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Sonntag, 06 November 2016 19:52

Musik in Kirchen - Kirchenmusik

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Die Stadtkantorei in der St. Johanniskirche Die Stadtkantorei in der St. Johanniskirche © Photo: Anton Säckl

Die Göttinger Stadtkantorei singt das Deutsche Requiem von Johannes Brahms

Es ist Hochsaison. Nicht für Touristen, sondern für Konzerte in Göttingen. Nicht nur zu Weihnachten und vor den Semesterferien im Sommer ballen sich die Aufführungen der Chöre und Ensembles, sondern auch am Ende des Kirchenjahres um den Ewigkeitssonntag. Bevor der Weihnachtstrubel anfängt, ist die Zeit für  die ernsteren Werke der Kirchenmusik, die sich mit der Vergänglichkeit und dem Tod beschäftigen.

Ein Hauptwerk dieses Repertoires ist zweifelsohne das Deutsche Requiem von Johannes Brahms. Doch gehört dieses Werk, in dem Brahms klug zusammengestellte Bibelzitate zu Sterben und ewigem Leben vertont, überhaupt zur Kirchenmusik? Schließlich fanden die Uraufführungen der ersten Sätze und des  Gesamtwerkes in großen Konzertsälen und nicht in Kirchen statt.

Mit dieser Frage im Hinterkopf nahm ich am Abend des 6. November 2016 in der voll besetzten Johanniskirche Platz. Das Göttinger Symphonie Orchester eröffnete den Abend unter der Leitung von Bernd Eberhardt mit der "Tragischen Ouverture" von Johannes Brahms, als "Warm up" für das Hauptwerk des Abends. Das Orchester schaffte es den akustisch nicht einfachen gotischen Kirchenraum mit einem transparenten und stets gut abgemischten Klang zu füllen.

Dann das Requiem. "Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Mit dieser Zusage aus der Bergpredigt beginnt ein Werk, das von Brahms nicht als Nachruf auf die Toten, sondern als Tröstung für die Hinterbliebenen gedacht ist. Der erste Satz, von der groß besetzten Stadtkantorei wunderbar  präzise und sauber vorgetragen, spricht die Menschen an, die unmittelbar um einen Menschen trauern. Intensiv und immer wieder berührend. Beeindruckend, wie ein bekannter Bibeltext durch Musik zu solch einer tröstenden Aussage kommen kann und wohl keinen Zuhörer unberührt lässt. Ist das nicht eine wichtige  Aufgabe der Kirchenmusik?

Der zweite Satz spricht jeden Menschen an und erinnert ihn an die Begrenztheit des eigenen Lebens. "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras". Beeindruckend, wie der Trauermarsch durch die Johanniskirche zieht und in mir als Hörer ein nachdenkliches Unwohlsein provoziert. Dazwischen der Aufruf aus dem Jakobusbrief  "So seid nun geduldig, lieben Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn." Doch das Unwohlsein bleibt, das von Bernd Eberhardt gewählte schnelle Tempo bringt einen Widerspruch zur Aussage, die durch die Wiederaufnahme des Anfangs bestätigt wird. Erst der Satz "Aber des Herren Wort bleibet in Ewigkeit" lässt in mir  wieder Hoffnung aufkeimen. Kirchenmusik, mahnend, nicht immer nur schön und eingängig!

Der dritte Satz nimmt meine Erkenntnis auf und formuliert sie als Gebet: "Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muss." Das gesungene Gespräch mit Gott erkennt die eigene Begrenztheit an, sieht den Tod jedoch nicht als Ende, sondern als Ziel. Gewohnt  beeindruckend und intensiv hier zum ersten mal der Bariton Andreas Scheibner "Ich hoffe auf dich." - Kirchenmusik als Gebet!

Der vierte Satz - Einfach schön. Kirchenmusik darf auch einfach mal gefallen.

Der fünfte Satz. Claudia Barainsky spricht noch einmal direkt Trost aus: "Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen" und "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet". So lebendig, wie sie ihre Passagen mit wunderbar leichter Stimme gestaltet, wird die Musik zum direkten Zuspruch, zur  persönlichen Therapie. Kirchenmusik kann auch Seelsorge sein!

Im sechsten Satz kommen wir zu dem, was für mich als protestantischen Gläubigen die Kernbotschaft des Deutschen Requiems ist: "Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir." Der Tod wird zur Erlösung, nicht zum Ende, der hoffnungsvolle Ausblick auf das Jüngste Gericht wird  ermöglicht durch die Osterbotschaft "Der Tod ist verschlungen in den Sieg." Auf diese Erkenntnis folgt unweigerlich das große Gotteslob: "Herr, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft". Eindrucksvoll auch hier die Beweglichkeit des Chores und der, bis auf den in hohen Lagen etwas dominanten Sopran,  ausgewogenen Klang von Sängern und Orchester. Vielleicht die ursprünglichste Aufgabe der Kirchenmusik: Das Lob Gottes.

Im siebten Satz die Rückkehr zum Trost des Anfangs: "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an." Mit diesem Text aus der Offenbarung schließt Brahms seine dramaturgisch sehr schlüssige Textzusammenstellung, auch musikalisch, als Rückblick auf den ersten Satz. Bernd Eberhardt wählte hier nicht  den besinnlichen, ruhigen Abschluss, sondern eher die sportliche Variante, wobei der Satz viel von seiner Wirkung einbüßte. Den Rest besorgten ein paar sehr begeisterte, aber wenig berührte Zuhörer, die die Nachwirkung dieses großen musikalischen Werks in einer wunderbaren Aufführung durch sofortiges Klatschen  zerstörten. So blieb der letzte Satz mehr Konzertstück als Kirchenmusik und für mich eher eine Zugabe zum vorhergegangenen Osterjubel und Gotteslob - wobei es für Trauernde kaum besseres gibt als die Freude über den Auferstandenen Christus und seinen Sieg über den Tod.

Ist Brahms' Requiem nun ein Werk der Kirchenmusik? Auch wenn der liturgische Kontext fehlt, so werden in den sieben Sätzen doch viele verschiedene Funktionen und Aufgaben von Kirchenmusik erfüllt, sodass jeder Zuhörer, egal in welcher Situation er sich befindet, angesprochen werden kann. Habe ich in der  Johanniskirche eine Kirchenmusik oder ein Konzert erlebt? Ich weiß es momentan nicht. Fragen Sie mich in ein paar Tagen noch einmal.

Letzte Änderung am Sonntag, 06 November 2016 23:51

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