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Sonntag, 12 November 2017 19:08

Spielen um des Spielens Willen

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Das Ubik-Trio zu Gast im Göttinger Apex Das Ubik-Trio zu Gast im Göttinger Apex © Bild: Goos

Das Ubik Trio präsentiert Christian Morgenstern im Apex

Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis
und träumte von Liebe und Freude.
Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß
glänzten die Stadtwallgebäude.

Der Seufzer dacht' an ein Maidelein
und blieb erglühend stehen.
Da schmolz die Eisbahn unter ihm --
und er sank -- und ward nimmer gesehen.

Diese und weitere Verse in gewohnter Morgensternmanier präsentierte das Ubik Trio am Freitagabend in eigener musikalischer Interpretation im Apex. Jazzklänge und die Rezitation von Morgensternversen, eine durchaus gewagte Version, aber sehr gelungen.

Der Gedichtzyklus „Galgenlieder“ fand seinen Ursprung im Rahmen eines Kreises von acht Freunden, dem Bund der „Galgenbrüder“, die am Galgenberg bei Werder (Havel) in Potsdam zusammentrafen, unter ihnen Christian Morgenstern selbst. 1905 wurden die Verse wie „Das Knie“, „Der Lattenzaun“, „Der Rabe Ralf“ und auch „Der Mond“, in Buchform veröffentlicht und erfreuen sich noch heute großer Beliebtheit.

In einer kurzen Einführung sprach der Gitarrist und Komponist des aus Hannover stammenden Ubik Trios, Michael Seubert, über die Beweggründe, ausgerechnet Morgensterns Galgenlieder in einem Musikprojekt zu thematisieren: so war es „das Spielen um des Spielens“ willen, das auch in Morgensterns spielerischer Wortleidenschaft präsent ist und in dem sich das Trio wiedererkannte. Die Galgenlieder seien als Spiegel der Zeit und als Reflexion des damaligen gesellschaftlichen Umfelds zu verstehen, hin- und hergerissen zwischen Zukunftsangst und Aufbruchsstimmung. So verspielt wie Morgensterns Verse war an diesem Abend auch die musikalische Umsetzung durch das Trio, das die bekannten Verse, gesprochen von Michael Seubert, mit experimenteller Klangmelodie untermalte. Dabei ließen sie auch Elemente der aus Morgenstern Epoche stammenden Werke des Musikers Arnold Schönberg einfließen. Morgensterns charakteristische Lyrik fand ein musikalisches Pendant mit Gitarre, Kontrabass und Schlagwerk. Beeindruckend war dabei vor allem Willi Hanne, ein Klangkünstler, der die Anwesenden mit bemerkenswertem Feingefühl für facettenreiche Klangebenen faszinierte. Unglaublich, welch Bandbreite an Alltagsgegenständen nach und nach hinter dem augenscheinlich gewöhnlichen Schlagwerk hervor gezaubert wurde, um mit Hilfe einer Mülltüte, eines Handfegers, kleinen Rasseln und allerlei anderem Utensil, Morgensterns Galgenhumor zum Ausdruck zu bringen. Auch der Gitarre entlockte Seubert dabei ungewöhnliche Klänge, ebenso Johannes Keller, der zeigte, dass nicht nur die Seiten eines Kontrabasses, sondern auch all seine Flächen musikalisch eingesetzt werden können. Die Musik des Ubik Trios wirkt speziell durch ihren experimentellen Charakter, was dem Abend eine ganz besondere Note gab. Insbesondere das kurze Stück „Idyll Zwei“, das harmonische Zwischenspiel bei so viel Galgenstimmung, beeindruckte durch den Einsatz von vier Megaphonen und brachte nochmals die feinfühlige Erzeugung außergewöhnlicher Klangwellen und die leidenschaftliche Experimentierfreude des Trios zum Ausdruck, was auch akustisch hervorragend in dem kleinen Raum zur Geltung kam.

An der übersichtlichen Besucherzahl waren jedoch die Auswirkungen der Parallelveranstaltung im Rahmen des Jazz-Festivals spürbar.

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