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Donnerstag, 19 Oktober 2017 14:35

Literaturherbst: „Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe…“

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Joachim Baur im Gespräch mit Natascha Wodin Joachim Baur im Gespräch mit Natascha Wodin

Lesung mit Natascha Wodin im Alten Rathaus

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“- mit diesen Worten aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ begann Natascha Wodin (*8.12.1945 in Fürth) am Mittwochabend ihre erste Lesung in Göttingen. Im Gespräch mit Historiker Joachim Baur, dem wissenschaftlichen Leiter des Museums Friedland, stellte sie ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ im fast ausverkauften Rathaussaal vor.

„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe“ – ein prägender Satz ihrer Mutter, der Natascha Wodin in ihrer Kindheit im Nachkriegsdeutschland wie ein „Kehrreim“ begleitet, ebenso wie das Schweigen über die Herkunft ihrer Eltern, die während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurden. Es sind viele Fragen, mit denen Natascha Wodin zurückblieb, nachdem ihre Mutter sich im Alter von nur 36 Jahren das Leben nahm. Sie wuchs in einer Siedlung für ehemalige Zwangsarbeiter auf, „Displaced Persons“ oder auch „Staatenlose“ genannt. Stück für Stück legt Natascha Wodin mit ihrem Roman die Vergangenheit ihrer Mutter frei, welche die vernichtende Gewalt zweier Diktaturen durchlebte und überlebte, spürt dabei Angehörige auf und versucht die Lebensumstände zu rekonstruieren. Mit ihrer Suche bricht sie das Schweigen ihrer Kindheit, gleichzeitig aber zerbricht auch ein Teil ihrer eigenen über Jahre hinweg mühsam geschaffenen Identität, die sie sich selbst zu geben versuchte, weil es niemand sonst vermochte. Sie lässt den Leser an ihrer Suche teilhaben, mit all ihren Höhen und Tiefen und offenbart ihre emotionale Verwirrung: ein zutiefst persönlicher Roman, nahegehend und fesselnd.

Am Mittwochabend las Natascha Wodin mit sanfter, ruhiger Stimme in gebannter Atmosphäre. Wie auch Joachim Baur bemerkte, war dabei ihre eigene Überraschung und „Ungläubigkeit“ über die wahre Herkunft ihrer Mutter hörbar, die entgegen ihren Eindrücken und Erwartungen aus einer wohlhabenden, multikulturellen Familie stammte. Ihr Buch könne auch einfach den Titel „Vielleicht“ tragen, bemerkte Natascha Wodin, gäbe es doch soviele Unsicherheiten und Lücken, die sie nur mit eigenen Vermutungen habe füllen können. Doch gerade durch diese Zweifel und Fragen gewinnt ihr Roman, ihr Prozess der Suche und dessen Auswirkungen, für die Leser an Authentizität, denn er spiegelt die Überforderung wieder, plötzlich zwei, wie Natascha Wodin es ausdrückt, vollkommen unterschiedliche Mütter zu haben: die Mutter, die sie gekannt hat und die ihr fremde Unbekannte. Zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die sich für sie nicht vereinen lassen.

Im Dialog mit Joachim Baur, von dem wichtige Gesprächsimpulse ausgingen, kritisierte Natascha Wodin die mangelnde Präsenz der NS-Zwangsarbeiter in der Geschichtsforschung. So gebe es zwar private und regionale Projekte, wie die Göttinger Dauerausstellung „Auf der Spur“, von Bundesebene ginge hingegen keine Initiative aus, die das Thema dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zugänglich mache. Genau das sei ihr Anliegen. Natascha Wodin hat einen wichtigen Roman geschrieben, der schockiert und aufklärt, nicht nur über das Schicksal der Betroffenen selbst, sondern zugleich über eine weitere kaum beachtete Perspektive: jene der Generation der Zwangsarbeiterkinder, deren wichtige Bedeutung im Rahmen des Gesprächs noch hätte aufgegriffen und vertieft werden können. Joachim Baur betonte jedoch, dass durch den Roman weit mehr als die persönliche Geschichte erfahrbar wird. Durch Natascha Wodins Kindheitserinnerungen wird deutlich, dass die Gewalt, die Präsenz von Feindbildern und Anfeindungen gegen Zwangsarbeiter und ihre Familien 1945 nicht endeten, sondern über den Krieg hinaus weiter existierten.

„Mein Leben besteht aus diesem Buch, seit es auf der Welt ist“, mit diesen Worten beendete Natascha Wodin die Lesung.

Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“, Rowohlt Verlag, 368 S., 19,95 Euro
Weitere Romane: „Die gläserne Stadt“, „Erfindung einer Liebe“
„Auf der Spur europäischerZwangsarbeit, Südniedersachsen 1939-1945“. Dauerausstellung in den Göttinger Berufsbildenden Schulen II.

 

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