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Dienstag, 14 November 2017 17:26

Beschwingende, mitunter auch berauschende Nachwirkungen

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Marshall Allen, der Maestro des "Sun Ra Archestra"  mit Sängerin Tara Middleton.. hinter den drums und dem Saxofon versteckt sich Tro Marshall Allen, der Maestro des "Sun Ra Archestra"  mit Sängerin Tara Middleton.. hinter den drums und dem Saxofon versteckt sich Tro © Photo: Fibiger

Nachlese zum 40.Göttinger Jazzfestival

Jetzt kann es wieder Wochen und Monate dauern bis zum nächsten Jazz-Event. Doch nach dem 40. Göttinger Jazzfestival verzögert sich die Katerstimmung vermutlich noch eine ganze Weile. Es sind vor allem beschwingende, mitunter auch berauschende Nachwirkungen, die das Festivalwochenende im Deutschen Theater hinterlassen hat. Und sei es bei dem grandiosen Finale auf der großen Bühne, als Marshal Allen und Tara Middelton ein bisschen Magie ins Spiel bringen, im Duett „This is a space age“ anstimmen und das „Sun Ra Archestrka“ eine kosmische Klangwelt herbei zaubert. Da swingt und grooved es leidenschaftlich und mit viel Abenteuerlaune, die Bandleader Marshal Allen mit seinem Altsaxofon gerne noch ein bisschen antreibt und mit wilden Klangkaskaden aufmischt. Stolze 93 Jahre schultert der „Maestro“, wie ihn seine elf musikalischen Gefährten liebevoll nennen. Maestro ist allerdings auch ein echter Derwish mit einem unglaublichen Vorrat an Lebensenergie und einer Spielfreude mit hochgradig ansteckender Wirkung.

Schon das Eröffnungskonzert am Freitagabend war einer musikalischen Legende gewidmet: Mit dem Sextett des langjährigen Afro-Beat Drummers Tony Allen, das sich auf ein hoch subtiles Klanggewebe verständigt. Allen ist außergewöhnlich sparsam mit rhythmischen Akzenten, wenn sich die musikalischen Dialoge filigran und feinsinnig entfalten und Bass und Gitarre zu einer gemeinsamen dunklen Tönung finden, die dann auch das Piano aufnimmt. Oder wenn Saxofon und Trompete wieder einen dieser intimen Räume dualer Schwingen kreieren. Es gibt in diesen fein gesponnenen Klanggeweben keine Aufgeregtheiten und keine dramatische Effekte. Auch deshalb muten sie vielleicht so unprätentiös an und lassen an ein musikalisches Kammerspiel denken, zum geistreichen Flanieren zwischen den Klangarben und Formen.

Die verdienten standing ovations bekam allerdings erst das nachfolgende Quartett „A novel of Anomaly“. Sänger Andreas Schaerer, Akkordeonist Luciano Biondini, Gitarrist Kalle Kalima und Drummer Lucas Niggli betreiben offenbar am liebsten musikalischen Hochleistungssport .Virtuos versteht sich und mit einem wahren Feuerwerk an Ideen, die jeder Musiker für sich ausbrütet, egal ob sie auf Gegenliebe stoßen oder auf Widerspruch, so dass es immer wieder zu abenteuerlichen musikalischen Kollisionen und Höhenflügen kommt.

Auch surreal anmutende Höhenflüge sind ein Fall für das Göttinger Jazz-Festival und mit der finnischen Band „Gourmet“ eine Entdeckung wert. Da lauert immer ein Hauch von Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung, wenn die sechs Musiker zwischen Jazz, Swing und Tango flanieren und die Tuba mächtig dunkel brummt weil sie denn Bass Part übernommen hat. Darf‘s eine Runde Big Band Sound sein oder ein Abstecher in Vaudeville und Musette Regionen? „Why not“ verkünden die Musiker, mischen die Karten mal wieder neu und locken ihr Publikum mit einem harmonischen Flow gut gelaunt in die Irre, weil dahinter ein schräges Bläserkomplott lauert. Mit einem leichten Augenzwinkern versteht sich.

Auch der Klarinettist Rolf Kühn zählt zu den Großen der Zunft. Ebenso wie bei Festival Senior Marshall Allen führen Begriffe wie Jazzlegende oder Altmeister eher in die Irre. Es ist schließlich nicht nur das musikalische Erfahrungswissen, das den 83jährigen Musiker auszeichnet sondern viel mehr seine anhaltende Neugier und eine musikalische Energie, wie sie jeden Dialog belebt und nuanciert. Darauf versteht sich auch seine Unit Formation mit Saxofonist Philipp Grooper, Gitarrist Ronny Graupe, Bassist Johannes Fink und Christian Lillinger an den Drums, die mit ihm den Festivalsamstag auf der großen Bühne eröffneten. Im offenen Austausch von Ideen, Notizen und Anmerkungen formen sie an ihren Klangräumen, die immer wieder befragt und kommentiert werden und auch zugespitzt. In vielen Kompositionen kommt es nach einer geschmeidigen Phase zu expressiven Ausbrüchen auf die dann eine sanfte Erdung folgt und die Klarinette einen weiteren Dialog ankündigt.

Das Festival Team setzt auch am Festivalsamstag auf dramatische Kontraste. Stürmisch wird es auf der DT-Bühne nach den nuancierten Dialogen der Rolf Kühn Unit. Enthusiastisch feiert das Publikum das israelische Trio „Shalosh“. Es rockt gewaltig zwischen Piano, Bass und Drums, wo die sanften Grooves nur in den melodischen Figuren geborgen sind, die Pianist Gadi Stern in minimal music Skizzen verwandelt, um dann mit Drummer Matan Assayag und Bassist David Michaeli das nächste Klangmassiv zu erstürmen. Dass die drei Musiker für Nirvana schwärmen, wird in jedem Beat spürbar. Auch ihre Faible für Brahms, wenn der stürmische Aufruhr symphonische Dimensionen annimmt.

Die wenigsten Zuschauer schwächeln nach dieser impulsiven Tour de Force, auch nicht die Musiker des Sun Ra Archestra, die das Festival nach einem Stau auf der Autobahn erst mit Verspätung erreichten und auf ein musikalische warm up verzichten mussten. Mitternacht ist lang vorbei, als Tony Allen seine Band mit wilden Saxofonkaskaden bestürmt und die Musiker ihr Publikum mit einem Free Jazz Intermezzo berauschen. Sie begeistern mit Swing Persiflagen, Hollywood Schmelz und groovigem Bigband Sound, bis es an der Zeit für eine Runde Boogie Woogie Charme oder einen richtig fetten Blues, der mit vielen schönen Herztönen bezaubert. Die Beschwörungsformel wirkt: „This is a space age“ und das nicht nur für ein paar Stunden sondern lange über das Festival hinaus.

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