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Donnerstag, 09 November 2017 18:34

Zwischen Konfetti und Kuschel-Lyrik

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Julia Engelmann und ihre Band in der Göttinger Stadthalle Julia Engelmann und ihre Band in der Göttinger Stadthalle © Bild: Hornburg

Julia Engelmann stellt ihr erstes eigenes Programm vor

Die Geschichte des Durchbruchs geht in etwa so: Eine junge Frau von 21 Jahren trägt ein Gedicht in einem Hörsaal in Bielefeld vor, erzählt von der Angst darum, die Zeit nicht richtig zu nutzen und von den Selbstzweifeln, die die geschmiedeten Zukunftspläne immer wieder durchkreuzen. Sie verlässt die Bühne, bekommt tosenden Applaus und erst einmal passiert gar nichts. Das Campus TV Bielefeld zeichnet den Auftritt auf, veröffentlicht den Mitschnitt im Juli 2013 auf seinem Youtube-Kanal. Einige Monate später erfährt das Video über die einschlägigen sozialen Plattformen plötzlich virale Verbreitung. Bis heute wurde das Video über 11 Millionen Mal geklickt. Die junge Frau aus dem Video heißt Julia Engelmann, heute ist sie 25 Jahre alt. Sie ist Slam-Poetin – eine moderne Dichterin, die den Wettstreit mit anderen Dichtern sucht.

Dass sie an diesem Abend auf der Bühne der Stadthalle Göttingen steht, bedeutet, dass sie es geschafft hat. Mit ihrem ersten eigenen Programm „Jetzt, Baby – Poesie und Musik“ bereist sie bis Mitte Dezember diesen Jahres die Republik. Im Sommer 2018 sollen noch zwei Auftritte auf Festivals folgen. Ihr Programm setzt sich dabei erwartungsgemäß aus Gedichtvorträgen zusammen, für die sie nicht nur auf Youtube, sondern schon davor auf Poetry-Slam-Bühnen bekannt geworden ist, wird jedoch durch musikalische Einschübe mehr als nur ergänzt. Songs aus ihrem ersten Album, mit dem naheliegenden Titel „Poesiealbum“, nehmen neben den Gedichten einen fast schon ebenbürtigen Part ein. Das ist wenig überraschend – ab September kommenden Jahres soll ihr Album auf einer weiteren Tour vorgestellt werden.

Es ist es vor allem die Musik, die überzeugt. Engelmann wird begleitet von zwei Musikern, die die Parts der verschiedensten Instrumente live einspielen und dann in Schleife schalten. So erreichen sie den Sound einer ganzen Band ohne auf Playback zurückgreifen zu müssen. In den musikalischen Arrangements des Abends werden vor allem die großen Parallelen zwischen Musik und Poetry sichtbar. So verrät Engelmann, dass sie viele ihrer Gedichte zu den Klängen eines bestimmten Musikstücks schreibt. Sichtbar wird das beispielsweise in ihrem Gedicht „One Day / reckoning text“, das sie bei Youtube berühmt gemacht hat. Dort setzt sie mit einer Zeile aus dem Lied „Reckoning Song“ des israelischen Folksängers Asaf Avidan und seiner Band ein. Und ebenso wie die meisten Songs zirkulieren viele ihrer Gedichte um einen Refrain, der der die Botschaft oder zentralen Leitmotive nochmals komprimiert.

Während Gedichte Gedanken am besten transportieren können, sind Lieder besser für Gefühle geeignet, erklärt Engelmann ihre zunehmende Konzentration auf die Musik. Im Falle von „Grüner wird’s nicht“, zu dem kürzlich auch ein Musikvideo veröffentlicht worden ist, entstand das Lied aus dem Gedicht. Und „Grapefruit“ ist schließlich die symbiotische Zusammenführung von Gedichtvortrag und Gesang. In ihren musikalischen Einschüben überträgt Engelmann eine ganz neue Energie und ihre oft einfachen, zur Selbstermächtigung appellierenden Textinhalte scheinen in der Musik sogar heimischer zu sein als im Gedichtvortrag. Das mag daran liegen, dass ihre Texte zwar von einer erfrischenden Klarheit sind, aber eben nicht besonders komplex. Das muss keine Schwäche sein, schließlich bemisst sich Kunst nicht an seiner Komplexität, sondern an seiner Wirkmächtigkeit.

Es ist besonders auffällig, dass beim Auftritt von Engelmann kein doppelter Boden sichtbar wird. Nichts wird nochmals ironisch gebrochen oder auf irgendeine Weise subversiv angelegt. Wenn sie ein Gedicht für ihre Eltern oder ihren Bruder vorträgt, darin ihrer Dankbarkeit ihnen gegenüber Ausdruck verleiht, dann ist das so einfach wie es klingt. Ebenso klar und einfach ist ihre Freude über Konfetti, das sie über den gesamten Abend hinweg auf der Bühne verteilt. Es wird ziemlich schnell klar, weshalb Engelmann insbesondere unter Gleichaltrigen als Stimme der Generation gefeiert wird. Themen wie Selbstfindung und Zukunftsangst sind ebenso groß und schwerwiegend, wie sie vage sind.

In den geschilderten Angstwelten kann sich im Grunde jeder verorten, oder daran erinnern, wie es war, darin gelebt zu haben. Ebenfalls maximal massentauglich ist ein Plädoyer für die stillen Poeten des Alltags. Die Rolle des Underdogs, der lediglich unterschätzt wird und doch viel zu sagen hat, ist für Mittzwanziger sicherlich ein kaum auszuschlagendes Identifikationsangebot. Dass Engelmann das alles ernst meint, steht dabei außer Frage. Und sie stellt dem postmodernen Ironie-Zwang Böhmermann'scher Ausprägung den unbedingten Willen zur Wahrhaftigkeit entgegen. Das ist löblich, aber man wird das Gefühl nicht los, dass sie abseits der altbekannten, immer etwas larmoyant formulierten Sinnfragen junger Erwachsener nicht viel zu erzählen hat.

Das Neueste von Kai Marius Hornburg

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