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Samstag, 13 Februar 2016 05:35

Bilder und Skulpturen beflügeln einander vieldeutig und vielschichtig

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Rede zur Eröffnung der Ausstellung in der Torhaus-Galerie

Zwei Künstlerinnen präsentieren in der Torhaus-Galerie am alten Stadtfriedhof seit Freitag, 12. Februar, ihre Arbeiten. "Übertrag" heißt die Ausstellung mit Arbeiten von Hiltrud Esther Menz und Hella Meyer-Alber. Bei der Eröffnung der Ausstellung sprach Tina Fibiger die Einführung. Diesen Text können Sie hier im Wortlaut lesen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. März, die Öffnungszeiten sind Freitags bis Sonntags von 15 bis 17 Uhr.

Hier nun der Text von Tina Fibiger:

„Übertrag“ von Hiltrud Esther Menz und Hella Meyer-Alber

Zur Eröffnung der Ausstellung in der Torhaus-Galerie

Es ist mir eine ganz besondere Freude, heute über die Arbeiten von Hiltrud Esther Menz und Hella Meyer-Alber zu sprechen, weil sich in ihnen etwas ganz essenzielles mitteilt über das Wesen der Kunst und warum sie uns und unser Zusammenleben ideell zu bereichern vermag. Sie sind dialogisch. Sie verstecken sich nicht hinter Formsprachen und konzeptionellen Attitüden sondern sind Ausdruck von etwas, dass die Künstlerinnen bewegt haben, um nun auch uns zu bewegen.

Das heißt, ihre Arbeiten sind offen und gesprächsbereit und sie vermögen dabei nicht nur, sich mit uns und unserer Gedanken- und Ideenwelt zu verständigen sondern auch untereinander. So etwas geschieht äußerst selten: Dass Bilder und Skulpturen einander so vieldeutig und vielschichtig beflügeln und dass sie sich nicht nur in ihrer Wirkung noch bestärken sondern  auch in ihren Bedeutung mit den möglichen verborgenen Lesarten.

Schon mit dem Ausstellungstitel „ Übertrag“ hat es seine besondere Bewandtnis. Man stellt eine Rechnung auf und notiert die Summe für alle weiteren Rechnungen, die sich daran anschließen. Im übertragenen Sinne muss man hier von den Lebenserfahrungen der Künstlerinnen sprechen, die sich in Holz und Stein, Tusche und Kreide oder auch  ganz schlicht mit einem Stift materialisieren. Die künstlerische Momentaufnahme hat ja immer eine Vergangenheit oder Vorgeschichte, die sich in Ausschnitten in die Gegenwart einmischt.

Auch daraus schöpfen die Künstlerinnen, wenn sie uns Anregungen geben Und sei es die Vorliebe für bestimmte Formen, an die Hella Meyer-Alber zum Beispiel in ihren Arbeiten mit Thyster Kalkstein immer wieder gerät. Diese fließenden Bewegungen und eine Energie die sie mit dem Stein freisetzt, so dass er Flügel zu bekommen scheint, wie in dieser Skulptur mit dem Titel „Drehung“, die Ihnen hier im Eingangsbereich begegnet. Eine fast schon tänzerische Geste, in der das massive Material eine wunderbare Leichtigkeit bekommt - eine  steinerne Choreografie, die hier aus einer Fülle von Bewegungen geformt und verdichtet wurde.

Und wenn sie jetzt die Motive von Hiltrud Esther Menz mit in den Blick nehmen, dann hat es den Anschein, als ob sich dieser tänzerische Gestus in den Zeichnungen fortsetzt. Auch diese Fundstücke, die aus den Skizzenbüchern der Künstlerin stammen, lassen sich wie Bewegungsstudien lesen.

Entstanden sind sie aus Gedankensplittern; oft ganz spontan, aus einer inneren Bewegung heraus, die der Anblick von etwas ausgelöst hat und der nun Gestalt annimmt. Sei es in Form von Gesichtszügen, Körperspannungen, wie sie Muskeln und Sehnen hervorrufen oder  auch als pflanzliches Gebilde. „Unverborgen“ hat Hiltrud Esther Menz diese Serie genannt, nun wo die gezeichneten Notizen endlich nicht  mehr zwischen den Deckeln  ihrer Skizzenbücher verborgen lagern.

Man könnte auch von Bergungsarbeit sprechen, die mit jedem kreativen Prozess einhergeht. Es geht dabei ja immer um das Freisetzen von etwas, das sich auf Papier und Leinwand sichtbar materialisieren möchte, zum Nachempfinden und zum Reflektieren. So wie die Serie von Gesichtern und Gesichtszügen, die hier von der Decke schwingen und auf ihre Weise bewegen.

