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Freitag, 11 September 2015 08:54

Kein Wort zu viel

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Ralf Rothmann im Literarischen Zentrum Ralf Rothmann im Literarischen Zentrum © Photo: Wortmann

Ralf Rothmann zu Gast im Literarischen Zentrum mit dem Buch "Im Frühling sterben"

Was für eine grauenhafte Geschichte: zwei junge Männer, Jugendliche noch, werden kurz vor Kriegsende von der SS eingezogen. Und am Ende muss Walter Urban seinen besten Freund Fiete nach einem erfolglosen Fluchtversuch erschießen.

Und trotzdem nimmt man Ralf Rothmann ab, dass er mit dieser Geschichte eine Liebeserklärung schreiben wollte. Eine Liebesgeschichte über seinen Vater. „Für mich ist das ein Buch der Liebe. Ich habe meinen Vater verehrt. Und ich wollte immer schon einmal ein Buch über meinen Vater schreiben“. Der Vater mit seinem stillen Heroismus, der ohne zu klagen immer weiter machte und der im Krieg an Körper und Seele verwundet worden war – wie viele Männer in seiner Generation.

Dabei hatte sein Vater ihm nur wenig von seinen Erlebnissen erzählt. „Der Krieg war aber immer in der Familie dabei – seine SS-Blutgruppentätowierung konnte ich immer sehen, wenn der Vater mit nackten Armen auf dem Sofa saß.“

Also musste Rothmann viel recherchieren. „Sie erfinden die Wirklichkeit, wie sie gewesen ist“, sagt Claudia Stockinger, Professorin für Neuere Deutsche Literatur und an diesem Abend im Literarischen Zentrum Rothmanns Gesprächspartnerin. „Natürlich ist das Fiktion“, erwidert Rothmann. Bei den Recherchen haben auch andere Befragte nur wenig erzählt. Aber: „Wenn viele Menschen wenig erzählen, ist das schon eine Menge!“

Stockinger ließ nicht locker. Sie, die sich normalerweise mit längst verstorbenen Autorinnen und Autoren beschäftigt, ergriff die Gelegenheit beim Schopf, einen der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren direkt zu befragen. Sie erkundigte sich bei dem mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichneten Autoren nach seinem Verhältnis zu Günter Grass und fand erstaunliche Interpretationen in dem Roman des „feinnervigen Autoren“ – er treffe eben den Nerv der Zeit. „Ich habe heute viel über mein Buch gelernt“, sagte Rothmann nach der Lesung.

Das Publikum im komplett ausverkauften Literarischen Zentrum hing zuvor an den Lippen des Autors, der aber zunächst Mühe hatte, seine Zuhörer anzublicken. Vor ihm stand nur die Kamera, das Publikum saß rechts und links von ihm. „Man liest hier wie aus dem Kleiderschrank“, meinte Rothmann zu Beginn.

Der Text dieses Autodidakten ist sehr dicht geschrieben und hat deshalb eine besondere Wirkung auf Leser und Zuhörer. „Vielleicht liegt das daran, dass ich zunächst nur Lyrik geschrieben hatte. Und bei der Lyrik gilt das Motto: kein Wort zu viel“, verriet der Autodidakt über seine Sprache, der vor seinem Schriftstellerleben als Maurer, in einer Großküche und als Krankenpfleger gearbeitet hatte. Während der Lesung spürt man die große Empathie, mit der Ralph Rothmann über Walter und seinen Freund Fiete schreibt.
Eine Besucherin brachte die Faszination dieses Buches auf den Punkt: „Sie verstehen es, die schrecklichen Bilder immer wieder mit poetischen Naturbildern sowie mit interessanten technischen Details zu versehen.“ Dadurch werden die Kriegsbilder nicht weniger dramatisch, aber der Text gewinnt an Poesie. „Wenn ich das nicht getan hätte, hätte ich die grauenhaften Passagen gar nicht schreiben können“, bestätigte Ralf Rothmann.

Rothmann entzog sich geschickt den Interpretationsversuchen der Germanistin („Wenn Sie das sagen…“) und fasste seinen Roman mit den Worten zusammen „So hätte es gewesen sein können.“ Dem schlossen sich die Zuhörerinnen und Zuhörer mit großem Applaus an.

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