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Sonntag, 24 September 2017 17:33

Wenn das Mitgefühl auf der Strecke bleibt

geschrieben von
Marius Ahrendt, Rebecca Klingenberg Marius Ahrendt, Rebecca Klingenberg Photo: Georges Pauly

Premiere für „Fräulein Agnes“

Schwächen sind schwer verhandelbar, wenn das Urteil bereits feststeht. Kompromisse kommen für „Fräulein Agnes“ nicht in Frage und mit Motiven gibt sich die Wortführerin in Rebekka Kricheldorfs Stück schon lange nicht mehr ab. Dafür ist sie viel zu wütend auf die Szene, die sie in ihrem Blogg attackiert. Diese angeblich so kreativen Köpfe, die für sie nur blödes und verlogenes Gelaber von sich geben und sich in ihren Posen und Attitüden auch noch gefallen. Alles nur verbale Schleimspuren. Ähnlich rigoros urteilt sie auch in ihrem persönlichen Umfeld, das sie mit der Forderung „Wahrheit, nichts als Wahrheit“ malträtiert.

Molières „Menschenfeind“ hat in ihr eine würdige Nachfolgerin gefunden und Rebecca Klingenberg lästert sich auch gleich zu Beginn des Abends wunderbar in Rage. Mit einer Kampfansage und was ihre Agnes alles ankotzt bei Schreibern, Performern und Kritikern und auch in ihrem privaten Auditorium. Noch tragen es die Freunde mit Fassung, wenn Agnes über die Lifestyle Kolumnen von Fanny (Angelika Fornell) herzieht und bei Adrian (Florian Eppinger) nicht wirklich an die Pose des fürsorglich treuen Ehemannes glauben mag. Die Mutterliebe hat auch ihre Grenzen. Vernichtend fällt das Urteil über die Songtexte ihres Sohnes Orlando (Marius Ahrendt) aus, der sich eine wohlwollende Rezension seines neuen Albums wohl besser abschminken sollte. Ungeschoren kommt dagegen ihr Liebhaber Sascha (Christoph Türkay) davon, egal wie viele Affären dem jungen, attraktiven Filmemacher nachgesagt werden. Das aufgeblähte Kreativgeplapper seiner beiden Performance Groupies Annabelle (Gaia Vogel) und Cordula (Felicitas Madl) ist es dann nicht einmal mehr wert, darüber noch ironisch in Rage zu geraten. Und wieder einmal erdet der philosophisch gestimmte Dauerhausgast Elias (Florian Donath) mögliche Turbulenzen.

Wo sich alle Welt so schön selbstgefällig positioniert und die Geschmacksurteile umso bösartiger ausfallen, wenn sie hinter vorgehaltener Hand verbreitet werden, kann sich Kricheldorfs Wahrheitskämpfern mit öffentlichem Qualitätssiegel an der idealen Kampfzone abarbeiten, in der sich ständig inszenieren muss, um auf sich aufmerksam zu machen. Erich Sidler hat das Aufgebot an Wortgefechten in seiner Inszenierung optisch zugespitzt. Im Bündnis mit seinem Choreographen Valenti Rocamora i Tora lässt er diese Gesellschaft der Selbstdarsteller immer wieder posieren. Jede Figur hat ihr ganz eigenes Repertoire an Gesten und Attitüden, um sich in der bel étage von Agnes in Szene zu setzen. Gerade die ironische Überzeichnung macht dann auch hellhörig für all die Tarnübungen, die hier auf dem schrägen Bühnenparkett von Bühnenbildner Friedel Vomweg wie auf einem Laufsteg verhandelt werden. Es geht dabei auch um berufliche Ambitionen, Konkurrenzen und Versagensängste, die kreativ ummantelt werden müssen. Das Bedürfnis nach credit points auf dem Eventmarkt ebenso wie die Furcht, ins öffentliche Abseits zu geraten.

Dahinter lauert eben auch die Sinnfrage, die dieses Fräulein Agnes noch vielmehr zusetzt als ihrer geschwätzig irrlichternde Umgebung. Deren Schaukämpfe ermüden nicht nur sie sondern gelegentlich auch das Publikum, weil Rebekka Kricheldorf dieses Szenario geschwätzig mäandernder Selbstdarsteller zwar dramatisch diagnostiziert, aber dann auch darin steckenbleibt. Was nun? Das Schauspielteam punktet mit einem grandiosen Verstellungsspiel und belebt diese stilisierten Figuren und ihre Fassaden wunderbar pointiert und hintersinnig. Ja doch, man kann über den Substanzverlust im kreativen Diskus lamentieren, über Qualitätsansprüche, ästhetische Kategorien und wie sie im medialen Wettbewerb verflachen oder wie Agnes für die absolute Wahrheit und Aufrichtigkeit plädieren, die nur leider niemandem zuzumuten ist. Nicht den Freunden, die von ihr abgehört werden oder dem Sohn, den sie mit einem bösartigen Blogg vertreibt. Sogar Gerüchte lassen sich produktiv instrumentalisieren, wenn der Liebhaber hier nicht mitspielt. Auch ihm gilt dieses Credo „Ich habe die ganze Menschheit satt“, wenn die Machtprobe scheitert, wer hier ehrlich ist und wer als verlogen einfach ausgemustert werden sollte Die Sprache als Instrument der Verständigung mutiert zur ultimativen Waffe, wenn sich dieses Fräulein Agnes auf hohem Niveau ins endgültige Abseits ekelt, ohne eine Spur von Empathie für das Schlachtfeld, das sie hinterlässt. Das Mitgefühl ist hier endgültig auf der Strecke geblieben. Und das ist ebenso erschreckend wie berührend in diesem zynischen Abgesang auf die Möglichkeit, sich im gesellschaftlichen Showroom gelegentlich auch mit Meinungen, Ansichten zu arrangieren und trotzdem wachsam zu bleiben. Erst recht, wenn mal wieder ein verbindlicher Wertekanon zur Disposition steht oder mit der Moralkeule gefuchtelt wird.

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