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Montag, 18 September 2017 06:00

Ein Roman über die Luft, die wir atmen

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Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy entführte ihr Publikum im Gespräch mit Christoph Senft in das moderne Indien Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy entführte ihr Publikum im Gespräch mit Christoph Senft in das moderne Indien © Photo: May

Arundhati Roy über Das Ministerium des äußersten Glücks in Göttingen

Fast 20 Jahre nach dem Erscheinen des umjubelten und mehrfach ausgezeichneten Romans Der Gott der kleinen Dinge erschien nun der zweite Roman der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. In der bis auf den letzten Platz besetzten Aula am Wilhelmsplatz sprach sie in Göttingen nicht nur über ihren neuen Roman Das Ministerium des äußersten Glücks und das Schreiben, sondern auch über ihre Rolle als Sprachrohr der Ungehörten in der indischen Gesellschaft.

Arundhati Roy ist eine unbeugsame Idealistin – Egal, ob es um ihre politischen Essays geht, in denen sie sich neben internationalen politischen Forderungen für die armen und rechtlosen Menschen Indiens einsetzt, oder ob es ihren Schreibstil als Prosa-Autorin betrifft. „Ich habe nur einen Prosa-Ratgeber gelesen“, so Roy schmunzelnd auf den Kommentar ihres Gesprächspartners Christoph Senft, der sie auf ihren unkonventionellen und kommentierenden Schreibstil hinwies. Roy bezweckt mit ihrem Schreibstil, dass die LeserInnen eine Beziehung zu allen ProtagonistInnen des Romans entwickeln. Sie selbst fühle sich allen Schicksalsgeschichten der Ausgestoßenen in ihrem mosaikartig erzählten Roman verbunden.

In dieser Verbundenheit liegt ein zentraler Aspekt ihres Werks: Es gehe ihr nicht darum, in einem Roman mit durchaus politischer Dimension für eine Seite bewusst Partei zu ergreifen. Vielmehr möchte sie eine Geschichte „über die Luft, die wir atmen“, erzählen, über die Facetten der menschlichen Natur. Wie gut ihr diese universellen Beobachtungen gelungen sind, beweist die Aussage eines polnischen Journalisten gegenüber Roy, von der sie berichtet: Er wisse zwar, dass der Roman von Indien handle, doch er lese es über die Zustände in Polen.

Neben der Frage nach der Einordnung des Politischen in eigentlich fiktionaler Literatur sprach Arundhati Roy offen über ihr Leben nach dem Erfolg ihres ersten Romans, der zwar nicht explizit den Inhalt ihres zweiten Romans, aber ihr gesamtes Leben verändert habe. Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, wollte sie nicht das Leben „anderer reicher Personen leben“, sondern setzte sich in ihrer Heimat weiterhin gegen gesellschaftspolitische Missstände ein. Wohl deswegen wurde sie zum Gesicht sozialer Bewegungen gemacht und das so prominent, dass auch Analphabeten Roy und ihr Engagement unterstützen. „Sie können zwar nicht lesen, aber sie fühlten trotzdem, was gesagt wurde“, so Roy.

Sprache im weiteren Sinne ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt des Romans. Indien besitzt eine große kulturelle und sprachliche Vielfalt, somit gibt es keine zentrale Amtssprache. Roy schreibt zwar auf Englisch, doch es beeinflussten auch andere, indische Sprachen den Roman, nicht nur formal, sondern auch inhaltlich, zum Beispiel, wenn sich die ProtagonistInnen des Romans im Gefüge der Sprachen selbst übersetzen. Dass Arundhati Roy Sprache kunstvoll zu bedienen weiß, bewies die Lesung aus zwei deutschen Passagen: Roy entführt die LeserInnen in ein Indien der Gegensätze, zwischen alt und neu, arm und reich, Natur und Technik. Wortgewaltig erzählt sie von den kleinen Schicksalen einer riesigen und diversen Gesellschaft. Und je mehr man sich auf die teils schmerzhaften Geschichten einlässt, umso mehr versteht man, was Arundhati Roy meint, wenn sie sagt: „Wenn ich schreibe, versuche ich langsam alles um mich herum zu werden.“

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