„Umzeichnung“ hat Hiltrud Esther Menz diese Serie genannt, weil es eben keine abgeschlossenen Portraitstudien sind sondern Gesichtslandschaften, die sich aneinander reiben, sich dabei ständig verändern und nie eine eindeutige Fassung wahren. Vor den Augen des Betrachters wollen sie sich immer wieder überlagern und dann ein ganz neues Gesichtspanorama bilden.

Ich sprach vorhin bereits über den besonderen künstlerischen Dialog, der in dieser Ausstellung wahrnehmbar wird. Wie Bildmotive und Skulpturen hier auf eine vertiefende Weise miteinander korrespondieren. Hiltrud Esther Menz und  Hella Meyer-Alber haben sich für diese Ausstellung ja quasi erst kennengelernt. Aber wie sich die beiden in ihren Arbeiten so unmittelbar zu verständigen scheinen, im malerischen und im gestalterischen Gestus, das hat mich immer wieder aufs Neue erstaunt.

Hinter mir sehen sie diese großformatigen Arbeiten, die von großer Erschöpfung und Leere erzählen, von dem Bedürfnis, sich einem Alltag der permanenten Anspannung und der Überforderung zu entziehen, auch von der demonstrativen Verweigerung des nicht mehr Zumutbaren. Und dann mittendrin dieses Gesicht mit dem inwendigen Blick, der die Weite aufsucht  und die Gedanken, die längt anderswo zu verweilen scheinen, ohne diese Beklemmungen und diesen Ballast.

Auch mit diesen Bildmotiven ist die Skulptur von Hella Meyer-Alber in ein Gespräch verwickelt. Machen sie die Probe aufs Exempel, wenn sie sich über den Titel „Fahnen“ wundern oder dass die Künstlerin hier Segel imaginiert, durch die der Wind gleitet.
Umrunden sie diesen Stein um dann vielleicht auch mit Erstaunen festzustellen, dass die Elemente auch eine Abwehrhaltung einnehmen können, wie  ein Reflex auf diese abwehrenden Hände in der Bilderzählung „ich nich jetzt“ Hüllen, Höhlungen und deren Verletzlichkeit sind ebenfalls ein Thema, das die beiden Künstlerinnen in ihren Arbeiten mit sehr berührenden Befunden verfolgen. Hella Meyer-Albers Marmor Skulptur hat  den Titel „Welle“ bekommen. Bewegende Signale rumoren in diesem steinernen Körper, der wie ein massiver Echoraum anmutet. Man möchte in ihn hineinlauschen wie in eine Muschel, ob da nicht noch etwas von einer stürmischen Brandung nachhallt.

Diesem Hineinlauschen scheint sich das schwarze Blatt aus Fichtenholz zu versagen, wären da nicht die Spuren von Rissen, die auch die schwarze Beize an ihrer Buchenholz Skulptur nicht verbirgt. Der Titel „Kern“ mag irritieren, wenn das Holz hier die gestalt einer Umarmung für einen leeren Raum annimmt. Und so könnte man jetzt über  den Vorgang des Entkernens spekulieren und was er dabei auch freisetzt oder befreit. Ob hier nicht auch substanzielle Kräfte in einer Ummantelung  geborgen sind, die zugleich schützt und tarnt.

Sie signalisiert ja  immer Beides, wenn sie Einblicke und Eingriffe in ein nicht sichtbares Innenleben verwehrt und die Spuren davon in Kratern und Wölbungen sichtbar werden. Zugleich ist sie eben  auch angreifbar und so verletzlich, wie das  Hella-Meyer Albers in ihrer Skulptur „Hülle“ spürbar werden lässt. Ein Walnusskörper mit der Anmutung von extremer Dünnhäutigkeit und all den Zeichnen der Verwundbarkeit und letztlich auch der Vergänglichkeit. Eine Hülle von etwas, dessen Substanz sich bereits verflüchtigt hat.
Auch hier stiftet Hiltrud Esther Menz weitere Einsichten mit diesen dünnhäutigen Körpersilhouetten und wie sie von ihrer Umgebung bedrängt werden während in der Arbeit auf der gegenüberliegenden  Seite die Energien in sinnlichen Rottönen austreiben, gleich einer Pflanze, die es aus der Bedrängnis ihrer Hülle hinausdrängt in eine beflügelnde Form. Die muss dann wie auch in vielen anderen Arbeiten von Hiltrud Esther Menz kein gegenständliches Pendant haben. Man mag als Betrachter einen Schnabel identifizieren oder auch fleischliches Gewebe, durchsetzt von Muskeln und Sehnen. Aber die malerische Sprache der Künstlerin hält sich eben nicht an eindeutige Zuschreibungen. 

