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Donnerstag, 20 Oktober 2016 09:40

Ein dramatischer Konzertabend mit dem GSO und Kirill Gerstein

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Kirill Gerstein Kirill Gerstein © Photo: Marco Borggreve

Erstes Konzert im Philharmonischen Zyklus II

Mit seinem Gesang vermochte der antike Orpheus sogar die Götter zu erweichen. Auch wenn sein Versuch, die geliebte Eurydike aus dem Totenreich zu befreien, am Ende scheiterte, berührt seitdem die Idee von der berührenden Kraft der Musik, die auch Franz Liszt in seiner symphonischen Orpheus Dichtung anstrebte. Nach der Uraufführung 1854 in Weimar fand sein Plädoyer für eine „Erneuerung der Musik durch ihre innigere Verbindung mit der Dichtkunst“ nicht nur Beifall. Kritiker bemängelten die „tönend bewegte Form“. und sprachen dem Musiker sogar die Fähigkeit ab, große Kunstwerke zu schaffen.

Was von dieser störrischen Rezeption zu halten ist, demonstrierte das Göttinger Symphonie Orchester bei seinem ersten Konzert im Philharmonischen Zyklus II in der Göttinger Stadthalle. Wie zauberhaft Liszt hier den antiken Mythos in berührende Klangbilder verwandelte und mit den Solstimmen von Harfe und Geige das sehnsüchtige Flehen des Sängers in sanften und leidenschaftlichen Stimmen bestärkt. Die historischen Kommentare auf Schuberts Symphonie Nr. 3 in D-Dur strotzen auch nicht gerade vor Begeisterung über ein Jugendwerk, das bei allem Enthusiasmus doch sehr konventionell geraten sei. Ebenso wenig wie die auf Peter Tschaikowskys Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 G-Dur, das angeblich schwerfällig und farblos sei, nichts Außergewöhnliches biete und an ursprünglicher Kraft vermissen lasse.

Von wegen, befand Chefdirigent Christoph Mathias Mueller, der diese drei Kompositionen unter dem Motto „orphische Gesänge“ als musikalische Schätze betrachtet, die sich an den Konventionen ihrer Zeit verhakten und deshalb viel zu selten auf dem Konzertpodium strahlen dürfen. Wunderbare dramatische Effekte entdeckt er mit seinen Musikern in Schuberts symphonischer Emphase mit all den feinsinnigen Dialogen zwischen den Streichern mit der Soloflöte und den Holzbläsern. Ob und wie sehr sich Schubert dabei auch an seinem großen Vorbild Beethoven orientiert haben mag oder Haydns symphonischen Oeuvre konnte auch den Zuhörern egal sein. Erst recht beim stürmischen Finale des 4. Satzes Presto vivace, das in seiner Dynamik und Dramatik so ungeheuer bewegende Akzente setzte, dass man dabei vor lauter Staunen über dieses musikalische Feuerwerk fast das Atmen vergaß.

Was die Mäkler bei Tschaikowskys 2. Klavierkonzert wohl vermisst haben mochten bleibt ein Rätsel. Aber auch hier bleibt dem Publikum gelegentlich die Luft weg. Und das ist kein Wunder, wenn sich ein Klaviervirtuose wie Kirill Gerstein diesem musikalischen Abenteuer widmet. Was an Gerstein fasziniert, ist die Fähigkeit, all die effektvollen Passagen und die wuchtigen Akkorde wie pure Energie klingen zu lassen und in den lyrischen Momenten einen Ton bis in seine letzten Schwingungen verhauchen zu lassen. An diesem Abend ebenso sehr fasziniert der musikalische Dialog, auf den sich der Pianist und das Orchester ganz im Sinne Tschaikowskys verständigen. Dieser Dialog lebt von harmonischen Visionen und ihre Verwerfungen, die sich immer wieder antreiben, aufrühren und besänftigen, wenn das Orchester die chromtischen Spannungsverhältnisse einer Kadenz behutsam auffängt und das Klavier zu einer zarten melodischen Wendung verführt, in der sich bereits das nächste dramatische Motiv ankündigt. Tschaikowskys 2. Klavierkonzert lässt immer wieder an die Verse von Rainer Maria Rilke denken, „ Auf welches Lied sind wir gespannt“ auch wenn es in dem Fall nicht der Geiger in der Hand hat sondern ein großartiger Pianist und mit ihm das Göttinger Symphonie Orchester, diesen romanischen Liederrausch der Instrumente in ein leidenschaftlich berührendes Klangabenteuer zu verwandeln.

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