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Montag, 19 Oktober 2015 09:25

Funktionskleidung ist ein unmissverständliches Zeichen des herannahenden Todes

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Wiglaf Droste im Alten Rathaus Wiglaf Droste im Alten Rathaus © Photo: Dennis M. Dellschow

Wiglaf Drostes Lesung: „Wasabi dir nur getan?“ im Alten Rathaus

„Der Herr von der Presse ist zu groß“, werde ich noch vor Beginn der Veranstaltung von einer leicht angeheiterten Dame mittleren Alters angefrotzelt, als ich mich um kurz vor neun auf den letzten freien Presseplatz im überfüllten alten Rathaus niederlasse. Selbst die Drohung, diese niederträchtige Diskriminierung für meine Rezension zu missbrauchen, schreckt sie nicht davon ab, weitere schändliche Witze über meine deutlich sichtbare Körperfülle zu machen. Sei's drum: Ich befinde mich schließlich (ein Bier in der Linken, den vielleicht etwas zu großen Schreibblock in der Rechten) auf einer Lesung Wiglaf Drostes. Droste, ein bitter-zynischer Menschenfreund und Verbalostwestfale, ist bekannt für feinste Sprachspiele und schonungslose Bloßstellungen aller Schön- und Hässlichkeiten des Trivialen in Alltags- und Hochkultur. Später wird er seine Einschätzung zum Ort der Lesung wie folgt beschreiben:

„Zwei Worte, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen: Danke, Göttingen!“

Droste ist, entgegen der Ankündigung, nicht allein erschienen. Begleitet wird er von Ralph Schüller, einem Chansonier, der neben eigenen Werken (Schönstes Zitat:„Riecht es nach Essen oder Formaldehyd? Hast du dir die zarten Hände verbrüht?“) auch einige der zahlreichen Gesangseinlagen Drostes auf der Gitarre begleitet. Von der Liebe der Deutschen zur Autobahnraststätte, über seine persönliche Liebe zum Präteritum (und den damit verbundenen Hass auf das Plusquamperfekt-verseuchte Berlin), spannt Droste den Bogen seiner Lesung.

Im Gedächtnis bleiben insbesondere sein Vergleich des Jürgen Marcus Gassenhauers „Ein Festival der Liebe“ mit bayerischer Willkommenskultur: („Wir grüßen die Menschen und sie winken zurück.“), sowie sein Plädoyer für einen aufgeklärten Atheismus. Droste: „Religiöse Gefühle sind Phantomgefühle – so wie Nationalismus. Etwas, das gar nicht wirklich da ist. Man hätte beim Leipziger Kirchentag gern den Schlüssel zum Klostergarten. Das ist dann als wäre man im Leipziger Zoo und würde den Tieren zuschauen; alle mit Joghurt gefüttert.“ Noch deutlicher ist Droste, wenn er wundersame Sätze fallen lässt, wie: „In Ministrantenkreisen ist Kirche von hinten ein stehender Begriff.“

Ralph Schüllers Texte hingegen sind weniger bissig. Melancholisch, oft herb im Abgang, bieten sie einen bedächtigen Kontrast zu Drostes messerscharfer Satire. Schwelgend lauscht die versammelte Göttinger Festgesellschaft schließlich Schüllers verträumter Ode: „So ein Sommer“, in der „Ein Glas für dich und für mich und vom Sonnenschein; zwei Liter Liebe, nur vom besten Wein [...]“ besungen werden.

Zur Pause heißen Droste zufolge alle Raucher Wolfgang Borchert, denn sie stehen draußen vor der Tür. Ich bin erstaunt: Bereits beinahe eineinhalb Stunden Programm und erst Halbzeit? Ein oder zwei Bergbräu (Altstadt und Pils) und klirrend eingeschenkter weißer Wein aus großen Drehverschlussflaschen versüßen mir die Zeit.

Nach obligatorischer Verlesung der Fußballergebnisse dürfen stark emotionale Texte über Drostes Heimat Ostwestfalen nicht fehlen. Von den Schönheiten der Mundart („wo wechkommen“, „Tünseligkeit“, „Wullaken“ etc.) kann niemand schöner schwärmen als er. Wir erleben sogar die Weltpremiere seiner nach jahrelanger Arbeit endlich fertiggestellten deutschen Version von “Southern Accents“ (Orig. Tom Petty, dt: „Ostwestfalen“). Und als Droste schließlich anhebt, er sei ja in Herford geboren, prustet es aus der angeheiterten Dame hinter mir versöhnlich heraus: „Dass doch nix Schlimmes“.
Droste berichtet als dann von seinen schrecklich anmutenden Erfahrungen mit Seele und Dialekt der Berliner, dem Drang der Schalker nach Methadon, seiner Düsseldorfer Höllenzeit (10 Wochen geschafft) und schließlich: den Qualen des Frankfurter Gebabbels. Dieser Exkurs bringt ihm seinen größten Lacher beim vorwiegend grau-melierten Teil des Publikums: „In Frankfurt spült der Bahnhofsstricher nach dem Blowjob stets mit Licher“.

Immer wieder sind es Ralph Schüllers nachdenkliche Balladen, die Drostes scharfsinnige, pointierte Sprachspiele erden. Als zum Abschied: „Hier endet die Straßenbahn, doch ich kann nicht heim“ erklingt, erstarrt der Saal in Wehmut. Fast drei Stunden unterhält das Duo seine Zuhörer und Droste verbleibt mit einem ihm besonders wichtigen Appell: „Wir sind alle Flüchtlinge. Ohne die Flucht meiner Mutter hätten Sie mich heute nicht ertragen müssen." Wir haben ihn gut ertragen.

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