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Samstag, 18 November 2017 17:32

Zwischentöne und die Reflektionen

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Wilbert Olinde und Christoph Ribbert Wilbert Olinde und Christoph Ribbert Photo: Fibiger

„Deutschland für eine Saison“ - Lesung mit Wilbert Olinde und Christoph Ribbert auf Einladung des Literarischen Zentrums

Die Stimmung in der Felix-Klein- Sporthalle ist so aufgeheizt wie vor einem Spiel. Schließlich geht es an diesem Abend um das Thema Basketball und um eine Erfolgsära, an der Wilbert Olinde entscheidenden Anteil hatte. Mit seinem ersten afroamerikanischen Basketballspieler gewann der ASC Göttingen in den 70er drei Meistertitel und wurde zwei Mal Pokalsieger. Es gibt bereits die ersten Beifallsstürme, bevor das sportlich-literarische Spiel mit Olinde und seinem Biographen Christoph Ribbert angepfiffen wird und die beiden ihr Buch „Deutschland für eine Saison“ vorstellen. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler punktet mit dem Hinweis, dass Wilbert Olinde für Göttingen die Bedeutung habe wie Uwe Seeler für Hamburg – die Fangemeinde jubelt. Sie wird später auch ins Staunen geraten, und das weniger über die Berichte von sportlichen Highlights voller Dramatik, sondern vor allem über die Geschichten, die überhaupt erst dazu geführt haben, dass der 22jährige ASC Newcomer seine erste Göttinger Saison am Ende um neun Jahre verlängerte.

Es gibt viele unterhaltsame Abstecher, in denen sich Olinde und Ribbert die Bälle mit Texten und Kommentaren zuspielen. Zum Beispiel mit der Ankunft Olindes, nachdem ihn Trainer Terry Schofield aus Kalifornien von dem Top Basketball College abgeworben hatte, wo sich seine Aussichten auf eine Profikarriere zu Sehens verschlechterten. Wie er sich am Frankfurter Flughafen über die Beate-Uhse-Niederlassung wunderte und die Taxifahrer für wohlhabend hielt, weil sie alle in einem Mercedes unterwegs waren. Die Einladung des Bundeskanzleramtes ist ebenfalls eine Anekdote wert, wo Olinde zunächst Probleme mit seinem Einbürgerungsantrag erwartete und stattdessen Helmut Kohl mit einem Dunking begeisterte. Doch zunächst liest Ribbert aus dem ersten Kapitel der eben nicht nur sportlich biografischen Zeitreise. Es beginnt mit einer strapaziösen Fahrt von Baton Rouge in ein Krankenhaus nach New Orleans, weil es dort eine schwarze Geburtsabteilung gibt, die Sarah Olinde umsonst versorgt, auch wenn sie sich sonst an die rassistischen Vorgaben hält. Mit Blutkonserven in den zwei Versionen „coloured“ und „white“.

Diese Geschichte, und wie das Baby, dass eigentlich Cecil Jerome heißen sollte und dann in Wilbert Louis Jr. umbenannt wurde, weil es seinem Vater so ähnlich sah, taucht natürlich nicht den Stapeln von Zeitungsartikeln, Fotos und Kommentaren auf, die Ribbert in Olindes Hamburger Wohnzimmer zum Erstaunen seines Gastgebers so geduldig studierte und sich ständig Notizen machte. Jetzt witzeln die Beiden über die vermeintliche Verzögerungstaktik Olindes, der seinem Biografen erst bei den vielen gemeinsamen Telefonaten entscheidende Details erzählte.

So wie das Buch springt auch die Lesung zwischen den Zeiten und den Schauplätzen, den persönlichen Erfahrungen der „schwarzen Perle“, wie ihn die Göttinger Presse nach seinen ersten Einsätzen nannte, wenn sie über seine beeindruckende Sprungkraft berichtete und sein unauffälliges Vorgehen. Dass er dem Verein nach seinem VWL Studium treu blieb, bis eine Krebserkrankung sein sportliches Engagement endgültig beendete und Olinde nach Hamburg zog, wo er jetzt als Unternehmensberater und Personal Coach arbeitet. Viele Episoden erinnert an Mutproben und an Hürden, die sich nicht nur in der Godehardhalle abspielten, wo ein Teamplayer vor allem als Spielmacher gefordert war, obwohl er gar nicht so gern im Mittelpunkt stehen mochte.

