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Dienstag, 28 April 2015 14:57

Perfekt aufeinander abgestimmt

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Das Arte Ensemble in großer Besetzung Das Arte Ensemble in großer Besetzung © Photo: Wortmann

Das Arte-Ensemble im Aulakonzert

„Lebensläufe – Werkgeschichten“, so heißt die Überschrift über die Saison 2014/15 der Göttinger Kammermusikgesellschaft. Im letzten Abonnementskonzert standen eine ganze Reihe von Geschichten auf dem Programm: jüdische Klänge in der Ouvertüre op. 34 von Sergej Prokofjew mit gleich mehreren Versionen der Entstehungsgeschichte, die neu entdeckte (und zu entdeckende) Musik von Franz Hofmann, der 1945 als 25jähriger vermutlich mit dem Untergang der „Steuben“ in der Ostsee sein Leben verloren hatte und – als Höhepunkt – die Geschichte der lebendig gewordenen Spielsachen in der Kinderpantomime „Zaubernacht“ von Kurt Weill.

All diese Geschichten erzählte das Arte Ensemble. Die Mitglieder sind Solisten der NDR Radiophilharmonie und treten in variabler Besetzung auf. Nur so ist es überhaupt möglich, die verschiedenen Besetzungen der Stücke an einem Abend umzusetzen. Ergänzt wurde das Ensemble durch den Göttinger Pianisten Gerrit Zitterbart.


Auf welch hohem Niveau sich die Musiker bewegen, war schon gleich zu Beginn des Abends hörbar: in der Besetzung für Klarinette, Streichquartett und Klavier spielten sie die „Ouvertüre über hebräische Themen“ von Sergej Prokofjew. In dieser Musik ließ der emigrierte Prokofjiew Klezmer-Themen erklingen, das Werk schrieb er für ebenfalls aus Russland emigrierte jüdische Musiker, die sich eben in dieser Besetzung gefunden hatten. Die beiden musikalischen Themen wandern in den Stück durch die Instrumente. Das Arte Ensemble verstand es, diese Übergänge so kunstvoll zu gestalten, dass die Klangfarbe des „abgebenden“ Instrumentes perfekt getroffen wurde. So ergab sich ein kunstvoll miteinander verwobenes Werk als Ouvertüre des Abends.

Die Musik von Franz Hofmann kommt erst allmählich aus ihrer Vergessenheit hervor. In seinem kurzen Leben hinterließ Hofmann zahlreiche kammermusikalische Werke. Die Musik Hofmanns ist im Geist der Spätromantik komponiert, im Quintett h-Moll für Flöte, Klarinette, Geige, Bratsche und Cello war aber deutlich ein eigener Stil von großer Reife zu erkennen. Das Arte Ensemble hat dieses Werk keineswegs aus seinem Repertoire gewählt, sondern eigens für das Göttinger Konzert einstudiert. Das Publikum in der gut gefüllten Göttinger Universitätsaula kam so in den Genuss dieser Erstaufführung.

Nach dieser im Lebenslauf dramatischen Geschichte und der Pause kam es zum Höhepunkt des Abends. Die „Zaubernacht“, Kinderpantonmime für Flöte, Fagott, Klavier, Schlagwerk und fünf Streicher von Kurt Weill. Komponiert im Jahr 1922 – dann aber viele Jahre verschollen, bis das Werk im Jahr 2005 in Yale unvermittelt wieder auftauchte. Es dauerte eine Weile, bis die Musik identifiziert war, und so erschien erst im Jahr 2008 die wieder hergestellte Partitur in der Gesamtausgabe. Und erst im Jahr 2010 wurde das Werk nach mehr als 85 Jahren wieder aufgeführt – im Rahmen des Musikfests Stuttgart, erstaufgeführt vom Arte Ensemble. In der Göttinger Aula erklang die Ballettmusik konzertant. Weill hat die Geschichte der zwei Geschwister, deren Spielsachen in der Nacht lebendig werden, so bildhaft vertont, dass der hüpfende Ball, das galoppierende Steckenpferd, das tanzende Stehaufmännchen oder der exerzierende Zinnsoldate förmlich vor den Augen der Zuhörer zu sehen war. Die zehn Musiker, darunter zwei ziemlich beschäftigte Schlagzeuger, waren perfekt aufeinander abgestimmt. Im Grunde spielten sie ebenso mit den Spielsachen wie es eine Balletttruppe in einer szenischen Aufführung hätte tun sollen. Fasziniert lauschte das Publikum dem Ensemble – und wollte es am Ende kaum gehen lassen.

Schon während der Weill’schen Musik ertappte man sich als Zuhörer dabei, ein wenig mitzuspielen. Und war es nicht König Georg IV., der auf seinem Gemälde oben über den Musikern an der Königswand geschmunzelt hat und mit den Füßen beinah ein wenig mit dem Zinnsoldaten mitmarschiert ist?

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