So wenig wie Stimmungen, Beobachtungen und Erfahrungen an nur eine Bedeutung gebunden sind, sind es ihre Bildkompositionen.  Man kann sich auch leicht täuschen lassen, wie etwa bei dieser Arbeit im hinteren Raum, die an ein Tempelgebäude erinnert, das sich aus einer Wüstenlandschaft erhebt. Aber im Grunde muss man ja auch nicht wissen, dass die Künstlerin dabei die Skizze eines Rokokogartens im Sinn hatte, dessen manierliche Präzision sie einfach malerisch verfremdete,  so dass er nun wie ein stolzer skulpturaler Koloss mit himmlischen Lichtreflexen anmutet.

Und wieder kommt es zu einer dieser schöpferischen Koinzidenten, besonders mit Blick auf die beiden Alabaster Skulpturen und ihre architektonische Grazie in den wechselnden Lichtreflexen, wo der Stein mit seinem bewegenden Innenleben eine faszinierende Transparenz entwickelt. Dann gesellt sich in diesen Dialog um das  Licht und die bewegende Form wieder die Farbsprache hinzu mit  diesem Bildkosmos in Blaustimmungen…wie sie  sich umtriebig verzweigen und ihre Leuchtkraft auch die Alabasterfärbungen  anstrahlt.

Es mag weit hergeholt klingen, jetzt diesen ausgehöhlten Birkenstamm in Beziehung zu diesem „Fluchtpunkt“  zu setzen und zu dieser andauernden Odyssee von Menschen aus den globalen Kriegs- und Krisenregionen denen ein sicherer Ort verweigert wird. Auf der Leinwand werden ihre Hoffnungen von Wassermassen geflutet oder sie ersticken im Gedränge der Körper, die hier einen reißenden Strom bilden. Doch vielleicht befindet sich auf der Stele davor ja genau dieser Sehnsuchtsort zum Innehalten und verweilen… in diesem ausgehöhlten Birkenstamm mit dem Titel „Behausung“ in dem Einsichten und Aussichten einen gemeinsamen Raum bilden. Wehrhaft und angreifbar , aber auch durchlässig genug, um sich gegen wetterwendische Zumutungen zu behaupten.

Kunst ist, geschrieben, gemalt gesprochen oder geformt, in Tönen, Worten oder lautlosen Gesten immer ein Ausdruck von Welterfahrung, die im künstlerischen Prozess mitteilbar gemacht wird. Ein Mosaik aus Wahrnehmungserfahrungen, die in ihrer schöpferischen Verdichtung auch immer einen Gegenüber meinen. Wie sonst sollte uns eine Melodie innerlich berühren oder eine Farbbewegung, etwas tief Verborgenes bislang Unaussprechliches in uns ansprechen. 

Dieser Dialog zwischen dem Kunstwerk und dem Betrachter geht weit über das klassische Gespräch oder das was wir Verständigung nennen hinaus. Gerade in diesen Tagen der Unruheherde und der wütenden Parteilichkeiten, wo unsere Verständigungsbereitschaft so nachdrücklich gefordert ist, kommt der Dialogbereitschaft eine entscheidende Bedeutung zu. Sie bedarf der Empathie und damit auch der Fähigkeit, sich für das Fremde, Andere und Widersprüchliche zu öffnen, sich daran ebenfalls zu orientieren, um sich schließlich ein möglichst vielschichtiges und vielstimmiges Bilds zu machen. Das bedeutet manchmal einfach nur zuhören und dann in sich hineinhorchen, wo Ansichten und Einsichten in Bewegung geraten.
Auch das bekunden diese beiden Künstlerinnen, die uns in ihren Arbeiten in einer selbstbestimmte Sprache begegnen, die sich kritischen Einwänden oder anderen An- und Einsichten, jederzeit offen und vor allem aufrichtig zu stellen vermag. All das zirkuliert ja weiter in den Bildmotiven und den Skulpturen, die dann einfach auf eine andere Weise und noch vielstimmiger bewegen.

Was Kunst vermag, und was sich in dieser Ausstellung so eindrücklich und faszinierend mitteilt, hat Peter Härtling in seiner Erzählung „Der Wanderer“ beschrieben. „Wenn wir meinen, wir tauschen uns aus“, lautet sein Befund, „treiben wir wie Inseln nebeneinander oder auseinander. Dieser den Austausch von Erfahrungen und Empfindungen aufs mechanistische herabmildernde Ausdruck offenbart unsere Hilflosigkeit vor der Fremde des anderen. Wir kommunizieren. Allein die Kunst durchbricht in Augenblicken, in denen wir unsere Wachsamkeit aufgeben und uns sehend, lauschend, lesend ergeben, die Monadenwand.“

Hören Sie in die Arbeiten der beiden Künstlerinnen rein und dann auch, wie sie sich untereinander immer wieder etwas zuzuflüstern scheinen, sich in ihren Lesarten befragen und bestärken und noch  tiefer ins Erzählen kommen über das was sie bewegen möchten. Viel Freude bei diesem inspirierenden Dialog.

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