Punkte neu 30 transparentWillkommen im Kulturbüro Göttingen - Ihrem Veranstaltungsportal für Göttingen

Mittwoch, 29 November 2017 08:00

Drei Sinnsucher und Kämpfer - So alltäglich und doch so besonders

geschrieben von
Dorothée Neff, Benedikt Kauff, Gabriel von Berlepsch Dorothée Neff, Benedikt Kauff, Gabriel von Berlepsch © Photo: Isabel Winarsch

„Wasted “ von Kate Tempest in der deutschsprachige Erstaufführung auf der DT-X Bühne

Vieles ist bei Charlotte, Danny und Ted nicht so gelaufen wie geplant. Aber was ist schon planbar in der jugendlichen Abenteuer- und Träumerphase mit dem lustvollen Boykott der gesellschaftlichen Verhältnisse und den exzessiven nächtlichen Partys. Inzwischen hat sich eine Menge Frust angesammelt und das alte Sturm und Drang Lebensgefühl auch ein bisschen erschöpft. Eigentlich kann es so nicht mehr weitergehen mit dem Job, dem geregelten oder auch ungeregelten Alltag, aber was dann?

Auf der DT-Studio Bühne machen sich drei Sinnsucher und Kämpfer ans Werk. Kate Tempest hat ihnen mit „Wasted“ eine Stimme gegeben, in der es pulsiert und brodelt. Das Stück der britischen Rapperin und Dichterin hat die Energie und den Rhythmus eines poetry slam, in den sich hier drei Schauspieler hineinstürzen und aus den gefühlsstarken Sprachbildern ihre Figuren formen. An diesen gemeinsamen Geschichten der Brüche und der Ausbrüche suchen sie den Halt, der ihnen scheinbar abhanden gekommen ist. Bei Ted (Benedikt Kauff) ist es der Bürojob, der zu Sehens nervt, bei Charlotte (Dorothée Neff) der Lehreralltag, in dem sie mit ihren idealistischen Ansprüchen aufläuft. Danny (Gabriel von Berlepsch) ist mit seinen Träumen von einer Band, die Produzenten lockt und die Stadien füllt und nicht nur die Clubs in der off Szene, auch nicht sehr weit gekommen.

Regisseur Johannes Rieder und Bühnenbildner Thomas Unthan haben sich auf einen leeren Raum verständigt, in dem die Stimmungen der Drei sich ausbreiten können. Anlass ihres Treffens ist eigentlich der zehnte Todestag eines alten Freundes, der immer wieder zum imaginären Gegenüber wird. Ihm erzählen sie zunächst ihre Geschichte vom Überdruss und von den erschöpfenden Zweifeln und sinnieren wie Ted über Ausbruchspläne. Einfach mal für ein Jahr abhauen, das klingt schon ganz gut. Auto verkaufen, Wohnung vermieten und dann ab in irgendeinen sonnigen Süden. Charlotte gibt ihrer Beziehung zu Danny nicht mehr viel Halbwertzeit und würde am liebsten auch ihren Job kündigen, während Danny schon wieder auf ein musikalisches start up spekuliert.

Dann ist es wieder an der Zeit für einen Flash back, für Sprüche, launige Konter gegen all die angepassten Alltagsgestalten und Ruhebewahrer, die früher zum gemeinsamen Kräftemessen gegen den Rest der Welt dazu gehörten. Hier vertraut Rieder auf die unmittelbare Wirkung des englischen Textes, für den die Schauspieler einen gemeinsamen Chor bilden, und lässt die deutschen Übersetzungen einblenden.

Es ist natürlich leichter, sich mal wieder richtig abzuschießen, so wie früher und in Erinnerung an die vielen durchzechten Nächte oder den Drogenflash, in dem alles möglich schien, dass einen nicht zum angepassten Langeweiler werden lassen würde. Also wummern jetzt die Beats, während sich auf der Bühne drei Plastikfiguren aufblähen und eine wunderbar surreale Kulisse für die tanzenden Körper und ihre Sehnsüchte bilden. In der Choreographie von Felicitas Madl verschmelzen sie zu einem gemeinsamen vielstimmigen Körper, im Vertrauen auf die gemeinsame Freundschaft, die ja auch einiges auszuhalten vermag. Sogar die Eifersüchteleien untereinander, das der andere die Kurve irgendwie besser gekriegt hat, auch was die halbwegs gesicherten Verhältnisse angeht, sind für den Moment weg geblendet. Und nicht einmal der morgendliche Drogenkater kann die Aussicht vertreiben, dass es schon irgendwie weitergeht. Die Drei hängen auch an diesem Leben, wie es jetzt ist, seinen Vertrautheiten und seinen manchmal nervigen Ritualen. Es gibt schließlich Schlimmeres als mit der Liebsten bei IKEA dröges Wohnzubehör zu begutachten und mit ihren Verwandten ein weiteres Baseballspiel zu überstehen. Ein bisschen mehr Gitarre üben und den nächsten Gig souveräner zu stemmen klingt ja auch nicht gerade schrecklich. Und den Kids in der Schule den Support zu geben den sie brauchen, könnte schließlich eine Aussicht sein die es wert ist, sich weiter darauf einzulassen.

Das schließt natürlich weitere flash backs nicht aus. Auch das wissen Kate Tempests Alltagshelden, deren Geschichten so typisch alltäglich klingen und darin so vertraut anmuten. Die Autorin macht sie zu ganz besonderen Geschichten ebenso wie Johannes Rieder mit seiner Inszenierung. Es ist dieser zugeneigte Blick unter die scheinbar profane Oberfläche, wo es immer noch unruhig zugeht und der jugendliche Aufruhr nie ganz verstummt ist. Der meint das weitere Leben und erst recht die vielen Unabwägbarkeiten, die es noch erwarten lässt. Deshalb regnet es am Ende auch Lametta vom Bühnenhimmel, schön goldglänzend und aufmunternd.

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Jetzt schon Tickets sichern

Kulturticket

Gandersheimer Domfestspiele

Figurentheatertage