Immer wieder landet Olinde Treffer aus der Tiefe des Raumes, wenn er von einem völlig untalentierten jungen Baseballspieler erzählt, der zum Basketball wechselte und als schlechtester Spieler in der Nachbarschaft fünf Jahre später bereits San Diegos Top Scorer war. Der hatte seine wahre Leidenschaft gefunden, um damit auch in Göttingen Hürden und Irritationen zu meistern und nicht nur die, dass jedes Spiel, egal ob Sieg oder Niederlage, im Altdeutschen endete. Inzwischen wundert sich Olinde auch nicht mehr über Zeitgenossen, die für Radioberichte zur Fußballbundesliga begeistern anstatt ins Stadion zu gehen oder über den typischen Deutschen, der erst bei 20 Grad Tauwetterlage verspürt, um stattdessen den Wechsel der Jahreszeiten zu genießen. Als anpassungsfähig erwies sich auch der Fuerteventura-Tourist, der dann eben schon morgens um 6 Uhr die Strandliegen für sich und seine Frau mit einem Handtuch sicherte.

Auch über Olindes Krebserkrankung sprechen die beiden Zeitchronisten: diese Phase, die der 52jährige wie eine dieser Unebenheiten betrachtet, die es zu meistern gelte, die entscheidend dazu beigetragen habe, was aus seinem Leben geworden sei. Das geschieht immer wieder mit dem Blick zurück auf die rassistischen Verhältnisse, unter denen er aufgewachsen ist, und mit der Erfahrung, dass viele Deutsche mit ihm erstmals einem Schwarzen begegneten. Nicht immer mochte er Ihnen begreiflich zu machen, dass er mehr ist, als seine Hautfarbe mit all den Facetten, die ihn ausmachen. Manchen Episoden, die Ribbert in seinem Buch beschreibt, haben auch jetzt in der Erinnerung Olindes eine lakonische Färbung. Die Geschichte des Maklers, der eine weiterhin leer stehende Hamburger Wohnung für bereits vermietet erklärte. Ebenso wie Jahre zuvor die Bemerkung bei seiner Immatrikulation an der Georgia Augusta, dass er doch wohl nur auf eine Krankenversicherung aus sei.

Ribbert macht einen Zeitsprung, hin zu seiner letzten Reise nach Louisiana, wo er nicht nur die Familiengeschichte der Olindes recherchierte und die biografischen Schauplätze mit ehemaligen Nachbarn, Collegetrainern und Zeitgenossen erkundete. Zutiefst berührend schildert er die Begegnung mit Wilbert Olinde Senior in einem Pflegeheim, wo ihn auch weiterhin nicht jeder weiße Bewohner am Mittagstisch duldet.

Für Ribberts zweite Erzählspur mit den politischen Zeitstimmungen, wie sie die amerikanische und die deutsche Gesellschaft gerade auch in den 70er Jahren prägten, bleibt bei der Lesung wenig Raum. Doch inzwischen sind die Zuhörer bereits hellhörig geworden für all die Zwischentöne und die Reflektionen, die das Buch „Deutschland für eine Saison“ immer wieder anklingen lässt. Göttingens Oberbürgermeister macht gern noch ein bisschen Werbung für das biografische Portrait über einen Amerikaner in Göttingen, mit dem ja vielleicht sogar Literaturgeschichte geschrieben wird. Später berichtet Olinde vom Besuch eines Basketballspiels mit dem Team seines Sohnes in Bamberg, wo sich ein Besucher bei ihm mit den Worten bedankt habe, Danke für dein Buch und für dein Leben. Die Fangemeinde in der Felix-Klein-Halle feiert ihn mit standing ovations.

 

 

 

 

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