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Freitag, 10 November 2017 22:35

Es gibt Musik, die muss man gesehen haben.

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Maximilian Hornung (Cello), Mark Rohde (Dirigent) und das Göttinger Symphonie Orchester Maximilian Hornung (Cello), Mark Rohde (Dirigent) und das Göttinger Symphonie Orchester © Bild: Wortmann

Das Göttinger Symphonie Orchester unter der Leitung von Mark Rohde mit dem Cellisten Maximilian Hornung

Der Originaltitel „Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang“ spiegelt die komplizierten Verhältnisse viel mehr wieder, als der kurze Titel „Siegfried Idyll“. Richard Wagner widmete dieses Stück seiner frisch angetrauten Cosima und verarbeitete darin eine ganze Reihe von vorangegangenen Verwicklungen und Ereignissen.

Der Dirigent Mark Rohde nahm diese Verwickelungen im 3. Konzert des Philharmonischen Zyklus I auf und setzte es an den Anfang des Abends, der mit „Endzeit“ überschrieben wurde. „Endzeit“ für ein Stück eines frisch Verheirateten? Das lässt viel Raum für Interpretationen, den Rohde durchaus genutzt hat. Immer wieder trieb er einzelne Stimmgruppen an und intensivierte den Ausdruck der Musik enorm.

Entstanden ist eine Gemengelage der Gefühle, die der perfekte Boden war für Elgars berühmtes Cellokonzert. Als Solist konnte Maximilian Hornung gewonnen werden. Die beiden ECHO-Preisträger Hornung (2011) und Göttinger Symphonie Orchester (2017) harmonierten prächtig, auch dank der umsichtigen Steuerung Mark Rohdes. Er ließ dem Cellisten den notwendigen Raum, Hornung zeigte absolute Stilsicherheit: mit sattem, gefühlvollen Ton füllte er mühelos den Saal. Hornung, Rohde und das GSO gestalteten diese romantische Musik wunderbar ausdrucksstark.

Nach der Pause das moderne Stück – und wahrlich kein Grund, die Göttinger Stadthalle in der Pause zu verlassen. Es gibt Musik, die muss man gesehen haben. Das Konzertouvertüre „Con brio“ von Jörg Widmann (geboren 1973) gehört dazu. Das lag überwiegend an Pedro Manuel Torrejón González an der Pauke. Was dieser Mann in diesem rhythmisch überaus verzwackten Stück leistete, war schier unglaublich – man muss das gesehen haben: Gonzáles zeigte sich nicht nur ausgesprochen rhythmussicher, was den anderen Orchestermusikern mit Sicherheit geholfen hat. Nein, er war auch unglaublich flink zu Werke. Dabei galt es nicht nur, das Paukenfell zu bearbeiten: auch andere Stellen der Instrumente wurden angeschlagen. Zusammen mit den Geräuschen aus anderen Instrumenten im Orchester ergab es fast Dschungelgeräusche. Widmann versuchte in seinem Werk, den Gestus von Beethovens Symphonien 7 und 8 aufzunehmen. Das ist ihm durchaus gelungen: die Schnitte und Brüche bei Beethoven fanden sich auch bei Widmann wieder. Dennoch ist es eine absolut eigenständige Komposition, die im Publikum spontan Begeisterung auslöste.

Und weil Widmann eigenständig standhält, erklang am Ende nicht Beethoven, sondern Sibelius, und zwar die Symphonie Nr. 7. Diese Klangfülle komponierte der finnische Komponist Jean Sibelius in einem Stück, also ohne Satzeinteilung. Gut 20 Minuten erklang die finnische Landschaft vor den Augen der Zuhörer in der leider nur mäßig besetzten Stadthalle. Ganze Wälder zogen an einem vorbei, während Mark Rohde eine große Bandbreite an Dynamik vom Orchester abverlangte. Hier zeigte sich nun auch, worauf sich die Überschrift des Abends bezog: Bei Sibelius geht es um „Endzeit“, war es doch das letzte symphonische Werk von Jean Sibelius.

Es gibt Musik, die muss man gesehen haben. Auch deshalb, weil sich an Abenden wie diesen dem Publikum erschließt, was für eine Beziehung ein Dirigent zu einem Orchester während eines Konzertes haben oder aufbauen kann. Dem derzeitigen 1. Kapellmeister der Staatsoper Hannover Mark Rohde ist es gelungen, das Orchester in seinen Bann zu ziehen. Das konnte man nicht nur hören, sondern auch sehen und spüren.

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