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Donnerstag, 13 Juli 2017 22:34

Erste Liebe

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Myrtha Dorothee Werner, Cédric Frein, Phil Schlöter Myrtha Dorothee Werner, Cédric Frein, Phil Schlöter © Bild: Ulf Janitschke

Premiere von Beautiful Thing im Theater im OP

Pubertät ist immer und überall eine Zeit des Übergangs, der Abgrenzung und des (sich) neu Findens. Im Stück Beautiful Thing sind wie in einem Brennglas alle diese Probleme fokussiert, denn die jugendlichen Protagonisten Jamie, Steven und Leah leben mit verschärften Rahmenbedingungen: Sie stammen aus der Londoner Arbeiterklasse und wohnen in einem Plattenbau in Thamesmead zusammen mit dem gewalttätigem Vater, der tablettenabhängigen Mutter oder der mit wechselnden Liebhabern und alle drei haben auf unterschiedliche Art Stress in der Schule. Der Autor Jonathan Harvey war Gesamtschullehrer in genau dieser Siedlung und schrieb das Stück, das auch verfilmt wurde, im Jahr 1993.

Nun hat das Theater im OP unter der Regie von Andreas Hey Beautiful Thing neu inszeniert. Das Bühnenbild von Ulf Janitschke und Lisa Rubart ist eher bunt als trist und zeigt somit ein Idyll, das nur vorgetäuscht ist - einzig eine demolierte Haustür mit defekter Klingel deutet die wahren Verhältnisse an. Geschickt wird mit verschiedenen Ebenen operiert, das Schlafzimmer von Jamie liegt unterhalb der drei Wohnungseingänge. Zusätzlich werden verschiedene Barszenen auf der obersten Ebene am Eingang der echten Pausenbar gespielt.

Um das Stück im Entstehungsjahr anzusiedeln, wird eine Zigarette nach der anderen geraucht – das wirkt authentisch, wäre aber in dieser Ballung nicht nötig gewesen, denn Eltern und Kinder produzieren auch so genügend Dampf. Die schlagfertige bis bitterböse und doch gleichzeitig naive Sandra (Lisa Tyroller) ist ganz und gar nicht mütterlich, sondern nutzt jede Steilvorlage für Zoff mit ihrem Sohn Jamie (Cédric Frein). Erst als dieser ihr seine Beziehung mit Steven beichtet, entwickelt sie so etwas wie Empathie. Dabei hat sie diese Beziehung eingefädelt: ohne zu merken, dass ihr Sohn für den Nachbarsjungen schwärmt, lädt sie Steven (Phil Schlöter) ein, in ihrer Wohnung zu übernachten, nachdem er von seinem Vater grün und blau geprügelt wurde. Da nur Jamies Bett zur Verfügung steht, nähern sich die beiden Jungen zaghaft aber stetig aneinander an. Ihr öffentliches Coming-out mit dem Besuch einer Schwulenbar wird dank vieler Statisten zu einem echten Szenetreff.

Die Musik kommt überwiegend vom Band, aber wenn live gesungen wird, dann rockt das den Saal. Myrtha Dorothee Werner als Leah ist nicht nur eine echte Rampensau, sondern auch eine herrlich vulgäre Vorstadtgöre und spielte ihre Kollegen damit fast an die Wand. Nebenbei beherrscht sie die selten gewordene Kunst, Rauchkringel zu produzieren. Auch René Anders als Dragqueen in der Schwulenbar sorgt für ordentlich Stimmung.

Die Nebenrollen sind bis ins Detail perfekt besetzt: Thius Vogel als Liebhaber von Sandra und Tagedieb hat wundervolle Auftritte im Morgenmantel, während Leahs kranke Mutter (unvergleichlich gut getroffen von Jella Böhm) stets mit Lockenwicklern im Haar nur kurze Kommentare gibt. Stevens Vater (Tobias Wojcik) ist lautstark zu hören, verlässt aber nie die Wohnung.

Die Reaktionen einer Gruppe von Jugendlichen im Publikum, allesamt im Alter der Protagonisten, zeigte, dass auch die heutige, vermeintlich so offene und aufgeklärte Generation auch ein Vierteljahrhundert nach Entstehung des Stücks noch längst nicht selbstverständlich mit Homosexualität umgeht. Auch das ist eine Erkenntnis des Abends. Alle Mitwirkenden waren mit Begeisterung dabei und das übertrug sich auch auf das Publikum, das sich mit lautstarkem und langem Applaus bedankte.

Weitere Vorstellungen:
Freitag, 14.07.17
Samstag, 15.07.17
Dienstag, 18.07.17
Mittwoch, 19.07.17
Freitag, 21.07.17
Samstag, 22.07.17
Dienstag, 25.07.17
Mittwoch, 26.07.17
Freitag, 28.07.17
Samstag, 29.07.17
Das Kulturticket gilt für alle Aufführungen außer der Premiere.

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