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Montag, 30 Oktober 2017 17:46

Europäische Visionen statt Schweine

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Robert Menasse und Matthias Beilein im Alten Rathaus von Göttingen Robert Menasse und Matthias Beilein im Alten Rathaus von Göttingen © Photo: May

Buchpreisträger Robert Menasse sprach über seinen Roman Die Hauptstadt und die Zukunft der EU

Ja, wo lief das Schwein denn? Auf jeden Fall nicht im Alten Rathaus, in dem der österreichische Schriftsteller und frischgebackene Preisträger des Deutschen Buchpreises aus seinem Europaroman Die Hauptstadt las. Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Matthias Beilein sprach Menasse zwar auch über seinen preisgekrönten Roman, jedoch gab er vor allem Einblick in seine Vision für die Europäische Union. So war unter anderem für die Beantwortung der Teaserfrage, warum Schweine denn ein gutes Leitmotiv seien, keine Zeit mehr übrig.

„Ich fand es schon seltsam, noch nie in Göttingen gewesen zu sein“, offenbarte Robert Menasse nach der Begrüßung durch Anja Johannsen. Nun war er sogar schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen in Göttingen, nachdem er bereits im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes als Preisträger des Deutschen Buchpreises zu Gast war. Auch dieses Mal verzichtete Menasse darauf, zu tief in den Roman vorzudringen, um den potentiellen LeserInnen nicht zu viel zu verraten. Doch die Passagen, die er auf Vorschlag Beileins vorlas, entführten das Publikum in die Irrungen und Wirrungen Brüssels, der europäischen Hauptstadt. Nicht selten musste das Publikum ob des gewitzten Schreibstils und der niedergeschriebenen Gedankengänge der ProtagonistInnen auflachen – was nicht zuletzt an der passionierten Vortragsweise Menasses begründet lag. Obwohl die vorgelesenen Auszüge nie zu viel von der Geschichte verrieten, wurde doch Menasses zugrundeliegende Intention des Romans deutlich: Der EU, ihren Organen und vor allem den Beamten ein Gesicht zu geben. Diese Beamte seien „ein neues Symbol der Lächerlichkeit geworden“ und mit ebensolchen Vorurteilen möchte Menasse gerne brechen.
Sein Roman entstand zwischen 2010 und 2016, also in einer von Krisen geschüttelten Zeit, in der die Institution EU immer wieder auf die Probe gestellt wurde. In dieser Zeit hielt sich der Schriftsteller viel in Brüssel auf und hatte die Möglichkeit, Beamte der Europäischen Kommission bei ihrer Arbeit kennenzulernen und die dort eingefangene Stimmung durch die ProtagonistInnen sprechen zu lassen. Da Menasse durchaus kein unkritischer Anhänger des europäischen Gedankens ist, könne er eine gewisse Skepsis gegenüber der Arbeitsweise der Union durchaus nachvollziehen. Doch er konstatierte nachdrücklich, dass „Kritik am Status quo präzise formuliert sein sollte und man nicht auf Stammtischniveau nur Klischees verbreiten sollte“. Ebenso wie über undifferenziertes Gemecker ließ sich Menasse auch über die leichtfertige Verwendung und Verfloskelung einer gemeinsamen europäischen Identität aus. Auf kurze Nachfragen seines Gesprächspartners erläuterte Menasse seine Vorstellungen bezüglich der Zukunft der Europäischen Union, die sich von dem Gedanken der Genese eines europäischen Narrativs emanzipieren solle. Die EU müsse viel eher die gemeinsamen Projekte und gesetzesimmanenten Menschenrechte fokussieren, denn „dann brauche ich keine Legenden“, so Menasse.

Auch wenn die Ausführungen Robert Menasses zur Zukunft der EU durchaus anregend waren, wäre an einigen Stellen ein tiefergehendes und kritisches Gespräch über diese Visionen wünschenswert gewesen, genau wie eine anschließende Fragerunde. Zwar sollte das Hauptaugenmerk der Veranstaltung gemäß Ankündigung auf der Autorenlesung liegen, doch aufgrund des sich herausbildenden politischen Schwerpunktes wäre ab und an ein Hinterfragen der Aussagen allein schon des Verständnisses wegen wünschenswert gewesen.

Trotzdem entließen Robert Menasse und Matthias Beilein das Publikum voller Denkanstöße aus einem inspirierenden Abend, der das Fehlen von Schweinen durchaus verschmerzen ließ.

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