Punkte neu 30 transparentWillkommen im Kulturbüro Göttingen - Ihrem Veranstaltungsportal für Göttingen

Dienstag, 26 September 2017 09:20

Wenn die Poesie zum Instrument des Terrors wird

geschrieben von
Andrea Strube, Benjamin Kempf, Moritz Schulze, Gerd Zinck, Moritz Kahl, Marie Seiser Andrea Strube, Benjamin Kempf, Moritz Schulze, Gerd Zinck, Moritz Kahl, Marie Seiser Photo: Foto Beatrice Król

Wajdi Mouawads Schauspiel „Himmel“ am Deutschen Theater

Datenströme gleiten über den dunklen Bühnenhintergrund, Zahlen, Formeln Chiffren und Buchstabencodes. Mehrfach schon hat das Echo einer verschwörerischen Stimme diese labyrinthische Netzwelt und ihre Beobachter aufgestört. Was hat es auf sich mit diesen Metaphern von blauen Himmeln, fallenden Engeln und oszillierenden Sätzen? Sind es wirklich nur poetische Bilder oder lauert in den Wortschöpfungen eine tödliche Bedrohung?

„Frankophone Zelle“ nennt Wajdi Mouawad die Gruppe von Spähern, die in seinem Schauspiel „Himmel“ terroristische Signale verfolgt und mit dieser rätselhaften poetischen Spur konfrontiert wird. Zunächst haben allerdings die klassischen Feindbilder Priorität und die Suche nach möglichen Attentätern konzentriert sich auf radikale Islamisten. Es gibt noch ein Problem, mit dem der Autor seine Sonderkommission konfrontiert. Das ist der Selbstmord ihres Kryptoanalytikers Valéry Masson (Florian Eppinger), der offenbar im Begriff war, ein globales Terrornetzwerk von jungen Menschen jeglicher Herkunft, Religion und Nation aufzudecken und mit diesem Wissen nicht weiterleben mochte. Seinen früheren Schüler Clément Szymanowski hat er noch zu seinem Nachfolger bestimmt, nun die poetische Botschaft über den Zeitpunkt Minotaurus zu entschlüsseln, wo Zyanohimmel und Sandhimmel kommen und gehen.

Auch in Brit Barkowiaks Inszenierung am Deutschen Theater zeichnet sich zunächst ein Spionagethriller ab. Es gibt die klassischen Dialogmuster, wie sie in Filmdrehbüchern mit einem Aufgebot an mathematischen und physikalischen Begriffen operieren und dabei für Spannung sorgen, weil sie ständig Verwirrung stiften. Die plakative Thrillertarnung wird schon bald aufgebrochen, wenn sich die Gruppe in die verschlüsselten Hinterlassenschaften des toten Kryptonisten und diese ominöse „Tintoretto-Spur“ vertiefen möchte und stattdessen Order erhält, die islamistischen Signale zu enträtseln. Da kollidieren zunächst Eifersüchteleien, Konkurrenzen und sehr persönlichen Krisen, die an diesem Geheimnisträgerort eigentlich tabu sind. Teamleiterin Blaise Centier (Andrea Stube) wird von ihrem opportunistischen Kollegen Vincent Chef-Chef (Benjamin Kempf) abgelöst, Übersetzerin Dolorosa Haché (Marie Seiser) quält sich mit den Gedanken an geborene und ungeborene Kinder, und Ingenieur Charlie Eliot Johns (Gerd Zinck) kämpft am Bildschirm verzweifelt um die Nähe zu seinem Sohn Victor (Moritz Kahl).

Erneut flimmern Datenströme, Zahlen-und Buchstabencodes auf. Doch jetzt senken sich immer wieder goldglänzende Bilderrahmen herab, mit denen Bühnenbildner Nikolaus Frinke die verschlüsselten Fixpunkte der „Tintoretto-Spur“ markiert. Das Gemälde des Malers „Die Verkündigung“ wird zur entscheidenden Chiffre für den geplanten Terroranschlag und das, was Mouawads labyrinthisch anmutendes Szenario anspricht. Was wäre, wenn sich eine junge Generation an dem mörderischen Jahrhundert rächt, das ihre Väter verursacht haben und das bis jetzt die akuten Kriegsszenarien infiziert? Wie könnte dieses Fanal im Geiste all der Toten und der Opfer von Machtspekulationen um Rohstoffe, Territorien und nationale Besitzstände aussehen? Was wäre, wenn es die Symbole der westlichen Kultur trifft, die selbst in barbarischen Zeiten noch Schönheit, Kreativität und Fantasie im Geiste der Humanität wahren sollen?

