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Donnerstag, 02 November 2017 21:01

Johannes Eidt „Fortschreitend“ - graphische Werke

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„Fortschreitend“ von Johannes Eidt, 65 x 55 cm, Handsiebdruck. „Fortschreitend“ von Johannes Eidt, 65 x 55 cm, Handsiebdruck. © privat

Zur Eröffnung der Ausstellung in der Reihe „Kunst am Fassberg“ sprach Tina Fibiger die Einführung. Lesen Sie hier ihren Text im Wortlaut:

Wann haben sie zum letzten Mal einen Bühnenraum auf sich wirken lassen, so vor Beginn der Vorstellung, bei geöffneten Vorhängen und nur mit Blick auf die Dingwelt, die noch in Ruhe von sich reden macht, ohne dass sich ein Schauspieler wortreich einmischt? Gerade in diesen kontemplativen Momenten ist eine scheinbar stumme Wand besonders gesprächsbereit. Auch der Sessel, auf dem später vielleicht niemand Platz nehmen wird, hat viel zu erzählen, wenn man ihm zuhört. Jedes noch so unscheinbare Requisit ist in Plauderlaune, noch bevor es sich dann für das Schauspiel in irgendeiner Weise nützlich machen muss… und sei es als irritierendes Element, wenn zur Abwechslung mal nicht seine funktionale Bedeutung gefragt ist.

Nicht anders verhält es sich für mich mit den Motiven in den Bildräumen von Johannes Eidt, in denen sich so viel deuten und bedeuten lässt, aber nicht einfach so praktisch anschaulich und vor allem nicht eindeutig. Ich würde mir wünschen, dass Sie sich jetzt mit mir wie Theaterbesucher in diese Ausstellung auch wie in eine Galerie von Bühnenräumen begeben. Sie werden staunen, was sie darin alles anzusprechen vermag, selbst wenn Manches sie mitunter gern verwirren möchte.

Nehmen Sie zum Beispiel das Szenario auf dem Ausstellungsplakat, dem Eidt den Titel „Mein Sprung vom Dreier“ gegeben hat. Ja, es geht um eine Mutprobe, die dieser gestreifte Körper wagt, und weg von diesen Brettern, die aus einem kantigen Gebäude herausragen. Vis à vis hat der Künstler zwei füllige Körper wie Beobachter am Rande einer blauen Fläche postiert. Doch die eigentliche Bewegung vollzieht sich in dem grauen Luftraum, mit diesem geflügelten Objekt, das sich von dieser Kulisse der präzise austarierten Farbräume und Kontraste abhebt und vielleicht sogar ein bisschen Leichtsinn in die geordneten Bildverhältnisse bringt.

Diese geflügelten Objekte, manchmal auch Vögel, Insekten und Drachen, sind in vielen Arbeiten von Johannes Eidt unterwegs und mischen sich in die Bildschauplätze ein. Der Künstler versteht sie auch als dynamisches Element in seinen Kompositionen, aber eben nicht nur, wenn es zunächst den Blick bewegt und irritiert und dann seine assoziative Wirkung entfaltet. Und sei es, damit der Betrachter sich fragt, was ihm hier fehl am Platz erscheint ohne es zu sein und warum eigentlich. Warum diese vertrauten Ausschnitte von Realität zu schönsten absurden Konstellationen finden und die Dinge ein Eigenleben entwickeln. Selbst die sieben Bratäpfel, die Eidt Ihnen hier angerichtet hat, wo sich einer offenbar verflüchtigt hat. Sollte der sich in einen dieser geflügelten Unruhegeister verwandelt haben…

Ähnlich verhält es sich mit den gut gepoltsterten Stiefeln, die Eidt ebenfalls gerne als Gestaltungselement einsetzt. Man kann dabei an Bodenhaftung denken, oder eben auch an eine Mobilität, die bei ihm oft über unwegsames Gelände führt, steinerne Flächen und rauhe Landschaften. Der Künstler spricht hier von einem Symbol für Unabhängigkeit, von der Aussicht, sich dabei über Hindernisse und Störfälle hinweg zu bewegen, was seinen kleinen Flugkörpern natürlich leichter fällt.

Man kann sich natürlich zunächst mit Hilfe der Bildtitel einen hilfreichen Reim machen, mit denen Eidt seine Motive auf wunderbar hintersinnige Weise versieht und so auch ihre Mehrdeutigkeit anspricht. Die ist nicht immer so offensichtlich wie bei der Arbeit, die auf Ihrer Einladungskarte abgebildet ist. „Fortschreitend“ meint eben nicht nur den Fortschritt, während sich Räderwerke und Skalen drehen, sondern auch die Fortbewegung in die Gegenrichtung, wo es vielleichte etwa geruhsamer zugeht und nicht so dynamisch hochtourig. „Der laufende Motor“ erfährt ebenfalls seine feinsinnige Sabotage, wenn Eidt diese dunkle Kiste mit dem Spektakel unter der aufgeklappten Motorhaube mit Stiefeln versieht und einfach ein bisschen entschleunigt.

Auch bei der „hoch beladenen Begegnung“ gibt der Bildtitel gern zu denken, etwa mit der Aussicht, dass es nicht bei der schlichten Betrachtung von zwei Containerschiffen bleibt, die gerade aneinander vorbei gleiten. Das eine mit geordneter Fracht und das andere mit einem chaotischen Sammelsurium von Lasten ohne dass die Gegensätze kollidieren. Dann kommt man ins Sinnieren über das Wesen vorübergehender Begegnungen und wie sehr sie auch von Erfahrungen oder eben Altlasten geprägt sind und vielleicht deshalb nur en passant stattfinden und in sicherer Distanz auch nicht unsanft berühren.

