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Mittwoch, 01 November 2017 21:43

Was für ein Abenteuer

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Die Jacobikantorei singt das Oratorium „Jan Hus“ von Carl Loewe Die Jacobikantorei singt das Oratorium „Jan Hus“ von Carl Loewe © Photo: Wortmann

Stefan Kordes, Judith Kara, Clemens Löschmann, das GSO und die Kantorei St. Jacobi begeistern in der szenischen Aufführung des Oratoriums „Jan Hus“. - Mit Bildergalerie!

Während die kirchliche Welt am Reformationstag 2017 dem großen Reformator Martin Luther gedenkt, setzt Kantor Stefan Kordes mit seiner Jacobikantorei am Abend dieses Gedenktages rund 100 Jahre früher an: Jan Hus, ein tschechischer Priester, predigt ein Jahrhundert vor Luther die Reform der Kirche und stirbt im Jahr 1415 dafür auf dem Scheiterhaufen. Die 95 Thesen Martin Luthers wurden erst im Jahr 1517 an die Kirchentüren Wittenbergs genagelt.

Das Bestreben des Vor-Reformators Jan Hus nach der unerschütterlichen Wahrheit, das ihn letztendlich bis zum Tod begleitete, hat den romantischen Komponisten Carl Loewe ganz offenbar gereizt: in drei „Abtheilungen“ zeichnet er das Leben und Sterben des Jan Hus nach. Und das tut er so plastisch, dass das Oratorium dazu einlädt, es szenisch aufzuführen.

Was für ein Abenteuer für Kantoreisängerinnen und -sänger, die sich normalerweise auf einem großen Podest versammeln und sich nun im gesamten Kirchraum bewegen müssen. Was für ein Abenteuer für einen Kirchenmusiker, der normalerweise vor Orchester und Chor steht und versucht, die Tiefen eines Musikstückes bei der Wiedergabe zu ergründen – und der nun hinter der Szene vor dem Orchester steht und seinem Chor nur über eine Kamera Einsätze geben kann. Was für ein Abenteuer für ein Orchester, das gerade mit dem ECHO-Klassik ausgezeichnet worden ist und es gewohnt ist, im Rampenlicht zu sitzen.
Und vor allem: was für ein Abenteuer für eine Tanzpädagogin, die sich normalerweise mit Kindern und Jugendlichen auf klassischen und modernen Tanz spezialisiert – und nun Erwachsene in Bewegung bringen durfte.

Kantor Stefan Kordes hat der Tanzpädagogin Judith Kara die Regieführung überlassen. Und diese Aufgabe hat Judith Kara mit großer Bravour bestanden: sie hat die Personen exzellent durch den Abend und durch den Kirchenraum geführt – keine Bewegung, auch keine Handbewegung war zufällig. Und alles war stimmig! Die Mitglieder der Kantorei St. Jacobi mussten dabei gewohntes Terrain verlassen, sie mussten auswendig singen, sie mussten Gesten und Mimik lernen. Den Dirigenten konnten sie an diesem Abend in der ausverkauften Jacobikirche nur auf Monitoren sehen – auch das will geübt sein. Der Chor war glänzend vorbereitet und hat sich von seiner besten Seite gezeigt. So viel Sing- und Spielfreude erzeugten für Ohren und Augen großes Vergnügen.

Herausgekommen ist eine tief beeindruckende und äußerst kurzweilige Aufführung dieses weitgehend unbekannten Musikstückes. Mit dazu beigetragen haben die Solistinnen und Solisten des Abends, die bis auf die Titelrolle alle aus dem Chor heraus besetzt worden sind. Eine Praxis, die Kordes häufig anwendet. Er zeigt seinen Sängerinnen und Sängern damit immer wieder eine große Wertschätzung. Und diese haben sich Christian Neofotistos, Arne zur Nieden, Corinna Maaß, Florian Hallaschka, Renate Sander, Marc Nitschmann, Steffen Sahl, Gunhild Edmundson, Moritz Meins, Hartmut Büscher und Marc Nitschmann allesamt auch wohl verdient.

Clemens Löschmann ist in Göttingen ein häufig und sehr gern gesehener Gast. Auch an diesem Abend war er dabei, Löschmann hatte sogar die Anregung zu dieser Aufführung gegeben. Schon dafür gebührt ihm hinreichend Dank. Als Jan Hus überstrahlte er jedoch den Abend mit seiner in allen Lagen geschmeidigen Stimme. Nie wirkte sie angestrengt, nie wirkte sie roh – und immer überzeugend: als streitbarer Reformator in der Kanzel genauso wie als innig Betender oder als zum Tode Verurteilter auf dem Scheiterhaufen. In dieser Szene hat sich Judith Kara wahrlich selbst übertroffen: während die Männerstimmen mit Holzstäben den Scheiterhaufen errichten, züngeln die Frauenstimmen bereits mit den Flammen (Tüchern) im Kirchenschiff, bevor sie dann ihre tödliche Wirkung entfalten.

Ergriffen hielt das Publikum eine ganze Weile nach dem Schlussakkord inne – um die Begeisterung dann in langanhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi zu entladen. Den größten Applaus erhielten völlig zu Recht Stefan Kordes, Judith Kara und Clemens Löschmann.

Zu Beginn des Abends schloss sich aber der Bogen am Reformationstag: während am Morgen beim Festgottesdienst in der St. Johanniskirche der Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ in der Fassung von Johann Sebastian Bach erklang, startete dieser Konzertabend mit der „kirchlichen Festouvertüre“ von Otto Nicolai zum selben Choral. Eine festliche und sehr gelungene Eröffnung eines ganz besonderen Konzertabends in der Jacobikirche.

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