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Montag, 23 Oktober 2017 07:44

„Syrien. Ein Land ohne Krieg“: Einzigartig schillerndes Panorama aus der Zeit vor dem Krieg

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Bilder aus Syrien im Alten Rathaus Bilder aus Syrien im Alten Rathaus © Photo: Jan Vetter

Buchpremiere zum Literaturherbst: Gespräch und Fotopräsentation im Alten Rathaus

„Syrien. Ein Land ohne Krieg“ – auf den ersten Blick schon ein wenig ungewöhnlich als Titel für ein Land, das seit sechs Jahren vom Krieg heimgesucht wird. Doch Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und Lutz Jäkel, Historiker und renommierter Photograph, sind sich dessen sehr bewusst, aber sie wollen zeigen, was in Vergessenheit gerät: Syrien ist ein prächtiges Land, ein reiches Land, ein Land der Vielfalt und Vitalität, historisch, kulturell und menschlich. Eine Pracht, die seit 2011 nur allzu oft im Schatten von Bildern der bewaffneten Auseinandersetzung und des blutigen Bürgerkrieges steht. Und genau gegen dieses Vergessen setzen die Autoren ihren farbenfrohen zweisprachigen Bildband.

Die Besucher, die den Weg ins Alte Rathaus gefunden hatten, erlebten an diesem Abend jedoch weit mehr als eine Buchpräsentation. Jäkel und Kaddor nahmen sie, eingeleitet mit der Musik Adel Tawils („Eine Welt, eine Heimat“), mit auf eine einzigartige Reise durch Syrien: eine geografische, kulinarische und sprachliche Reise, begleitet von den Stimmen von 15 Autoren, die der Welt ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Geschichten aus ihren Reisen, ihrer Heimat oder der Heimat ihrer Eltern zugänglich machten.

Erster Stopp: Damaskus. In der Hauptstadt Syriens, der „Perle des Orients“, begann die Reise, durch Innenhöfe und verwinkelte Gässchen, vorbei an Murmel spielenden Kindern und dem heiligen Terrain der Umayyaden-Moschee bis zum legendenumspielten Hausberg von Damaskus. Jäkel erzählte vom Anisschnaps Arak und dem Lammgericht Mansaf, vom köstlichen Eis der berühmten Eisdiele Bagdasch und dem legendären Geschichtenerzähler Abu Shadi, der im Café Nofara Abend für Abend auf seinem Thron, das Geschichtenbuch in der einen und einen langen Stock in der anderen Hand, unermüdlich erzählte. Zeugnis des bunten Lebens war auch der Text Aladin El-Mafaalanis mit Eindrücken des intensiven Flirtens, der Metal- und Punk- und der Homosexuellen-Szene von Damaskus.

Die nächste Station war der trockene, heiße Osten, beduinisch geprägt, Palmyra in seinem Herzen. Es ging durch das Hadrianstor, es gab die Architektur des Römischen Theaters zu bewunderten. Ein beeindruckend erhabenes Bild dieser Jahrtausende alten Oasenstadt zeichnete Ibrahim Alawad in seinem „Palmyra – ein Juwel in der Wüste“: Palmyra als Juwel von Duft und Freude, Sand und Monumenten, und Station auf der Karawanenstraße.
Im Norden führte es nach Aleppo, seit jeher Handelsstadt an der Weihrauch- und Seidenstraße, mit ausdrucksstarken Bildern der Zitadelle und der elf Kilometer langen Basarstraße. Co-Autorin Nahla Osman ließ die Besucher teilhaben am Geflecht der Gassen ihrer Kindheit, in denen man spielte, stolperte, den Gebetsruf und das Lachen der Kinder hörte.
Schließlich ging es in den Westen, nach Latakia, der „côte d’azur Syriens“, wo mit Bildern von rauchenden, Karten spielenden Männern die typische Atmosphäre von Männercafés kennengelernt werden konnte. Und das letzte Wort gehörte Kaddor, die mit viel Herzblut von ihren Kindheits-Sommern in Idlib erzählte: von der Leichtigkeit der Kinder, Feigen, Trauben oder Nüsse einfach von den Bäumen zu pflücken, vom Glück ihres Vaters beim Anbau von Oliven, von der Weite der Landschaften, von Freiheit und unbeschwertem Spiel.

Auch Jäkel tauchte immer wieder in seine eigenen Erfahrungen ein und sorgte damit für gute Unterhaltung: so berichtete er davon, dass eine Einladung („Mein Haus ist dein Haus“) nicht immer ernst gemeint war und man sein Gegenüber mit einer Annahme ganz schön in Verlegenheit bringen konnte; oder er brachte die sehr bildhafte und blumige Sprache des Arabischen näher und animierte zum Mitsprechen. Auch die Anekdote zu Hanna Saliba, syrischer Gastronom und bekennender Christ, der eines Tages gefragt wurde: „Und, wann wurden Sie bekehrt?“ und antwortete: „Mein lieber Herr, Sie glauben doch nicht, dass Jesus Christus aus der Lüneburger Heide kam?“, sorgte für Schmunzeln im Publikum.

Traurige Momente blieben nicht aus – sei es der Gedanke, dass viele der auf den Fotos in voller Pracht stehenden Stätten, von Bomben zerstört, heute nur noch in Erinnerung weiterleben können. Oder das Schicksal von Abt Paolo, Neubegründer des Klosters Mar Musa und Initiator des christlich-muslimischen Dialoges, dessen Spur sich seit einem Besuch in Raqqa 2013 verliert. Insbesondere aber der Anklang bewegender persönlicher Geschichten von Flucht und Betroffenheit vom Krieg, repräsentativ für das Schicksal tausender Syrer.
Aber aus Jäkels Fotografien und Kaddors Worten spricht vor allem eines: Hoffnung. Die feste und unzerstörbare Hoffnung, dass Syrien sich erholt und bald wieder in der vollen Blüte steht, in der man es aus der Zeit vor dem Krieg kennt. Sie malen mit ihrem Buch ein schillerndes Panorama von Land und Menschen – gleichermaßen persönlich-emotional wie Zeugnis von Vielfältigkeit und Reichtum: eine Botschaft von Empathie, Optimismus und Hoffnung.

Lutz Jäkel / Lamya Kaddor: Syrien. Ein Land ohne Krieg. Malik-Verlag 2017, 45 €

Letzte Änderung am Donnerstag, 26 Oktober 2017 08:32

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