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Mittwoch, 20 September 2017 00:00

Der Verrat eines verratenen Zweiflers

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Jan Reinartz als Judas in der Göttinger St. Johanniskirche Jan Reinartz als Judas in der Göttinger St. Johanniskirche © Photo: Dorothea Heise

„Judas“ Premiere des Junge Theaters in der St. Johanniskirche

An der Tat ist nichts zu deuten. An dem Verrat, den Judas begangen hat. Für 30 Silberlinge, wie es heißt, und mit diesem Kuss, der Jesus für seine Häscher endgültig enttarnte. Gibt es überhaupt eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte, fragt die niederländische Autorin Lot Vekemanns in ihrem „Judas“ Monolog. Gibt es eine Geschichte, die nicht nur nach Hölle und Verdammnis schreit sondern nach möglichen Motiven für den Verrat und nach einer Haltung, die es glaubhaft zu machen gilt. Vielleicht auch, um das Stigma des ewigen Verräters aufzubrechen?

Die Gestalt auf der Bühne verweigert gleich zu Anfang mögliche Erwartungen. Das macht Jan Reinartz schon mit den ersten Sätzen klar. „ Ich muss vorsichtig sein mit dem was ich sage, denn ehe man sich’s versieht, dreht man mir die Worte im Mund rum. Ich könnte auch sagen. werden sie mir anders ausgelegt.“
Dieser Judas, wie er sich da in einem beengten Hohlraum krümmt, hat keine Verteidigungsrede auf Lager, sondern vor allem den Wunsch als das wahrgenommen zu werden, was er eben auch war. Aber vielleicht interessiert sich ja doch jemand für den Menschen Judas mit seinen Ambitionen und Hoffnungen, bei dem auch eine Menge Wut im Bauch mit im Spiel war, die sich gegen die römische Herrschaft richtete. Vielleicht ist es auch endlich an der Zeit, diesen kämpferischen Judas zu Wort kommen zu lassen, der auf den Befreiungskämpfer Jesus vertraute und nicht auf den Erlöser, der am Ende als Opferlamm der Prophezeiung folgte, um sich für die Sünden der Welt foltern und kreuzigen zu lassen. Nicht einmal der Verrat konnte das verhindern.

Der Schauspieler würgt und kotzt, wenn er jetzt das verräterische Korsett erneut aufbrechen möchte, das seine Figur schon so lange umklammert. So boykottiert er auch eine vorschnelle Anteilnahme. Blutige Spuren markieren sein Gesicht, das sich wieder und wieder grimassenhaft hässlich verzerrt und dann zu fragen scheint: Traut ihr euch noch, meiner Sicht auf die Ereignisse zu folgen oder auch meinen Zweifeln, wie sie zu der Szene im Garten von Gethsemane führen sollten – oder bestätige ich euch einmal mehr das vertraute Feindbild des Verräters? Schon der Name Judas Name ist bis heute gebrandmarkt und mit allen Verwünschungen versehen, auf dass er in der Hölle schmoren möge, weil sich niemand um Motive oder Umstände schert.

Ein großes Gestell dominiert den Altarraum in der St. Johanneskirche, wo Sebastian Sommer Lot Vekemanns „Judas“ Chronik inszenierte. Das Bühnenbild von Sonja Elena Schröder erinnert an einen Oberheadprojektor, in dem Jan Reinartz sich jetzt aus seinem beengenden Refugium wie aus einem Sarg heraus zu kämpfen scheint. Hier dominiert auch nicht die sakrale Atmosphäre, obwohl sie für diesen dramatischen Diskurs wie geschaffen anmutet, sondern das aufrührende Spiel einer Projektionsfigur. Die verlangt nach Lesarten, die sich nicht an die biblische Chronik halten, und demonstriert nun eine Selbstbefragung, in der mögliche Einsichten und mögliche Zweifel darüber ständig kollidieren.

Lot Vekemanns Judas Psychogramm ist ein ungemein vielschichtiger Text, der im Grunde keiner szenischen Effekte bedarf. In Sebastian Sommers Inszenierung wird er immer wieder musikalisch aufgeladen, mit tragischen Streichersounds, Orgelklängen und auch mit dem Choral „Jesu, meine Freude“, die die Essenz des Stückes eher plakativ durchdringen. Effektvoll ist natürlich auch die Wirkung, wenn das Altarfenster mit dem Motiv des gekreuzigten Jesus den dunklen Altarraum erhellt. Aber braucht es wirklich diese visuelle Dramatik, wenn sich Jan Reinartz sich vorübergehend aus der räumlichen Umklammerung befreit und sich sein Judas zu einer weiteren Provokation durchringt? Dass nämlich er für die Sünden der Menschen gestorben sei und sein Verrat ein Akt des Widerstandes gegen einen Glauben, der in tödlicher Demut endet statt im aktiven Handeln für ein humanes Miteinander. Die Fragen nach Schuld, Reue, Sühne und Vergebung rumoren weiter in dieser Figur, die keine Rehabilitation erwartet sondern eine Verständigung mit seinem Schicksal In diesem Sinne bewegt dieser Theaterabend nachhaltig. Auch in der schmerzhafte Leidenschaft, mit der Jan Reinartz seinen Judas bestärkt, sich nicht nur dem Verrat zu stellen sondern auch dem Gefühl, dabei auch verraten worden zu sein, ohne jemals Trost zu finden.

 

 

 

 

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