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Montag, 30 Mai 2016 17:43

Ich dachte, diese Kunst wäre gestorben...

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Orgelkonzert mit Sietze de Vries (Groningen) in Hardegsen am 28. Mai 2016

Hamburg, Katharinenkirche, 1720:
"Der alte Organist an dieser Kirche, Johann Adam Reinken, der damals bey nahe hundert Jahre alt war, hörete ihm mit besondern Vergnügen zu, und machte ihm absonderlich über den Choral: An Wasserflüssen Babylon, welchem unser Bach, auf Verlangen der Anwesenden, aus dem Stegreife, sehr weitläuftig, fast  eine halbe Stunde lang, auf verschiedene Art, so wie es ehedem die braven unter den Hamburgischen Organisten in den Sonnabends Vespern gewohnt gewesen waren, ausführete, folgendes Compliment: Ich dachte, diese Kunst wäre gestorben, ich sehe aber, daß sie in Ihnen noch lebet."

Der 1750 von Carl Philipp Emanuel Bach verfasste Nekrolog auf seinen Vater Johann Sebastian macht neugierig: Wir alle kennen Bachs Orgelkompositionen, die höchst kunstvoll musikalische Themen und Choräle verarbeiten und dabei immer beseelte Musik bleiben. Wie mag es wohl geklungen haben, wenn Bach  improvisierte, also ohne Noten aus dem Stehgreif aus einem Kirchenlied eine halbe Stunde lang kunstvolle Musik entwickelt?

Hardegsen, Kirche St. Mauritius, 2016:
Nach einer eindrucksvollen Orgelführung des Erbauers des Hardegser Instruments, Bernhardt Edskes, in der wir viel über alte Bautechniken und -prinzipien gelernt haben, steht nun um 17 Uhr das Orgelkonzert mit Sietze de Vries aus Groningen bevor. "Die Kombination von Werken der Literatur und Improvisation,  immer an das zu spielende Instrument angepasst, ist das Markenzeichen von Sietze de Vries", lese ich auf dem Programmzettel. Zugegeben, ich kannte schon lange zahlreiche Aufnahmen von de Vries auf Youtube, wusste also, auf was ich mich einlasse und wurde, soviel sei vorweg genommen, nicht enttäuscht.

Am Anfang des erfreulicherweise auf die aktuelle Phase des evangelischen Kirchenjahres abgestimmten Programms die Improvisation über "Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist". Es wird ein festliches Präludium mit Fuge im spätbarocken Stil, abgestimmt auf den strahlenden Klang der im norddeutsch-barocken Stil erbauten Hardegser Edskes-Orgel. Fasziniert verfolge ich die Choralmelodie, die in Abschnitte unterteilt mal offensiv dominierend, mal leise versteckt verarbeitet wird. Was für ein Auftakt!

Es folgt Musik vom Hamburger Organisten Matthias Weckmann (1616-1674). Hier zeigte de Vries, dass seine Stärken nicht nur in der Improvisation,  sondern gleichermaßen im Literaturspiel liegen. Die Musik war nie "abgespielt", sondern in gleicher weise beseelt, wie die, die vorher aus dem Stehgreif entstanden  war. Auch bei diesem Werk war das mir bislang unbekannte Hardegser Orgeljuwel voll in seinem Element.

Dann wieder eine Improvisation: "Schmückt das Fest mit Maien". Hier zeigten Organist und Orgel gemeinsam ihre Vielfältigkeit. Was wie Schumann begann, endete mit Reminiszenzen an Franz Liszt. Die wunderbaren Flöten- und Streicherregister der Orgel ließen die Improvisation zu einem wahrlich "begeisterten" musikalischen Ereignis werden.

Auch Toccata, Adagio und Fuge von J.S. Bach (BWV 564) habe ich selten so inspiriert gespielt gehört. Sietze de Vries bringt jedes Musikstück dazu, dem Hörer etwas mitzuteilen, er verleiht ihm über die hervorragende technische Ausführung hinaus eine persönliche Aussage.

Selten ist eine exzellente Wiedergabe eines Bachschen Orgelwerks nicht der Höhepunkt eines Orgelkonzerts, am Samstag setzte ihn de Vries mit einer ca. halbstündigen Improvisation über "Nun bitten wir den Heiligen Geist". In vielen verschiedenen Variationen zeigte er nicht nur seinen eigenen Ideenreichtum, was den Umgang mit einem gegebenen  musikalischen Material angeht, sondern auch die Vielfältigkeit der Hardegser Orgel. Ja, ich glaube so könnte es geklungen haben, wenn Bach an der Orgel improvisierte. Herr de Vries: ich dachte, diese Kunst wäre gestorben, ich sehe aber, daß sie in Ihnen noch lebet!

Drei Tipps vom Rezensenten:
1. Gehen Sie in das nächste Orgelkonzert oder einen Gottesdienst in Hardegsen und hören sie sich eine der beeinrduckendsten Orgeln in Südniedersachsen an.
2. Hören Sie sich Aufnahmen von Improvisationen von Sietze de Vries auf Youtube an.
3. Gehen Sie in jedem Fall in das nächste Orgelkonzert von Sietze de Vries in Hardegsen - das hoffentlich nicht zu lange auf sich waren lässt.

Letzte Änderung am Montag, 30 Mai 2016 17:54

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