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Samstag, 16 September 2017 09:21

Lichtenberg unter freiem Himmel

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Lichtenberg-Theater im Innenhof des Städtischen Museums Lichtenberg-Theater im Innenhof des Städtischen Museums (c) Photo: Martin Liebetruth

Dramatische Vorlesung im Städtischen Museum

Der Buckel ist ziemlich eckig und kantig geraten. Auch das passt zu Christoph Georg Lichtenberg, wie er jetzt im Innenhof des städtischen Museums über Astronomie und Blitzforschung sinniert, über Gewitterangst, die Schöpfungsgeschichte und den Urknall. Er eckt eben gerne an, wenn es um wissenschaftliche Erkenntnisse und Denkgebäude geht. Gefallen hätte ihm sicher auch die Idee, dass ihn zwei Theatermacher für eine Aufführung mit Licht und Feuer zusammenbringen und ihm dafür eine Open air Vorlesung widmen. „Wie wenn einmal die Sonne nicht mehr scheine“ heißt das szenische Abenteuer, bei dem sich Götz Lautenbach, Bernd van Werven und Alina Halverscheid der funkelnden Experimentierlust des Göttinger Gelehrten widmen und seinem unerschöpflichen Fundus an Geistesblitzen.

Die Fachwerkkulisse des städtischen Museums ist in ein mattes Licht getaucht, während sich die Zuschauer in ihre Decken kuscheln und von Götz Lautenbach erst mal ein bisschen spöttisch belehrt werden. Bei einer Vorlesung unter freiem Himmel gehe es halt nicht immer sommerlich temperiert zu, erst recht nicht für Einsichten und Erkenntnisse über die Astronomie, wie sie den buckligen Gelehrten neben Philosophie, Physik und Mathematik eben auch beschäftigten. Vermutlich wäre ein Hörsaal auch viel zu eng, selbst für den Blick über das große Ganze, wie ihn die Gestalt in Gehrock und Kniebundhose ankündigt. Der gilt schließlich dem himmlischen Geschehen um Sonne und Mond, Planetenumlaufbahnen und Kometenschweifen, die sich draußen ja viel besser studieren lassen und auch anschaulich demonstrieren, selbst wenn sie so unfassbaren Entfernungen rotieren.

„Man kann da in einer halben Stunde mehr lernen als durch eigenen Fleiß im einem halben Jahr“, verkündet Lautenbach als universaler Gedankenwanderer, dem Bernd van Werven als „Mechanicus „Seyde“ für diese luftige Vorlesung zur Seite steht. Lichtenbergs „Gehülfe in Collegio“ stiftet all die Zutaten für Lichtenbergs himmlische Exkursionen über Feuerbälle und Ellipsen, die Flugjahre, die es bis zum Planeten Sirius braucht und die Umlaufzeit des Planeten Halley. Dann lässt der Spezialist für Fantasien mit Licht, Feuer und leuchtenden Requisiten kleine Lampen wie Fixsterne kreisen und einen Ring des Saturn um eine blaue Kugel durch die Luft gleiten. Lichtenbergs Gehülfe kommentiert so manchen seiner Geistesblitze auch ganz eigensinnig mit schillernden Choreografien, denn in Lautenbach kommt ständig der Querdenker zum Vorschein, der auch gerne mal abschweift und dann Kant zitiert oder über eine physikalische Erklärung für das Phänomen der biblischen Bundeslade sinniert. In all den bewegenden Lichtbögen und Kreisen, mit denen van Ververn die Zuschauer immer wieder verzaubert, spiegelt sich auch das zentrale Element der Lichtenbergschen Geisteswelt, die Lautenbach aus Originaltexten und Notizen collagiert hat. Er lässt dabei das Portrait eines Unruhegeistes entstehen, den eben nicht nur Experimenten, Berechnungen und Lehrsätze bewegten sondern immer auch die Frage, was es mit der Schöpfungsgeschichte auf sich hat und ob angesichts der Unfassbarkeit des Universums nicht doch ein Gott seine Finger im Spiel hatte.

Das Bild des fragenden, zweifelnden und gläubigen Universalgenies erfährt allerdings auch seine ganz vergnügliche profane Erdung. Lichtenbergs Gefährtin Margarete kümmert es wenig, ob gerade über einen astronomischen oder existenzieller Geistesblitz sinniert wird. Sobald sich die erste Etage des Museumsgebäudes erhellt, keift Alina Halverstadt aus dem offenen Fenster und lameniert über die Dienstboten oder die vielen Studenten, die neben Umsatz auch Unruhe in den akademischen Haushalt bringen. Doch dieser Lichtenberg ist eben auch für eine Überraschung gut, selbst wenn er jetzt für den Moment in Deckung geht. Schon folgt ein beseelter Blick nach oben und das ersehne Ja auf seinen Heiratsantrag. Eine sichtlich zufriedene Gestalt genießt auf der Bühne den Moment von Glück in diesem kräftezehrenden buckeligen Dasein.

Der Knauser Lichtenberg kommt in dieser open air Vorlesung ebenfalls zum Vorschein, wie er mit seinem Mechanicus nicht nur über die Notwendigkeit von Blitzableiterkabeln disputiert und was da sonst noch an Materialien zu Buche schlägt. Viel schwerer tut sich das arithmetische Gemüt sich mit den monatlichen Zuwendungen und einer Rentengarantie für den dienstbaren „Gehülfen“. Der hat neben den astronomischen eben auch die irdischen Verhältnisse im Blick, die seinem Herrn auf ganz andere Weise zusetzen. Das sind neben dem drückenden Gewicht des Buckels auch die Lasten in seinem Gedankenlabyrinth und die erschöpfende Frage, von der er nicht lassen mochte. Wie lange sich die Erde wohl noch dreht und wie es wohl wäre, wenn einmal die Sonne nicht mehr wiederkäme. Die Gestalt auf der Bühne kann sie jetzt mit in den Schlaf nehmen und auf die Nachwirkungen von Geistesblitzen vertrauen, wie sie an diesem Theaterabend unter freiem Himmel in Bildern und Gedanken illuminiert werden.

Weitere Vorstellungen gibt es am 16., 20., 22., 23. und 25. September um 20.30 Uhr im Innenhof des Städtischen Museums.

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