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Sonntag, 13 August 2017 11:44

Magische Momente – oder warum sollen 60 Musiker meinem persönlichen Geschmack folgen?

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Christoph-Mathias Mueller zu Gast bei den Kulturfreunden Bovenden Christoph-Mathias Mueller zu Gast bei den Kulturfreunden Bovenden © Photo: Fibiger

Christoph Matthias Mueller spricht über seinen Beruf und das Göttinger Symphonie Orchester

„Oft verbindet man etwas Magisches mit der Arbeit eines Dirigenten…“ Im Saal des Bürgerhauses in Bovenden steht Christoph-Mathias Mueller und wirft den Ball geschickt ins Feld. Der Gedanke an Magie mag ja so manchem Konzertbesucher schon gekommen sein, wenn er die Musiker beobachtet, wie sie jedem noch so kleinen Zeichen folgen, das der Mann mit dem Taktstock aus der Partitur herausgelesen hat. Auf magische Momente wird Göttingens Generalmusikdirektor später noch zu sprechen kommen, was der Titel seines Vortrages allerdings nicht verrät.

Auf Einladung der Bürgerstiftung Bovenden hatte Mueller einen „Einblick in den Kulturbetrieb des GSO und den Beruf des Dirigenten“ angekündigt. Zunächst gibt er einen kurzen Einblick in die musikalische Biografie des Schweizer Geigenschülers, der bereits das Schulorchester dirigierte und in einem Ensemble für zeitgenössische Musik die Erfahrung machte - und wie diese neuen Kompositionen sein Gehör schärften.

Warum soll ein Orchester einem unerfahrenen Dirigenten folgen? Das musste sich auch Mueller nach seiner wie er sagt „sauberen Ausbildung zum Dirigenten“ an der University of Cincinnati fragen. Talent und erlernte Fähigkeiten würden schließlich bei jeder Bewerbung vorausgesetzt. Er spricht von glücklichen Umständen für seine Lehr-und Wanderjahre, als Assistent von Vladimir Ashkenazy und Claudio Abbado bis zu seiner Wahl als Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters.

Was ist ein Orchester und wie funktioniert es? Besonders dieser Frage widmet Mueller viel Aufmerksamkeit, weil sie sich auch nur in vielen Facetten beschreiben lässt. Er beginnt mit der Beschreibung eines grausamen Vorspielprozesses, den jeder Musiker überstehen musste. Dass selbst die talentiertesten Bewerber mit den besten Lehrern nicht nur spielerisch, technisch und klanglich überzeugen müssen sondern auch „sozial kompatibel“ zu sein haben. Der Begriff mag oder anderen Zuhörer beim Gedanken an eine Brahms- oder Mahler-Symphonie irritieren. Aber Mueller kontert mit dem Argument, dass die Orchestermusiker schließlich über 20 bis 30 Jahre zusammenbleiben, während der Mann am Pult des Öfteren wechselt.

Der hat auch keineswegs ein leichtes Spiel mit diesem hellhörigen Aufgebot, das Mueller nicht nur als Sensorium beschreibt, sondern auch als eine Gruppe von Diven mit Eigenheiten und Attitüden. Dass er als Dirigent alle Diven auf ein gemeinsames Ziel vereine, klingt nicht gerade wie ein sachlicher Auszug aus dem Regelwerk für Orchesterleiter. Da schon eher der Anspruch, dass der Dirigent eine klare Idee des Gesamtwerkes haben müsse, er mit dem Wissen um Musikgeschichte, Aufführungsgeschichte und Stilfragen überzeugen müsse – und das auch psychologisch: Warum sollen 60 Musiker meinem persönlichen Geschmack folgen?
Nach zwölf Jahren ist Muellers Platz am Pult natürlich sicherer als der des GSO-Debütanten, der damals diese Erfahrung mit vielen jungen Dirigenten teilte. „Man steht wie vor einem Erschießungskommando, auch ich wurde mehrmals erschossen.“ Für das darauffolgende Happy End hat Mueller offenbar ein bisschen in die Trickkiste gegriffen, auch wenn er von Respekt und klaren Direktiven und einem sensiblen Umgang miteinander spricht. „Ich muss jeden Musiker glauben machen, dass er macht, was er will - während er das macht, was ich will“. Aber er nennt noch andere Varianten von Happy End, wenn das Zusammenspiel des Orchesters auch ohne seinen Einsatz funktioniert. Oder wenn in einem Konzert der Moment der Wahrheit gekommen ist, wo keine Zeit mehr für Erklärungen oder auch Entschuldigungen ist.

Auch Mueller rätselt weiterhin über diese unberechenbaren Augenblicke, warum ein Konzert mal akzeptabel ausfällt und mal überwältigend - und dann dieser magische Moment eintritt: „Dann fühle ich die unglaubliche Einheit mit dem Orchester“.

Mit Blick auf das zweite Vortragsthema und den Kulturbetrieb GSO erfolgt dann auch die Erdung fern von magisch-mythischen Sphären und musikalischen Träumen. Wie abwechslungsreich, ansprechend und inspirierend muss ein Programm gestaltet sein, damit die Abonnenten bei einem zeitgenössischen Stück sagen, dass es interessant sei - auch wenn es ihnen nicht gefalle. Von steigendenden Anforderungen an das Orchester und den Dirigenten berichtet Müller. Und das nicht nur, wenn es um das riesige Repertoire und das enorme Gastspielpensum geht oder die Suche nach Sponsoren, weil das Orchester eine Mahler-Symphonie nur mit weiteren Gastmusikern aufführen kann. „Wir müssen immer wieder erklären, warum es uns gibt“, meint Mueller, auch wenn die Bedeutung des GSO als kulturellem Standortfaktor unbestritten sei. Finanzknappheit ist auch ein Dauerthema, auch wenn das GSO 25 Prozent seines Etats selbst erwirtschaftet und damit zu den Spitzenreitern in der Orchesterszene gehört. Dass Mueller gern weitere Orchesterplanstellen schaffen würde, um das Repertoire an großen Symphonien erweitern zu können, findet auch nicht nur Befürworter.

In Grenzen hält sich wiederum die Begeisterung des GSO-Chefdirigenten für die Umbaupläne in der Göttinger Stadthalle, bei denen seiner Meinung nach die schwierigen akustischen Verhältnisse keine Priorität haben. Trotzdem stellt Mueller natürlich noch ein paar magische Momente in Aussicht. Zum Beispiel mit dem ersten Saisonhighlight am 2. September, das unter dem Motto „Dem Vergessen entrissen“ sich den Werken von Alexander Weprik widmet. Mit dessen symphonischen Musik planen die Göttinger Echopreisträger 2017 auch eine Bereicherung der erfolgreichen CD-Kollektion des GSO. Informationen und Tickets für dieses Konzert finden Sie hier online im Kulturbüro Göttingen.

 

 

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