zusammenarbeit mit der Torhaus-Galerie, die gemeinsam für einen liebevollen Abend gesorgt haben.

 

 

 

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