Punkte neu 30 transparentWillkommen im Kulturbüro Göttingen - Ihrem Veranstaltungsportal für Göttingen

Dienstag, 23 August 2016 08:55

Kompositionen mit unterschiedlichen Materialien

geschrieben von
Die Ausstellung in der Göttinger Torhaus-Galerie Die Ausstellung in der Göttinger Torhaus-Galerie © Photo: Tina Fibiger

Die Leichtigkeit des Seins - Zur Eröffnung der Ausstellung mit den Arbeiten von Christa Hartmann in der Torhaus Galerie sprach Tina Fibiger. Lesen Sie hier den Text ihrer Ansprache.

Herzlich willkommen zwischen Licht und Schatten, frechem Pink und sonnigem Gelb, schwarzen Flächen und lichten Regionen, Brüchen und Bruchstücken aus Metall, die mit den Arbeiten verwebt werden und auch ganz für sich sein können. Alles unter dem Aspekt, dass sie unsere Gedankenwelt beflügeln und wir uns auf die besondere Leichtigkeit des Seins einlassen, wie sie Christa Hartmann hier zum Ausdruck bringt.

Mit der Idee von Leichtigkeit verbindet sich ja immer etwas Beflügelndes. Aber leicht zu greifen oder gar zu haben ist sie keineswegs. Das Gefühl der Unbeschwertheit und womöglich auch des leichtsinnigen Seins bedeutet ja oft auch, sich auf etwas Abenteuerliches, schwer Berechenbares einzulassen: Mit dem berühmten Risiko, dass auf den Höhenflug der Absturz folgt und dann erst recht diese Erdenschwere, die sich wieder mehr an die Gesetze der Trägheit hält als an Träume und waghalsige Luftnummern.

Leichtigkeit meint allerdings auch, sich von unnötigem Ballast zu befreien, nicht an den Ereignissen zu kleben und sich mehr an bewegende und inspirierende Aussichten zu halten. So sehr sie mitunter irritieren und verunsichern, möchten sie gleichwohl umso mehr ermutigen.

Diesen ständigen Balanceakt spricht Christa Hartmann bereits in dem Titelmotiv zu dieser Ausstellung an. Die tänzerische Gestalt, deren Torso an ein kräftiges Pink gebunden ist, wird nicht so ohne weiteres abheben. Auch wenn die Farbe hier so wunderbar bewegend zu sprudeln scheint. Nicht so lange der Körper von einem Stock gestützt wird, der sich dazu noch verhakt hat und diesen Zustand der Bodenhaftung symbolisch festigt. Vis à Vis scheint das Gelb auf der schwarzen Körpersilhouette schon fast zu explodieren und auch seine Umgebung einzufärben. Da verlieren selbst die kantigen Flächen ihre Starre.
Man könnte sie wie steinerne Altlasten betrachten, die durch den leichtsinnigen gelben Farbrausch ihr Gewicht verlieren und vielleicht sogar ihre schwer wiegende Bedeutung.

Die Arbeit zwischen den Balanceakten von Leichtigkeit und Erdenschwere könnte ein ruhender Pol sein mit diesen stämmigen Formen, die an Hölzer erinnern. Wären da nicht die vielen Linien, die nach oben drängen und anders als Jahresringe keine verfestigten Zeitspuren markieren. „Zeitströmungen“, der Titel dieser Arbeit, signalisiert dann auch die bewegenden Kräfte, die Christa Hartmann dabei im Sinn hatte. Sie mögen wie hier auf der Leinwand hin und wieder ins Stocken geraten und dann auch nur zähflüssig voran treiben. Aber dazu hat die Künstlerin auch ein grünes Reservat geschaffen, das von den Zeitströmungen und ihren Beschwernissen entlastet: Einen Ort wo sich innehalten lässt und das auch der Aussicht dass , egal wie zählebig oder beschwerlich es anderswo weiter geht, irgendwann auch die Leichtigkeit wieder zur Stelle ist.

Christa Hartmann macht es uns allerdings nicht leicht mit diesem Sein im leichten Sinn, weil sie eben keine handlichen Motive komponiert, die sich unmittelbar in einem realistischen Bezugssystem verorten lassen sondern diese abstrakten Bilderzählungen mit ihren Unruherden, die nicht an vertrauten Formen und ihrer Bedeutung festhalten.

Schon im Prozess des Malens verfolgt sie ja nicht einfach eine Idee, die sie dann kontinuierlich oder stringent auf die Leinwand überträgt. Da mischen sich Zeitungsreste ein, einzelne Worte oder auch nur wenige Buchstaben. Da nehmen Farbspuren ihren eigenwilligen und überraschenden Verlauf, um von anderen überlagert zu werden. Manchmal geraten sie dann erst recht in das Blickfeld der Künstlerin, für die sich jetzt das Thema abzeichnet, dass sie unbedingt weiter verfolgen muss. Aber nicht mal das hält still, um jetzt eindeutig identifizierbar und für den Betrachter lesbar zu werden. Es bleibt weiterhin in Bewegung, pulsiert und kollidiert mit seiner Umgebung; einer Farbfläche, den Resten eines Körpers, einer geometrisch anmutenden Form, einem Geflecht von Linien oder einer dieser Markierungen, deren abgrenzende Funktion aufgebrochen wird.

Darin spiegelt sich Christa Hartmanns Fähigkeit, sich ganz auf den schöpferischen Prozess einzulassen und die Fantasie als treibende Kraft zu verstehen, die sich ohne ein vorgegebenes Ziel entfalten mag. Wie etwa in der Arbeit mit dem Titel „Schöpfung II“. Der Blick des Betrachters mag zunächst diese einem Kopf ähnliche Silhouette fokussieren und ihr Gegenüber mit all den Rissen und Verwerfungen. Aber für Christa Hartmann wurde es auf der Leinwand erst richtig spannend, als sich aus dem schwarzen Farbraum diese Rundbögen lösten. Wie die Reste eines dunklen Gewölbes oder einer Katakombe.

