Punkte neu 30 transparentWillkommen im Kulturbüro Göttingen - Ihrem Veranstaltungsportal für Göttingen

Freitag, 07 Juli 2017 04:04

Ein Theaterabend, der unter die Haut geht

geschrieben von
Ein Theaterabend, der unter die Haut geht © Photo: Hillebrecht / Die Fotomaus

Achim Lenz inszeniert das „Das Interview“ im Kloster Brunshausen

Katja Schuurman hat einen von diesem dämlichen Schluffis erwartet, die immer die gleichen albernen Fragen stellen und nicht dieses Ekelpaket. Dabei ist Pierre Peters zunächst einfach nur wütend, weil er nicht über den erwarteten Rücktritt der Niederländischen Regierung berichten kann sondern ein Portrait über diese Soap-Darstellerin und ihre hirnlosen Filme schreiben soll.

Angespannt ist die Gesprächsatmosphäre in Theo van Goghs dramatischem Duell „Das Interview“ von Anfang an. Auch wenn nach dem ersten verbalen Schlagabtausch über arrogante Polit-Redakteure und telegene Silikonikonen erst mal Ruhe einkehrt. Katja und Pierre wissen schließlich, was sie als Medienprofis und überzeugte Selbstdarsteller zu spielen haben. Ist ja alles nur Show. Hier beginnt sie halt mit dem Austausch von kleinen Bösartigkeiten und Beleidigungen, die van Goghs Protagonisten für eine Medienöffentlichkeit inszenieren, die sich mit scheinbar intimen Bekenntnissen egal ob wahr oder unwahr bei Laune halten lässt.

Ein gutes Interview sei seinem Wesen nach ein Gefecht, merkte der Autor an und so wird die kleine Empore im Kloster Brunshausen an diesem Abend zur Kampfzone. Von wegen homestory über einen Serienstar. Es geht um alles oder nichts bei diesem Interview, wo mit allen Tricks und Täuschungsmanövern gearbeitet wird und hinter jedem Satz eine dieser bösen Fallen lauert, in die auch das Publikum in der Inszenierung von Achim Lenz ständig hinein gezogen wird. Wem soll es glauben, den Beschreibungen eines Journalisten, der die schrecklichen Kriegsbilder aus Bosnien erinnert und noch immer an den seelischen Wunden laboriert? Oder diesen spontanen Tränen der Anteilnahme einer Schauspielerin, die vor der Kamera auf Kommando so schön tragisch posieren kann? Was hat es auf sich mit den erotischen Spannungen, die sich in die Gesprächsatmosphäre einschleichen und was mit all den Verletzlichkeiten, die jetzt preisgegeben werden und natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Natürlich muss der Schein überzeugend trügen und das kann er nur weil hier zwei Schauspieler mit der Doppelbödigkeit ihrer Figuren so grandios jonglieren. Wenn sich Marco Luca Castelli als abgebrühter, zynischer Nachrichtenchronist jetzt offenbar doch ein bisschen erschüttert zeigt und wenn Felicitas Heyerick in all den selbstbewusst kämpferischen Reaktionen oft so berührbar wirkt, wie sie den Medienzirkus um ihre Figur ironisiert. Beide vermögen immer wieder glaubhaft zu machen, dass hier die Posen bröckeln und so etwas wie eine Annäherung stattfindet, selbst wenn auf jede zugewandte Bemerkung wieder eine Demütigung folgt und die Schutzmauern neu justiert werden müssen.

Vielleicht kommt es in diesem Interview ja doch zu ganz persönlich gemeinten Innensichten, wenn sich Katja zu ihren Tagebuchnotizen über eine Krebserkrankung bekennt und Pierre von den mörderischen Rachegelüsten an seiner Frau berichtet während die Kamera läuft. Aber zwischendurch fällt auch der Satz, dass jede Beziehung auf einem Missverständnis beruhe, als ob eben doch nicht alles so gemeint ist, wie es jetzt verstanden werden möchte.

Achim Lenz hat viele verräterische Indizien mit seiner Inszenierung verwebt und das auch so geschickt, dass sie leicht übersehen werden können. Dazu gehört nicht nur das doch sehr private Tagebuch, das offen herumliegt, so dass ein Nachrichtengeier wie zufällig blättern kann, weil zufällig gerade das Handy klingelt und seine Gesprächspartnerin ein bisschen small talk vorführt. Was dieses dramatische Gefecht, in dem es scheinbar auch um Wahrheiten, Offenheit und Vertrauen geht so spannend und gleichzeitig so beklemmend macht ist die Tatsache, dass die wenigen wahren Bekenntnisse der Beiden von ihnen überhört werden. Ab und an sagen sie ja doch die Wahrheit über sich und über ihre Strategie in einem Medienzirkus, der keine Schwächen duldet. Schon gar nicht das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung, das leider nur verletzlich macht. Wo es nur noch um Macht und Kontrolle geht, kommt jetzt auch der Rest von Empathie unter die Räder und dann schnappt die Falle endgültig zu. An diesem Theaterabend trügt der Schein nicht nur sehr überzeugend, sondern auch ziemlich gnadenlos bösartig und das geht wirklich unter die Haut.

Weitere Vorstellungen sind am 7. Juli, 12. Juli, 20. Juli und 23. Juli jeweils um 19 Uhr in der Klosterkirche Brunshausen (Bad Gandersheim)

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Jetzt schon Tickets sichern

Kulturticket

Gandersheimer Domfestspiele

Europäisches Filmfestival