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Montag, 09 Mai 2016 10:06

Händel als Meister der Überraschungen

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Kerzenleuchter illuminieren den Bühnenraum mit idyllisch anmutender Kulisse Kerzenleuchter illuminieren den Bühnenraum mit idyllisch anmutender Kulisse © Alciro Theodoro da Silva

Die Oper "Imeneo" hatte im Deutschen Theater Premiere bei den Händel-Festspielen

Was wäre eine Händeloper ohne all das Seufzen und Sehnen. Dabei muss meistens noch eine eifersüchtige Konkurrenz entlarvt werden. Auch politische Intrigen und hinterlistige Manöver gilt es abzuwehren, bevor die Liebespaare zu einem glücklichen Finale finden. Darin war Händel ein Meister seines Faches, emotionale Beschwernisse in dramatische und leidenschaftlich bewegende Musik zu verwandeln und mit dem Libretto zugleich noch ein bisschen Verwirrung zu stiften. Schon die Inhaltsangaben lesen sich wie ein who is who Rätselwerk. Mit seiner Oper „Imeneo“ macht er es auch dem Göttinger Publikum leicht. Natürlich geht es in dem musikalischen Drama um die schöne Rosmene und ihre beiden Bewerber um Liebensverhältnisse mit Komplikationen. Aber es gibt keine getarnten Nebenbuhler, keine Nebenhandlungen und keine Figuren, die zusätzlich Verwirrung stiften. Rosmene liebt Tirinto. Aber es ist nun mal Imeneo, der hat sie nach einem Piratenüberfall gerettet hat und jetzt Ansprüche auf sie erhebt. Und so zweifelt und zaudert die Schöne, wenn sich nun Gefühl und Verstand ins Gehege kommen, weil Dankbarkeit allein auch nicht unbedingt glücklich macht.

Wunderschöne Musik hat Händel für dieses Ringen um Wünsche und Pflichten komponiert und dabei offensichtlich auch ein leichtes Augenzwinkern im Sinn gehabt. Schließlich wurden Ehen nicht nur in adeligen Kreisen auch aus pragmatischen Gründen arrangiert, in denen der Überschwang großer Gefühle als willkommenes Beiwerk galt. Und so entwickelt sich diese „Operetta“ mit dem Festspiel Orchester unter der Leitung von Laurence Cummings wie ein charmanter Bilderreigen der Klangfarben und der malerischen Verzierungen. Sie lassen ahnen, dass hier keine Welt bewegenden Leidenschaften verhandelt werden, sondern Momente von störrischem Herzschmerz, die unter den Beteiligten viel Verwirrung stiften.

Wird es eine schöne Aufführung oder modern? Diese Frage macht in jedem Jahr unter den Festspielbesuchern die Runde. In der Inszenierung von Sigrid T‘Hooft wurde „Imeneo“ zu einem Fest für die Liebhaber barocker Gestik, in der die Bühnenfiguren einer facettenreichen Choreographie unterliegen, die all ihre inneren Bewegtheiten ummantelt und die Nähe zu den musikalischen Seelenlandschaften sucht. Sie ließen sich berühren von der barocken Zeichensprache und den schönen Tableaus, die hier die musikalischen Sujets rahmen und grundieren. Ebenso wie von den Tänzen des „Corpo Barocco“, die
die Bilderwelt der Emotionen szenisch und gestisch illustrieren und kommentieren. Allerdings wird das Musiktheater damit auch zur Zeitfalle. In dem Libretto lauert nun mal das Thema Zwangsehe. Dass die hier typisierte und formatierte Geschlechterrollen einen Zustand konservieren und kein bisschen in Frage stellen, ist mit einer historisch stilisierenden Adaption des Stoffes auch nicht so ohne weiteres zu vermitteln. Dann geht es auch nicht mehr um die Alternative zwischen einer schönen Aufführung oder einer vielleicht weniger schönen zeitgenössischen Lesart sondern dass sie auch mit den Zuschauern ins Gespräch kommt, die in den barocken Tableaus nach Diskussionsstoff forschen, der sie nicht nur musikalisch oder musikhistorisch bewegt.

Hier zumindest zeigt sich Händel als Meister der Überraschungen, der sich keineswegs auf die Seite des Titelhelden begibt. William Berger lässt seinen „Imeneo“ mit einem wunderbar klangvollen Bariton auftrumpfen. Doch seinem Konkurrenten „Tirinto“ widmete Händel eine Fülle berührend schöner Arien, in denen Countertenor James Laing für das Drama des verunsichert zweifelnden Liebhabers zum Klangpoeten wird. In all dem Zaudern, Schmachten und Verzagen strahlt der Sopran von Anna Dennis, ihr zur Seite Sopranistin Stefanie True als Rosmenes Gefährtin „Clomiri“ und Bass-Bariton Matthew Brook als väterlicher Patriarch „Argenio“.

Kerzenleuchter illuminieren den Bühnenraum mit dieser idyllisch anmutenden Kulisse und der Aussicht auf eine Seelandschaft mit wolkenreichem Himmel. Auch am Bühnenrand flackern Kerzen wie zu Händels Zeiten, während die Figuren erneut ihre Optionen und Befindlichkeiten austarieren und dabei auch komische Seiten offenbaren. Raum für Parodie lässt der barocke Gestus allemal für einen Imeneo, der sich schwer mit Stolz und Eitelkeit bewaffnet. Ebenso für einen Tirinto, der fortwährend nach Jammertälern Ausschau hält. Wo die Bewerber drängeln, klagen oder Frust schieben, müssen sie auch mal drastisch ruhig gestellt werden. Mit den schön schaurigen Gesten einer scheinbar verrückt gewordenen Rosmene, die dann doch unvermittelt mit ihrem Retter vorliebnimmt. Doch erst nachdem Händel sie mit ihrem traurigen Ex-Gefährten nochmal im schönsten musikalischen Herz-Schmerz vereint und sich dann auf das vernünftige Finale seinen Reim in Moll macht.

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