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Samstag, 30 September 2017 20:09

Wenn die Kamera auf den Küchentisch zeigt

geschrieben von
Emma Menssen, Christina Jung Emma Menssen, Christina Jung © Photo: Thomas Müller

Premiere „Vereinte Nationen“ im Deutschen Theater

Im ersten Theaterstück von Erfolgsautor Clemens J. Setz dreht sich alles um das häusliche Leben der Hauptfiguren Anton (Marco Matthes), Karin (Christina Jung) und ihrer siebenjährigen Tochter Martina (Emma Menssen/Vera Rodatis). Nicht nur die drei sind vom Kosmos der kleinen Familie vollkommen eingenommen, sondern auch hunderte von Abonnenten. Nachdem die jungen Eltern gemeinsam mit ihren Freunden Oskar (Nikolaus Kühn) und Jessica (Maja Müller-Bula) eine Marktlücke für Erziehungsvideos – das heißt solche, in denen Anton seine Tochter für typisch kindliche Fehlverhalten, wie zum Beispiel das Abendbrot nicht aufzuessen oder im Supermarkt zu quengeln, zurechtweist – verlangen immer mehr Kunden personalisierte Versionen mit eigenen Regieanweisungen.

Was in der Theorie schon gefährliche Parallelen zur Porno- oder Gewaltfilmindustrie zu ziehen scheint, startet dabei ganz harmlos. Benannt ist das Stück nach Antons „größtem Hit“, dem Video, dessen Dreh in der ersten Szene gezeigt wird. Im aus blauen Waben und mit Sandsackmöbeln ausgestattetem Bühnenbild ist Anton in der er in der Rolle des strengen Vaters zu sehen, der seine Tochter wieder einmal zum Aufessen ihres Kartoffelbreis zwingt.

Das Regiekonzept von Matthias Kaschig zusammen mit Kostümen und Kulisse von Jürgen Höth erlaubt dabei die Vorstellung einer hyperstilisierten Realität, von der die unsere, in Anbetracht der zunehmenden Auffassung der eigenen Persönlichkeit als „Marke“, doch gar nicht zu weit entfernt scheint.
Die weitere Handlung erstreckt sich über einen unbestimmten Zeitraum, in welchem Ruhm und somit auch Vermögen der Protagonisten sichtlich zunehmen. Um die Familie steht es allerdings dadurch nicht besser: Während Anton sich immer mehr den Kopf darüber zerreißt, ob die ständige, zunehmend grundlose Bestrafung (die Nachfrage des Publikums muss immerhin weiter erfüllt werden, auch wenn Martina sich einwandfrei benimmt), bei seiner Tochter nicht bleibende Schäden verursachen könnte, muss Karin mit ihrer Eifersucht darüber klarkommen, dass nur ihr Mann und nicht sie selbst in den Videos auftreten darf. Eine Kluft tut sich auf, die die „elterliche Allianz“ auseinandertreibt. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei der gemeinsame Freund Oskar, der den Vertrieb der Videos übernimmt.

Trotz der allgemein überdurchschnittlichen Leistung aller Darsteller, muss Nikolaus Kühn hierbei besonders hervorgehoben werden. Sein ruhiger, desinteressiert-überlegener Oskar dominiert fast jede Szene, in der er zu finden ist und wirkt dabei herrlich antagonistisch, ohne sich jemals eigentliche Fehltritte zu leisten. Clemens J. Setz hat es hierbei geschafft, einen Charakter zu kreieren, der sein wahres Gesicht gut versteckt – selbst vor seinen „Freunden“ – und sich dadurch zum Fädenzieher avanciert. Zwiespältig ist hingegen die Entwicklung von Karin. Während ihr verbitterter Kampf um Autorität schlüssig und berührend gestaltet ist, fällt sie doch manchmal in ein Muster, welches ihr ungerecht zu werden scheint. Alles in allem, bleibt ihr Bemühen fruchtlos und sie wird von den beiden Männern (und der Handlung) übersehen.

Wie es um Martina steht, ist wohl die größte offene Frage. Wir sehen sie immer als Objekt der Handlungen der Erwachsenen, und es ist bezeichnend, dass von ihnen niemand diese Frage wirklich zu stellen wagt. Für die Nachwuchsdarstellerin in ihrer Rolle stellt dies eine besondere Herausforderung dar, denn passiv und fast stumm geschrieben, sind es Nuancen, die wichtig werden. Vera Rodatis in der Premierenbesetzung hat dies mit Bravur gemeistert.

Generell bleibt der Wunsch, mehr von der Welt des Mädchens zu sehen – nicht nur beim Publikum des Stückes, sondern auch bei den unsichtbaren Charakteren der „Subskribenten“.

Das Stück endet fast abrupt auf einer sehr ernsten Note, die Vorahnungen über die Zukunft der Charaktere zwar in eine Richtung stößt, aber auf keinen Fall zu viel sagt.

Das Publikum des Abends wurde mit dem Verlangen nach mehr zurückgelassen – das Stück spricht so nuanciert, dass es einen nicht so schnell loslässt. Auch noch auf dem Platz vorm Deutschen Theater ließen sich einige Diskussionen darüber hören. „Vereinte Nationen“ ist beim ersten Mal Anschauen eine gelungene Übertreibung unserer Zeit und hat das Potenzial, die Zuschauer bei jedem weiteren Besuch neue Spitzen entdecken zu lassen und aus einem anderen Winkel zu fesseln.

 

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