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Donnerstag, 19 Oktober 2017 10:13

Einem Kirchenhistoriker ist nicht Menschliches fremd – oder: wie das Böse in die Welt kam

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Thomas Kaufmann im Gespräch mit F.C. Delius in der Klosterkirche Bursfelde Thomas Kaufmann im Gespräch mit F.C. Delius in der Klosterkirche Bursfelde © Photo: Widemann

Literaturherbst: F.C. Delius und Thomas Kaufmann im Gespräch

Warum Luther die Reformation versemmelt hat – Eine Streitschrift, so hat der Schriftsteller und nach eigener Aussage dilettierende Theologe F. C. Delius sein kleines Bändchen zum Reformationsjahr genannt. Die nette Idee, Martin Luther von seinem Denkmalsockel herabsteigen zu lassen, mit ihm mehrere Krüge Bier zu leeren und dabei eine Unterhaltung mit oder besser Tischrede an ihn festzuhalten, ist der äußere Rahmen. Dreh- und Angelpunkt der Delius‘schen Schrift aber ist der sperrige Begriff Erbsünde, Martins Luthers Umgang mit dem Thema und mit Augustinus, auf dessen Schriften dieser Begriff zurückzuführen ist. Zu diesem theologischen Schwergewicht von Begriff hatte sich Delius allerhand Geschichte und Geschichtchen angelesen und fasste die gewonnene Erkenntnis in seiner fiktiven Rede an Luther zusammen. In der Klosterkirche Bursfelde wurde im Rahmen des Literaturherbstes in der Reihe science & arts allerdings mit einem realen Theologen und Kirchenhistoriker diskutiert – und dieser gleich zu Beginn mit dem Zitat aus dem Buch konfrontiert, dass insbesondere zum Reformationsjubiläum die vielen Lutherspezialisten mit immer dickeren Büchern immer dünnere, angeblich neue Details aus Luthers Leben und Wirken zum besten gäben, ohne auch nur einen Funken von Luthers Sprachkraft und Sprachwut und Sprachlust zu bieten.

Der bekanntermaßen wortgewaltige Thomas Kaufmann stieg als Sparringspartner mit Schwung in diesen Ring: Changierte Delius zwischen seinen Rollen und duckte sich im Zweifelsfall mit dem Argument der schriftstellerischen Freiheit weg, sezierte Kaufmann den Begriff der Erbsünde und seine Historie, legte Zusammenhänge dar und arbeitete auf verschiedenen Ebenen und rhetorischen Mitteln eine heutige, moderne Sicht auf Sünde und Erbsünde und damit letztlich das Böse an sich heraus. Da Vermehrung seit Adam und Eva mit der Erbsünde verquickt ist, tauchte somit Sexualität ebenso wie alltägliche und abstrakte Manifestationen des Bösen in der Diskussion auf – nichts Menschliches wurde ausgespart.

Verdienst des Schriftstellers Delius ist es, einen sperrigen, theologischen Begriff in ein aktuelles Buch und damit ins allgemeine Gespräch gebracht zu haben. Allerdings zeigte diese Diskussion mit dem Fachmann, dass mehr Fiktion und weniger Theologie dem Bändchen und letztlich dem Ernst des Anliegens gutgetan hätte. Das Publikum in der Klosterkirche jedenfalls konnte einer angeregten Diskussion folgen und mit vielen inspirierenden Gedanken versehen den Heimweg antreten.

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