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Sonntag, 03 Dezember 2017 10:25

Komödiantischer Crashkurs über nationalsozialistische Restbestände

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Agnes Giese als Adolf Hitler in „Er ist wieder da“ Agnes Giese als Adolf Hitler in „Er ist wieder da“ © Photo: Dorothea Heise)

JT-Premiere „Er ist wieder da“ nach der Bühnenfassung von Timur Vernes Roman in der Inszenierung von Michaela Dicu

Auch die Comedy Szene braucht Nachschub und so ein einmaliger Entertainer wie dieser Adolf Hitler wird einem auch nicht alle Tage auf dem Silbertablett serviert. Der beherrscht den Führerjargon perfekt, fällt nie aus seiner Rolle, kann schnelle Konter zur Geschichte austeilen und ist vor der Kamera einfach unschlagbar. Mit der Political Correctness könnte es ein bisschen schwierig werden. Aber solange das Thema Juden tabu bleibt, kann eigentlich nicht viel passieren. Schon nach seiner ersten Solonummer ist er der Hit in den sozialen Netzwerken und das TV Publikum jubelt. Was für ein Showtalent! Und wenn zum Schluss das gesamte Produktionsteam zum gemeinsamen „Sieg Heil “ posiert, braucht es nicht mal mehr eine Assistentin, die erneut zum Applaus auffordert.

Der Typ ist ein genialer Fake und als solcher wird er auch in der Bühnenfassung von Timur Vernes Roman „Er ist wieder da“ in der Inszenierung von Michaela Dicu am Jungen Theater zunächst auch behandelt. Als schräger Vogel in einer Komödie, die sich über die gegenwärtige Politikverdrossenheit mokiert, über die Law and Order-Sehnsüchte zu Felde zieht und ein paar ironische Warnsignale zur nationalen Gemütslage zu versenden meint. Der mediale Hype, der mit AfD und Pegida einsetzte, wird auch gleich mit verhandelt. Und natürlich lauert in dem Plot mit der Wiederauferstehung Hitlers 70 Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang auch die moralische Gretchenfrage. Die irrwitzige Stringenz in den komödiantisch ummantelten Volksreden ist ja wohl nicht von der and zu weiseHand zu weisen, wenn es um die Aussitzer im Kanzleramt geht, Umweltkatastrophen und eine Ökonomie der sozialen Schieflagen, die die grassierende Zukunftsparanoia noch beschleunigt. Könnte es da nicht  wieder zu stramm stehenden Mehrheiten kommen, die Volkes Stimme mit ausgestrecktem Arm repräsentieren…?

Durch den Bühnennebel kriecht Agnes Giese als leicht verwirrte Gestalt, die trotz ihrer merkwürdigen, arg müffelnden Uniform schon bald Anschluss findet. Ein Kioskbesitzer (Jan Reinartz) steht amüsiert und hilfreich zur Seite, gewährt Unterschlupf und füttert nicht nur das Zeitloch mit Nachrichten über die aktuellen Verhältnisse. Die Uniform erfährt eine Blitzreinigung, und ihre wortmächtige Besitzerin mit dem stoischen Blick bekommt auch gleich die richtigen Connections für einen erfolgreichen Anschluss an die Gegenwart.

Da muss das erfolgsgeile „Flashlight“ Filmteam mit Franziska Lather, Peter Christoph Grünberg und Karsten Zinser, das den Markt mit Event-Shows und Stimmungsmachern füttert, natürlich zugreifen. Wer so überzeugend als Adolf Hitler posiert und argumentiert, ist wie geschaffen für einen Comedy-Scoop, auch wenn der türkische Kollege nörgelt. Sein Timing ist grandios und auch sein dramaturgisches Know-how überzeugen trotz ganz kleiner Bedenken. Schon bald schultert Assistentin Carmen (Katharina Brehl) auch die vielen Hassmails für ihren Führer, und sogar ihre empörte jüdische Großmutter lässt sich von dem neuen Volkesstimmevertreter gerne manipulieren. Der nordet auf der JT-Bühne zwischenzeitlich auch noch die NPD-Enklave gehörig ein, die da so dumpf vor sich hinbrütet und eine weder überzeugende noch medienwirksame Strategie auf Lager hat.

Für so einen komödiantischen Crashkurs über nationalsozialistische Restbestände in der gesellschaftlichen Gemütslage braucht es natürlich Typen mit Klischeeformat. Regisseurin Michaela Dicu gönnt dem JT-Team, verstärkt durch Lisa Schreiber und Eva Sophie, auch viel Spielraum, ihre Figuren unterhaltsam zu überzeichnen. Den durchgekoksten Showassistenten ebenso, wie die türkische Wäschereibesitzerin, die den Deutschkursen für Migranten offenbar entgangen sind. Das rechte Lager vertritt ausnahmslos Dumpfmichel, und die Kreativwirtschaftsszene geiert natürlich nur nach Creditpoints, YouTube-Treffern und Marktanteilen. Bleiben noch ein paar naive Gemüter, die den neuen Showstar nur allzu gern beim Wort nehmen.

Die Situationen, in denen sich Agnes Gieses Hitler mit neuen Kräften und Erkenntnissen rüstet, muten ja oft so schön absurd an. So harmonieren sie auch vom feinsten mit dem Aufgebot an Gags und Gimmicks, die Michaela Dicu mit perfektem Timing arrangiert hat. Der Spaß will einfach kein Ende nehmen, erst recht nicht, wenn sich die Farbe für das Oberlippenbärtchen auf alle Gesichter verteilt hat während zwei widerwillige Gäste im Showbühnen-Off mit kräftigen Tritten ruhiggestellt werden. Fehlt eigentlich nur noch ein Selfie. Aber das hat der umjubelte Adolf ja schon zuvor bekommen, nachdem er seinen Einstieg in das World Wide Web ja auch ganz souverän gemeistert hat. Nun ist es aber endlich Zeit für ein vollmundiges Bekenntnis, auch wenn vielleicht dem ein oder anderen Zuschauer nach dem begeisterten Schlussapplaus im Jungen Theater doch eher zum Gruseln ist.

Pech gehabt. Reality Shows kennen auch im komödiantischen Bühnenformat einfach keine Gnade. Erst recht nicht, wenn es um Fragen von Ironie, Satire und tieferer Bedeutung geht, die dieses schrille Komödienkomplott offenbar nicht im Sinn hatte. „Er ist wieder da“ steht in diesem Jahr als Silvesterkomödie auf dem JT-Spielplan und das natürlich auch mit einem vollmundigen „Sieg Heil“ zum Finale. Das sind wahrlich unterhaltsame Aussichten zum Jahreswechsel.

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