Es ist auch das spielerische Vergnügen des Künstlers, Formen und Funktionalitäten zu unterwandern und an scheinbar vertraute Schauplätze zu verpflanzen, die jetzt ebenfalls ein Eigenleben entwickeln, An der Küstenlandschaft bilden zwei Leuchttürme ein munteres Gespann, das offenbar auch auf das Gebäude auf den Klippen wirkt, das nun trotz seiner stabilen Haltung ein aufmunterndes Willkommen signalisiert. Auch in den Stadtkulissen, auf Pilgerwegen, in südlichen Lebensräumen und in der Selbstschutzhütte geht es nur selten mit vermeintlich rechten Dingen zu, wenn sich die künstlerische Fantasie einmischt… geprägt von Erfahrungen und Empfindungen, die hier ihren Ausdruck finden. Sei es bei diesen schrägen Vögeln, die da hinter der Stadtmauer lauern und von einem anderen schrägen Vogel mit Radarauge aus der Luft belauert werden. Oder dann, wenn Eidt „Das Licht in meiner Kammer“ imaginiert und die wärmende Mitte mit äußeren Unruhezeichen, die das Refugium rahmen.

Am Rande seiner Bergwelt möchten bunte Farben wie Geschenkpapier funkeln und vielleicht hat sich darin ja mal Schweizer Naschwerk befunden. Das ist natürlich pure Spekulation. Aber warum nicht, wenn es jetzt den Schauplatz belebt und beflügelt. So wie auch dieser Stammtisch, der für sich schon ermuntert, sich an gesellige Gelage zu erinnern, wo jetzt die vielen Zutaten scheinbar alle an richtiger Stelle zusammen kommen. Bier und Weingläser, Spuren des gemeinsamen Menüs. Aber dann eben auch ein Wanderschuh und Lesestoff und schon hat sich’s mit der manierlichen Zuordnung der Bildelemente. Sie werden immer wieder auf etwas stoßen, was ein bisschen fehl am Platz anmutet oder einen Zufallsfund machen, der sie auf eine neue Gedankenspur lockt oder dieses Schauspiel im Sinne des Künstlers nun ein bisschen ironisch betrachten… wenn sich die fliegenden Elemente jetzt wie Raketen aufplustern und Hausdächer ohne Kanten und Winkel wie schmusige Gebilde erscheinen, deren gemütliche Wirkung täuscht.

Man kann bei ihm auch wunderbar zwischen den Zeilen lesen und forschen. Wie zum Beispiel bei seiner „Freundschaft“ wo einem Begriffe wie Stil und Noblesse in den Sinn kommen mögen, obwohl es eigentlich zwei Kleidungsstücke sind, aus denen symbolisch der Gedanke an Nähe und Vertrautheit spricht. Über ihnen flattern die Drachen, fast als ob sie ein oberflächliches Geplänkel veranstalten, das diese Freundschaft gefährden könnte. Wären da nicht wieder diese Stiefel, wo Eidt neben der Bodenhaftung auch wieder das Element der Unabhängigkeit ins Spiel bringt und mit diesem Unruheherd der munter flatternden Papiergeister kontrastriert.

Ich sprach vorhin von der Deutungsvielfalt in den Arbeiten von Johannes Eidt, wie hintersinnig er seine Bühnenbilderräume komponiert und so den Betrachter auf ein vielstimmiges erzählerisches Terrain lockt. Doch es gibt noch eine weitere ganz entscheidende Fährte, die den Künstler ganz entscheidend beflügelt und das ist sein Handwerk.

Der schlichte Hinweis „Graphische Werke“ sagt zunächst ja nur aus, dass es sich um graphische Arbeiten handelt, die im Siebdruckverfahren entstanden. Aber er sagt wenig darüber, dass Eidt für jede Farbe, jede Form und jedes motivische Detail Hand anlegt. Wenn er das Sieb auf eine Zeichnung legt, eine Form markiert und die umgebende Fläche mit Malmasse abdeckt, nach dem Druck das Gewebe mit den Bildelementen kennzeichnet, die eine weitere Farbe bekommen. Wie auf jeden Druckvorgang eine weitere Zeichnung mit weiteren Farbräumen erfolgt, die Leerräume wieder mit Malmasse geschützt werden und das Blatt ganz allmählich in vielen einzelnen Schichten und Schichtungen seine endgültige Gestalt erfährt. In dieser absoluten Konzentration auf den Vorgang des Zentrierens auf jedes farbige Detail und jede Form in ihrer Korrespondenz mit anderen Formen kommt es dann auch immer wieder zu diesen wunder impulsiv anmutenden Gesten. Wie beispielsweise auf dem Plakat zur Ausstellung. Da fehlte Eidt noch ein bewegendes Element in den Grauschattierungen und schon belebte ein beflügelndes Objekt das Szenario mit einem dynamischen Element… auf das es den Betrachter ermuntert, ihn berührt und dann auf eine neue assoziative Gedankenfährte lockt.

Die mag schräg anmuten, wundersam, auch mal verrückt oder skurril, aber sie belebt… Ganz im Sinne von Johannes Eidt, der in seinen Arbeiten so viele Geschichten erzählt, in denen das schöpferische Staunen seinen Ausdruck findet. Auch das schöpferische Staunen über diese comedie humaine mit ihren vielen schönen und verwegenen Stolperfallen, für die wir unsere Neugier bewahren sollten.

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