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Samstag, 01 Juli 2017 14:02

Ein Mann, ein Wort – Eine Frau, drei Klaviere

geschrieben von
Jürgen Orelly und Ju-Hyeon Lee Jürgen Orelly und Ju-Hyeon Lee © Orelly

Clavier-Salon: Liederabend mit Ju-Hyeon Lee und Jürgen Orelly

Jürgen Orelly hat es an diesem Abend einfacher: Sein Instrument, die Bassstimme, ist nun einmal „fest installiert“. Ju-Hyeon Lee wechselt hingegen mit jedem der drei Komponisten (R. Schumann, O. Schoeck, C.M. v. Weber) zum zeitlich jeweils passenden Instrument. Regelmäßigen Besuchern des Clavier-Salons fällt dieser Luxus – Klaviere in ihrer Vielfalt zu erleben - vielleicht gar nicht mehr auf?

Klug disponiert haben die beiden Protagonisten zuallererst ihr Programm: Die hauptsächlich strophisch, nicht frei komponierten 9 Lieder Webers (entstanden zwischen 1809 und 1818, Texte verschiedener Dichter & Volksmund) bilden die zweite Hälfte. Ihr Tonfall ist grundsätzlich heiter. „Der kleine Fritz an seine jungen Freunde“, „Reigen“ und „Mein Schatzerl is hübsch“ sind gar komische Opern en miniature. Das „Schatzerl“ gibt sich als ‚Walzer featuring Hofbräuhaus’, und mit der nötigen Unernsthaftigkeit setzen die Beiden das Lied in Szene. Aufgedreht, ausgelassen, doch nie über jene Grenze, die es lächerlich machen würde. „Ich sah ein Röschen am Wege stehen“ sowie der Zugabe „Wunsch und Entsagung“ steigern die Ironie noch weiter - man kann dem Komponisten zur Textauswahl nur gratulieren. Die Klavierbegleitung – hier noch eher Begleitung der Singstimme als eigenständiger Partner – ist derart unaufdringlich gespielt, dass die wenigen eigenständigen Momente des Klavierparts umso eindrucksvoller wirken. „Wunsch und Entsagung“ könnte im übrigen Titelmusik sämtlicher Dating-/Kuppelshows werden.

Vom Schweizer Othmar Schoeck (1886-1957) stammt der Liederblock (9 Werke) unmittelbar vor der Pause. Der Flügel von 1898 trägt die zwischen 1905 und 1915 entstandene Musik in den sehr gut besuchten Clavier-Salon. Und was für wundervolle Lieder lassen sich hier finden! Beim ersten Hören sind „Frühlingsgrüße“ (Text: Uhland) sowie „Dämmerung senkt sich von oben“ (Goethe) der verheißungsvolle Einstieg. Ganz spätromantisch in Gestus und Harmonik, von unterirdisch brodelnder Sehnsucht erfüllt. Dass Schoeck u.a. kurz bei Max Reger lernte, lässt sich gleichwohl hier nur erahnen. „Ravenna“ (H. Hesse) schlägt unvermittelt völlig andere Töne an: Die Trostlosigkeit des Gedichts wird vom parlando der Stimme über leer sich drehender, bewusst altmodischer Musik kongenial überhöht. „Das Ziel“ (ebenfalls Hesse) nimmt deutlich Anleihe bei Schuberts „Leiermann“, doch ins Positive, Friedvolle gedreht. In den drei Liedern zuvor zeigt Schoeck sich moderner, radikaler. Das sperrige, farcehafte „Unmut“ sowie das verrätselte „Höre den Rat, den die Leier singt“ (beide nach Goethe) verdienen ein zweites und drittes Hören.

Abgedruckt sind die Liedtexte im kleinen Programmblatt nicht – es war auch nicht nötig. Jürgen Orelly Artikulation lässt an Deutlichkeit und Verständlichkeit nichts zu wünschen übrig. Ganz gegen das von-Logau-Wort vom Mittelweg gefällt sein mittleres Register mit Wärme und Kraft am besten. Der Registerwechsel nach oben gelingt nicht immer ohne Rauheit, doch stets trägt der äußerst lebendige, glühende Vortrag darüber hinweg. Ju-Hyeon Lee und er haben sich auf die akustischen Gegebenheiten im Salon ideal eingestellt. Schumanns „An meinem Herzen, meiner Brust“ sprengt mit seiner Lautstärke, mit der Intensität des Vortrags beinahe den Raum. Aber eben nur beinahe. Den Gegenpol, Zartheit bis ins Verlöschen, beherrschen sie gleichfalls. Besonders in den Nachspielen der Schumannlieder gelingt dies Frau Lee auf das Feinste. Überhaupt sollte es eine CD nur mit Schumannliedernachspielen geben... (Kein Affront gegen die Sänger).

Schumanns „Frauenliebe und –leben“ op.42 (1840) eröffnet den Abend. Adelbert von Chamissos Text schildert in neun Gedichten – das letzte wurde von Schumann nicht vertont – die Lebensstationen einer Frau; mit den üblichen Verdächtigen ‚erste Liebe bis zum Ehemanntod’. Allzu überzeugend ist die Textvorlage nicht gerade – aber bereits beim ersten Lied, Takt 4, zu „blind zu sein“, ist das vergessen. Der schmelzende Vorhalt dort ist derart betörend komponiert wie gesungen/gespielt(!), dass Textexegese drittrangig wird. Dankenswerterweise kommt die Stelle noch mehrmals vor. Im Klavierpart gefällt besonders jener, meist in Achteln gesetzte, Klangteppich, der traumhaft sicher die Singstimme stützt. Bei Weber noch als recht konventionelles Mittel eingesetzt, wird es hier zum innigen Kern der Musik. Das ist zudem wunderbar gespielt und wird durch den Érard-Flügel (1886) wundervoll unterstützt. „Der Ring an meinem Finger“ gewinnt durch das parallele Führen von rechter Klavierhand/Stimme einen eigenartigen Zauber. Den beiden gelingt es, trotz des nötigen Transponierens von mittlerer Frauenstimme auf Bass, diesen Zauber zu erhalten. „Helft mir, ihr Schwestern“ perlt im Klavier dermaßen quecksilbrig dahin, dass man für die eingeschobene Verzögerung bei „Wehmut“ dankbar ist. Es verginge sonst allzu rasch.
Zuletzt der drastische Einbruch beim abschließenden „ersten Schmerz“ – ein letzter, extremer Stimmungswechsel, welcher den beiden Interpreten ebenso wohl gelingt, wie die anderen davor und danach. Die Musik endet versöhnlicher als der Gedichtzyklus. Nicht nur lässt Schumann das letzte Lied unvertont – seine Noten kehren mit verlängertem Nachspiel zur Idylle des Anfangs zurück: Wiederholen, erweitern das Ende des allerersten Liedes zu innigem Schluss.

Reichhaltiger Applaus jetzt, vor der Pause und zum Konzertende. Leider gab es nur eine Zugabe.

Letzte Änderung am Samstag, 01 Juli 2017 14:05

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