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Sonntag, 16 Juli 2017 23:00

Keine Macht für Niemand...

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Ton Steine Scherben in der Tangente mit dem Nürnberger Liedermacher Gymmick:...Warum geht es mir so dreckig. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Wir sind geborn' um frei zu sein. Mein Name ist Mensch. Der Kampf geht weiter...

Ein Gespür für prägnante, oft sozialkritische, Titel und Texte kann man der Band Ton Steine Scherben (Kurzform: Die Scherben) guten Gewissens attestieren. Als musikalisches Sprachrohr der 68er-Bewegung und der Hausbesetzerszene hat die Band um den bereits verstorbenen Frontmann Rio Reiser einen legendenhaften Status inne. Ihre Texte treffen auch nach knapp 50 Jahren seit ihrer Gründung auf diverse wunde Punkte einer durchgängig durchkapitalisierten Gesellschaft. Immens war ihr Einfluss nicht nur auf die linke Szene, sondern auch auf die deutschsprachige Rockmusik, an dessen Stilbildung die Scherben maßgeblich beteiligt waren. Fraglich ist, ob Parolen wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ überhaupt geltend gemacht werden sollten, oder ob sie nicht etwa die Komplexität von Machtstrukturen und Widerstand zu sehr vereinfachen.

Am 14. Juli 2017 war die Nachfolge der ursprünglichen Besetzung nun mit einem Akustikset, teils mit Originalbesetzung (Kai Sichtermann und Funky K. Götzner sind noch aus der Gründungsphase mit dabei), sowie mit einer Neubesetzung (dem Nürnberger Liedermacher Gymmick), unter dem etwas abgewandelten Bandnamen „Kai & Funky von Ton Steine Scherben und Gymmick“ in der gemütlichen Göttinger Tangente zu Gast. Diese war gut besucht von einem bunt gemischten Publikum, das sichtbar vom Wiederaufleben der Scherben begeistert war. Neben älteren Leuten, die die Band in ihrer Gründungszeit sicherlich noch erlebt haben, waren auch jüngere Menschen zu sehen, die womöglich durch das in den Texten vermittelte Lebensgefühl Zugang zu der Band gefunden haben.

Gespielt wurde eine Mischung aus älteren Liedern der Scherben selbst, sowie aus Rio Reisers Soloprojekt. Auch ein paar neuere Stücke der aktuellen Besetzung fanden ihren Weg ins Set, womit dem Vorwurf, dass man lediglich das Erbe der Scherben am Leben erhält, aber keine weitere Entwicklung stattfindet, ohne Zweifel entgegenwirkt. Klassiker waren natürlich vielzählig im Programm enthalten. Lieder wie „Macht Kaputt, was euch kaputt macht“, „Keine Macht für Niemand“ und die Hausbesetzerhymne „Rauch-Haus-Song“ luden das Publikum zum Mitsingen und Tanzen ein. Vom Feuer der älteren Songs war noch viel zu spüren, auch die neueren Stücke konnten überzeugen. Musikalisch und textlich wurden jedoch keine großen Sprünge gewagt.

Insgesamt war die Stimmung recht ausgelassen und heiter. Trotz der oft ernsten Themen, kommt in den Texten häufig eine große Emotionalität zum Vorschein. Neben der radikalen Kritik am Kapitalismus schwingt doch auch immer eine große Freude mit. Über den Menschen und das Leben, sowie die Hoffnung auf eine Welt, in der Freiheit, Gleichheit und Solidarität verwirklicht werden. „Wer wird die neue Welt bauen, wenn nicht du und ich“ tönt es da in Schritt für Schritt ins Paradies. „Und der lange Weg, der vor uns liegt, führt Schritt für Schritt ins Paradies“. In solchen Textpassagen spiegelt sich nicht nur die Hoffnung auf eine neue Welt, sondern auch eine durchdringende Liebe für die Menschen und ihre Zukunft. An anderen Stellen wiederum, so z.B. in Menschenfresser, wurde gegen die gestichelt, die den Weg zu dieser Utopie blockieren. Sowohl gegen Trump, als auch gegen Erdogan und den G20 Gipfel wurde kräftig ausgeteilt.

Die Vergangenheit der Band kann zwar nicht reproduziert werden und Rio Reiser zu ersetzen, ist nicht nur vermessen, sondern auch unmöglich. Die aktuelle Besetzung braucht den Vergleich mit dem Original jedoch nicht zu scheuen. Mit viel Energie und Leidenschaft sorgte die Band für einen stimmungsvollen Abend. Das wiederbelebte Bandprojekt vermag damit mehr, als nur einen verklingenden Nachhall im Schatten des Originals auf dessen einstige Größe abzugeben. Keine Macht für Niemand heißt es, also auch keine Macht für Rio Reiser. Das Andenken in Ehren halten, ja. Aber nicht vergöttern. Dann kann die Musik auch genossen werden, ohne der alten Zeit zu sehr nachzutrauern.

Allerdings lässt sich das Gefühl, dass das radikale Aufbegehren in den 70ern einem Eingeständnis der eigenen Ohnmacht gewichen ist, nur schwer leugnen. An den gesellschaftlichen Machtstrukturen hat sich seit den 70ern nicht viel getan. Und so bestätigen die Scherben zwar weiterhin das Lebensgefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, vermögen jedoch nicht die erwünschten Veränderungen selbst herbeizuführen. Gedankenanstöße für den Einzelnen werden natürlich trotzdem geliefert. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ebenso. Doch die Frage, wann sie denn kommt, die große Bewegung der einfachen Leute, die Ebnung des Weges zur Utopie, bleibt hartnäckig. Bis dahin singen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Der Traum ist aus, aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird“.

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