Der ultimative Affront gilt den so genannten Kulturgütern der Menschheit. Diese ungeheuerliche Vorstellung lauert hinter Mouawads klug komponiertem Spionagelibretto, das Brit Bartkowiaks Inszenierung in so vielen Dimensionen berührbar werden lässt. Es geht ebenso um politische „quo vadis“-Frage wie um die globale, existenzielle, die auch aus philosophischer Sicht gestellt wird. Im Wissen um das nicht berechenbare schöpferische Element und die Anmut jeder mathematischen Gleichung verbindet den Computernerd Clément und seinen Lehrmeister Masson eben auch diese besondere Affinität zur Poesie, die von den Attentätern nun so gnadenlos instrumentalisiert wird.

Brit Bartkowiak und ihr Team sind wunderbare Spurenleser, die den Zuschauern zwischen den Spionagestolperfallen einen Ideenraum zum Nachdenken erschließen. Da genügen fünf Bürostühle, leere Bilderrahmen, in die Gespräche, Gedanken und ein Gemälde projiziert werden, und ein babylonischer Chor der Stimmen, wenn sich die Schauspieler in Mouawads Gedankenpartitur und die verborgenen Zwischentöne des Stückes vertiefen und sie zu ihrem Anliegen machen. Da fasziniert die Ruhe, mit der sich die Szenen und die Gedankenbilder auf der Bühne in aller Sorgfalt entfalten können, selbst wenn sich die Ereignisse überschlagen. Dazu gehören auch die pathetischen Momente, die der Autor seinen Figuren nicht nur mit den poetischen Einflüsterungen zumutet, wenn er in diesem existenziellen Schauspiel auf die Schönheit und die schöpferische Kraft der Poesie vertraut, die am Ende ein Blutbad erfährt. Da klingen Worte wie Erde, Himmel, Feuer, Farbe, Krieg gewaltig nach. Auch die Worte Engel, Schrecken, Irrtum, Barbar und Geist rühren unmittelbar auf, sich ihrer Bedeutung zu besinnen und sie an sich heranzulassen. So wie auch der letzten leidenschaftlichen Warnung vor der drohenden Katastrophe, die Moritz Schulze unmittelbar an das Publikum richtet, die Herzklopfen auslösen kann, eine Gänsehaut oder sogar Angst machen und niemanden innerlich unberührt lässt.

Alles nur Theater, imaginiert, illustriert und reflektiert, könnte man einwenden. Und dazu noch eine Fiktion mit Cyberspace Elementen. Aber das sind auch Gedichte. Fiktionen als Ausdruck von Aufruhr in einer nie so ganz fassbaren und erfahrbaren Realität, wo Mouawads poetische Splitter zu einem Echo auf Rainer Maria Rilke werden. „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“ heißt es in Rilkes ersten „Duineser Elegie“, die sich wie das Credo des Stückes lesen lässt, und die dunkle Seite der Schöpfung, die humanistische Hoffnungen auch weiterhin traktieren wird.

Seine Hoffnung verbindet der Autor dem symbolischen Schrei eines Neugeborenen. Dieser Vision mochte sich Regisseurin Brit Bartkowiak nicht anschließen, die „Himmel“ mit einer Bildbeschreibung enden lässt und einem Credo für die Schönheit und ihre gefährdete Halbwertzeit. Der Sohn des Ingenieurs berichtet von seinem ersten Museumsbesuch, welche Bilder von Küstenlandschaften und Inseln die im Sonnenlicht baden, er als schön empfindet. Bis die Tintoretto-Spur explodiert, mitten im Satz.

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Jetzt schon Tickets sichern

NDR Soundcheck

Kulturticket