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Dienstag, 10 Oktober 2017 00:00

Die Gedanken sind frei – Homosexuelle Liebe im KZ

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Philipp Schlöter Philipp Schlöter © Photo: Ulf Janitschke

Premiere im ThOP: „Bent“ von Martin Sherman

Der 1. Juli 1934: Das schwule Pärchen Max (Philipp Schlöter) und Rudy (Justin Middeke) sitzt nach einer wilden Berliner Nacht in ihrer Wohnung und rekonstruiert die Geschehnisse des vergangenen Abends. Bei ihnen ist auch Wolf (Lukas Kade), ein Mitglied der Sturmabteilung und ebenfalls Homosexueller. Das Zusammensein endet jäh, als Mitglieder der SS die Wohnung betreten und Wolf nach einer versuchten Festnahme erstechen. Dem voraus ging die Ermordung des offen homosexuell lebenden SA-Führers Ernst Röhm und seiner engsten Anhänger in der vergangenen Nacht – seitdem hat sich das Klima für Homosexuelle in Deutschland schlagartig verändert...

Diese Eröffnungsszene steht exemplarisch für den tonalen Wechsel, den die Adaptation der erst im Juni dieses Jahrs erschienenen deutschen Übersetzung von Martin Shermans „Bent“ unter der Regie von René Anders und Myrtha Dorothee Werner auch in seiner Gesamtheit durchläuft. Die anfänglichen, vergnüglichen Dialoge zwischen Max und Rudy setzen einen tonalen Kontrastpunkt zum weiteren Verlauf der Geschichte. Rudy, sichtlich Spaß habend von Justin Middeke verkörpert, fungiert hier immer wieder als ausgleichendes „comic relief“ und die Wortgefechte sind bestimmt von der Schnelligkeit des Witzes und der Leichtigkeit des Moments. Schlussendlich wird aber auch hier das latente, allumfassende Bedrohungsszenario mit dem Auftauchen der SS schnell zur bitteren Realität.

Für das Stück ist der Bühnenboden des Theaters im OP mit den Winkelfarben ausgelegt, die die Häftlinge der Konzentrations- und Arbeitslager während des Nationalsozialismus als Juden (gelb), Homosexuelle (rosa) oder diverse andere Personengruppen auswies. Zudem zieht sich ein echtes Bahngleis durch das Bühnenbild – ein Verweis auf die massenhaften Deportationen, die vor allem mit dem Zug durchgeführt worden sind. Bis auf dieses außergewöhnliche Bühnenelement bleiben die Settings des Stücks angenehm minimalistisch. Stattdessen scheinen sich die Regisseure ganz und gar auf die Fähigkeiten ihrer Schauspieler verlassen zu wollen und lassen Raum für die vielen Zwiegespräche im Stück.

Es liegt ein besonderer Reiz darin, das Stück in den Räumen des ThOP aufführen zu lassen, so verweist nicht nur die Ausgestaltung des Bühnenbildes auf deutsche NS-Geschichte, sondern sogar die Architektur des Theaters selbst stellt einen unmittelbaren historischen Bezug zum Thema des Stückes her. Im Zuge der immer radikaler vorangetriebenen Rassenhygiene der Nazi-Führung wurde im Jacob-Grimm-Haus, in dem unter anderem das Theater im OP untergebracht ist, circa 800 Zwangssterilisationen an vermeintlich homosexuellen Männern durchgeführt. Präsenter könnten die Grausamkeiten der NS-Zeit also gar nicht sein. Eine besondere Pointe besteht nun darin, genau diese Räume dafür zu nutzen historische Aufklärungs- und Gedenkarbeit zu leisten.

„Bent“ bezieht somit auf gewisse Weise die Geschichte der Räume selbst in seine Aufführung mit ein und damit die Schicksale, die an diese gekoppelt sind und die Gespenster, die diese bevölkern. Mit der Deportation ins Konzentrationslager Dachau droht auch Max zum Gespenst zu werden. An die Stelle humoristischer Fußnoten treten nun die Grausamkeiten des Lageralltags. Max und sein neuer Freund Horst (Henning Bakker) haben im Lager die Aufgabe einen Haufen Steine von einem Ende zum anderen zu tragen und dann wieder zurück. Die Monotonie soll methodisch in den Wahnsinn treiben, davon ist Max überzeugt.

In den streng hierarchisch gegliederten Lagerstrukturen, die nicht nur durch die Wärter-Häftling-Opposition geordnet sind, sondern auch innerhalb der Häftlingsgruppen nochmal in verschiedene Status gespalten (wobei Homosexuelle die letzte Stufe einnehmen), versucht Max seine Position durch Gefälligkeiten aufzubessern. „Bent“ erzählt deswegen auch viel vom Überlebenskampf in einem menschenverachtenden System und der Anpassungsfähigkeit des Menschen, auch dort kleine Siege für sich zu erringen. Denn trotz der Unmöglichkeit der Umstände gelingt es Max und Horst sich Enklaven zwischenmenschlicher Annäherung zu schaffen, selbst wenn diese Annäherung aus reinem Pragmatismus geboren sein wollte, um der Gewalt des Lagerlebens irgendetwas entgegenzusetzen. Wo dem Körper gewaltsam Grenzen gesetzt werden, suchen sich die Worte ihren Weg in die Gedanken. In den Gesichtern von Philipp Schlöter und Henning Bakker wird die Kräfte-zerrende Arbeit ebenso sichtbar, wie das kurze Glück des Augenblicks.

Der Fokus auf homosexuelle Häftlinge ist nach wie vor eine frische Perspektive, die im Angesicht des kollektiven Traumas, das der Holocaust vor allem für die jüdische Gemeinde darstellte, immer eine eher untergeordnete Rolle spielte. Denn die Grausamkeit des NS-Regimes wird auch darin deutlich, welch eine Bandbreite an Personengruppen Opfer der NS-Propaganda und Ziel staatlicher Verfolgung geworden sind. „Bent“ hilft eindrücklich dabei, daran erinnert zu werden – und es niemals zu vergessen.

Das Neueste von Kai Marius Hornburg

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