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Sonntag, 14 Mai 2017 06:07

Mercutios Rache

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Romeo und Julia im Theater im OP Romeo und Julia im Theater im OP © Bild: Theater im OP

Premiere von „Romeo und Julia“ im Theater im OP

Benvolio steht im Nebel. Romeo kniet im Regen. Julia sitzt in der Sonne. In der aktuellen Produktion des Theaters im OP (Shakespeares Klassiker „Romeo und Julia“) erlebt der Zuschauer eine Inszenierung, die sich Zeit für Atmosphäre lässt – zum Glück ohne dabei langatmig zu werden. An die Übersetzung von Frank-Patrick Steckel traute sich diesmal ein dreiköpfiges Team von Regie-Debütanten – Dennis Klofta, Diana Tyebally und Xenia Jöst – die jegliche Bedenken von wegen vielen Köchen und ihrem Brei in den Wind schlugen. Mithilfe von Lichtwechseln, Nebelmaschine, einigen Musikstücken und tänzerischen Choreographien erzeugen sie neben dem klassischen Texttheater in vielen Szenen stimmungsvolle Bilder. Teilweise so atmosphärisch, dass ich mich frage, ob der ein oder andere der drei Regisseure nicht seine Berufung eher beim Film findet – so cineastisch sind einige Szenen gedacht. Leider bleibt auf der Bühne die Möglichkeit des Schnittes aus, mit deren Hilfe man im Kino die Perspektiven wechselt. Im Theater braucht es hingegen eine stetige körperliche Präsenz der Schauspieler, vor allem wenn sie wie in der aktuellen Inszenierung teilweise alleine und ohne Text auf einer vollkommen schmuck- und requisitenlosen Bühne agieren sollen. Da muss man seinen eigenen Ausdruck schon sehr gut beherrschen, um Wirkung zu erzielen. Diese Herausforderung meistern nicht alle, aber den beiden Hauptdarstellern (Steffen Hackbarth und Yasmin Thies) guckt man gerne dabei zu. Sehenswert ist auch Romeos Kiffkumpane Benvolio, der von Maike Holland-Letz charakterlich konsequent und gleichzeitig äußerst vielschichtig gespielt wird.

Neben dem ausdrucksstarken Pater Lorenz (Thimo Trommer) ist zudem die Rolle des Mercutio (Henriette Nickels) interessant zu beobachten. Das Regieteam hat dem Freund Romeos, der im Stück Opfer der Familienfehde wird, eine herausgehobene Stellung zugedacht: Nach seinem Tod durch Julias Vetter Tybalt, bleibt Mercutio als böser Geist präsent, der bis zum bitteren Ende die Geschicke der Lebenden beeinflusst. Insofern nur logisch, dass der nervige Monolog Mercutios über die „Frau Mab“, die den Verliebten das Hirn verquirlt, nicht heraus gekürzt, sondern ausgiebig zelebriert wurde – übrigens zehnmal spannender als in der letzten Produktion des DT. Meiner Meinung nach hat Shakespeare diesen langatmigen Monolog überhaupt nur geschrieben, weil er seinem Mercutiodarsteller von anno dazumal die Gelegenheit bieten wollte, solistisch mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten zu brillieren. Vielleicht hatte der sich auch über zu wenig Text beschwert? Trotzdem ist die Szene in dieser Inszenierung wie gesagt als sinnvoller Teil von Mercutios Charakterdarstellung eingebaut und lässt die Rolle der teilweise beängstigend psychopathisch grinsenden Nickels für die folgenden tragischen Ereignisse erahnen (so ist es Mercutio, der verhindert, dass Romeo die wichtige Nachricht über Julias nur vorgetäuschten Tod erreicht). Mit diesem Kunstgriff ließ sich praktischerweise auch der ausladende letzte Akt erfreulich kürzen – eine gute Idee, die auch Shakespeare schon hätte haben dürfen.

Was genau einem die Hervorhebung von Mercutios Rolle letztlich sagen soll, überlasse ich den denkfreudigeren Zuschauern. Fakt ist, dass diese einfallsreichen und teils erfrischend selbstironisch inszenierten zweieinhalb Stunden in keinem Fall langweilig sind. Das zeigte auch die Konzentration der rund 50 Zuschauer während der Vorstellung, sowie der begeisterte Applaus zum Schluss. Bei den Übergängen zwischen den Szenen jedoch hätte man etwas weniger schlampen dürfen – zu oft wird man hier durch zu lange Pausen aus der Illusion des Theaters zurück in die Wirklichkeit gerissen.

Misslungen fand ich einzig die Szene im Anschluss an Mercutios und Tybalts Tod: Anscheinend soll durch die zeitlupenartig verzerrte Verzweiflung der Darsteller, gepaart mit emotionaler Musik, eine pure, mitreißende Dramatik erzeugt werden – was allerdings durch Mercutios schauerlich schiefes Geigenspiel vereitelt wird. Aber vielleicht war das ja auch die späte Rache Mercutios am Publikum – einfach dafür, dass er jahrhundertelang zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.

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