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Samstag, 21 Oktober 2017 14:08

Ein neuer Streich von Daniel Kehlmann

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Daniel Kehlmann nach seiner Lesung in der Lokhalle Göttingen Daniel Kehlmann nach seiner Lesung in der Lokhalle Göttingen © Photo: Hanke

Literaturherbst: Daniel Kehlmann liest aus seinem neuen Roman „Tyll“

Oktober 2017 – zwölf Jahre nach dem Erscheinen seines Erfolgsromans „Die Vermessung der Welt“ ist Daniel Kehlmann längst zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller avanciert. Kein Wunder also, dass der österreichisch-deutsche Schriftsteller mit tosendem Applaus in der gefüllten Lokhalle beim 26. Göttinger Literaturherbst begrüßt wurde.

Der Anlass für solch hohen Besuch? „Tyll“, Kehlmanns neuestes Werk ist vor kurzem mit Pauken und Trompeten erschienen und sogleich von der Kritik bejubelt worden.

Der knapp 500 Seiten lange Roman befasst sich mit der archetypischen Figur des Till Eulenspiegel (Tyll Ulenspiegel im Buch), versucht sich allerdings gar nicht erst an vermeintlicher historischer Korrektheit: Die Handlung spielt während des Dreißigjährigen Krieges – rund 300 Jahre nach der überlieferten Geburt des sagenhaften Schelms. Dabei wirkt er überhaupt nicht fehl am Platz, denn das neue Zeitalter bietet schier endlose Gelegenheiten für den Gaukler, der es sich zum Spiel macht, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Nicht nur er selbst entblößt währenddessen oftmals die Fratze, die sich hinter dem charmanten Vagabunden versteckt.

Gerade das Elend des andauernden Krieges, dessen Grund sich keiner so richtig sicher zu sein scheint, bietet eine wirkungsvolle Kulisse für den Schausteller. Auf seinen Reisen begegnet er einigen wichtigen Personen der Zeitgeschichte, aber auch den ganz kleinen. So beginnt die Erzählung, welche in der Zeit so leichtfüßig hin- und herspringt wie Tyll Ulenspiegel auf dem Hochseil, mit der Schilderung seiner Ankunft in einem kleinen Dorf. Auch in der Lesung bedient sich Kehlmann dieser Episode, um das Publikum stimmungsvoll in die Atmosphäre des Romans einzuführen. Der Autor wirkt dabei ganz hingerissen von der Welt, die er erschaffen hat, energetisch steht er fast auf seinen Fußspitzen, während er eifrig berichtet.

Wir folgen der kleinen Martha, die nur eine der vielen verschiedenen Erzählerstimmen im Buch ist. Die besonderen Blickwinkel (und blinde Flecken), die jede dieser Stimmen zu bieten hat, sind so wunderbar nuanciert ausgearbeitet, dass man zwangsläufig in die Geschichte gezogen wird. So scheint es ganz selbstverständlich, wenn Kehlmann dann für das dritte Kapitel in die Sichtweise des „dicken Grafen“ wechselt. Gleichzeitig versteht es der Schriftsteller haargenau, neue Türen zu öffnen, die zum immer-weiter-lesen anspornen.

Die für den Abend gewählten Textstellen zeigten die Hauptfigur Tyll als gestandene Persönlichkeit und boten dem neugierigen Publikum die Freiheit, den Werdegang des Gauklers selbst nachzulesen und währenddessen diese fremde, fast magische Welt zu erforschen. Wie Magie wirkte es sicherlich auf einige Gäste, als Daniel Kehlmann nach nicht ganz zwei Stunden bescheiden „danke“ sagte – wie Erwachen aus einer Hypnose ganz bestimmt.

 

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