Man könnte jetzt wunderbar spekulieren über Schöpfungsprozesse, die sich in schwer zugänglichen Räumen entwickeln und eben nicht bei strahlendem Erkenntnislicht. Wie sich überhaupt bei vielen Arbeiten mit Blick auf die Titel ganz existenzielle Fragen andeuten.

In der abstrakten Bilderwelt von Christa Hartmann sind Titel wie „Bis ins Unendliche“, „Baum des Lebens“ oder „Was ihr wollt“ natürlich willkommene Anhaltspunkte. Aber Vorsicht. Sie bilden keinen stabilen Rahmen für die vielen assoziativen Kraftfelder und geben erstrecht keine Antwort, die wie eine Bildunterschrift funktioniert. „Lieben Leben Loslassen“ ist auch so ein zentrales Thema der Künstlerin, mit dem sie Kategorisierungen und eindeutigen Bedeutungszusammenhängen widerspricht. Es geht wie so oft, wie auf anderen künstlerischen Feldern auch; sei es in der Musik, im Theater oder in der Literatur, um das Loslassen von Vertrautem. Manchmal sogar um den Verzicht auf Übersetzungshilfen und noch mehr um den Mut, sich einfach mal den Moment des Irrlichterns zu gönnen und vielleicht dabei auf eine Erkenntnis zu treffen oder eine erst jetzt drängende Frage.

Aber es geht auch darum, sich immer wieder auch von den Zutaten einer Bilderzählung inspirieren zu lassen, wenn ein Gitternetz den Farbfluss bindet und wie ein Muster verwebt wird oder ein Stück Metall oder Holz seine Metamorphose als Wurzelwerk erfährt. Christa Hartmann komponiert schon immer gern mit unterschiedlichen Materialien. Es sind die haptischen Zutaten wie Papier, Pappe und Stoffpartikel, die sie mit Acrylfarben in Beziehung setzt. In den neueren Arbeiten sind es vor allem Metallreste, die nicht nur auf der Leinwand künstlerisch kreativ veredelt werden.

Wie sie sehen, hat sich die Künstlerin auf dem Schrottplatt quasi beflügeln lassen von all den funktionalen Formen, die dort rosten und verrotten. Von alten Kühlaggregaten, Rohren und Gestängen, die sich als wunderbar wandelbar erwiesen haben und in dieser Ausstellung ebenfalls auf ein unsicheres und gleichwohl verführerisches Terrain führen. Es mag ein bisschen absurd anmuten, eine ausgemusterte Schöpfkelle jetzt in dieser stolzen Haltung zu betrachten, wo die Silberbronze ihre Gebrauchsspuren aufs Schönste betont.

Vielleicht ist das ja eine Flosse, die sich um ihren Stil schlängelt und nicht nur der veredelte Rest einer Lamelle. In jedem Fall bieten die Objekte einen zauberhaften Anblick. So wie auch dieser massive Flügel an der Wand, dessen materielle Schwere sich hier einfach verflüchtigt hat. Und dann auch diese schwarzen Styroporköpfe, auf denen sich Drähte, Kabel und Metallbänder wie zu einer Lockenpracht türmen. Aus diesem herrlich bizarren Kopfputz scheint die Energie nur so zu sprudeln, wild und ungezwungen und gern auch verspielt.

Auch hier zeigt sich das befreiende Moment, das die Arbeiten von Christa Hartmann signalisieren, wenn sie den Schrottwert von Materialien ignoriert und stattdessen auf den Reiz einer Form vertraut und wie sie dann die Fantasie beflügelt ohne gleich an einer bedeutsamen Erklärung befestigt zu werden.
Da ist sie wieder, diese Leichtigkeit des Seins, die manchmal nur blitzartig anklingt und selbst für diese kurzen Momente oft hart erkämpft ist. Davon erzählen die Arbeiten von Christa Hartmann ebenfalls, von dieser lebenslangen Spurensuche durch unwegsames Gelände, die ihre assoziative Neugier umso mehr herausfordert. Herausgefordert ist natürlich immer auch der Betrachter. Wenn er jetzt zum Beispiel in dieser Serie mit den kraftvollen Gelbstimmungen und ihren Verwerfungen auf Unruheherde trifft und nach Motiven wie „Gleichmut“ oder „Standhaftigkeit“ forscht. Er muss sich seinen ganz persönlichen Imaginationsraum schaffen und fühlt sich dabei vielleicht von einem Moment der Leichtigkeit berührt.

Spannend ist auch die Suche in Christa Hartmanns metallener Symphonie, was hier aus der dunklen Fläche nach außen dringt an Stimmen und Stimmungen, und wie sich dabei harmonierende und dissonante Klangräume begegnen und verständigen. Die Kräfteverhältnisse bleiben auch hier widersprüchlich und vermögen so auch zu bewegen.

Lassen Sie sich von Christa Hartmanns Bilderzählungen und ihren Metallkreationen inspirieren. Irrlichtern sie ruhig ein bisschen zwischen all den Sinn- und Verständnisfragen, an denen die Künstlerin Sie Anteil nehmen lässt. Und genießen sie auch das Überraschungsmoment, wie leicht die Arbeiten mit Ihnen ins Gespräch kommen möchten, ohne dass dafür noch weitere Erklärungen notwendig sind.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Jetzt schon Tickets sichern

Kulturticket

Gandersheimer Domfestspiele

Figurentheatertage