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Montag, 16 November 2015 18:12

Großartiges Klangfest

Das Fine Arts Quartet zu Gast bei den Aulakonzerten

Zwischen Konzerten in Milwaukee und London gastierte das renommierte Fine Arts Quartet mit vier Konzerten in Deutschland. Das Gastspiel bei den Göttinger Aulakonzerten bildete dabei den Abschluss der kurzen Deutschland-Tournee.
Im Gepäck hatte das 1946 in Chicago gegründete Streichquartett Werke von Arriaga, Ravel und Schumann. Gleich zu Beginn des sehr gut besuchten Konzertes setzten die vier Streicher Akzente: das Streichquartett Nr. 3 Es-Dur des baskischen Komponisten Juan Crisóstomo de Arriaga, der 1826 noch vor Vollendung seines 20. Lebensjahres verstorben ist. Dennoch ist sein Gesamtwerk durchaus umfangreich. Das Streichquartett Nr. 3 komponierte Arriaga im Alter von 16 Jahren und zeigt eine erstaunliche Reife: ein reifer, ausgewogener Kammermusikstil, der sich zwar an Haydn orientiert, aber leidenschaftliche, beinahe beethovensche Züge in sich trägt. Und so wurde das Stück auch vorgetragen: ernsthaft und leidenschaftlich, getragen und wild – und das in hoher musikalischer Perfektion.

Man merkt deutlich, dass die Herren auf der Bühne schon eine ganze Reihe von Jahren zusammen musizieren. So konnte ein perfekter Klang entstehen – gepaart mit einer unglaublich präzisen und synchronen Dynamik. Dieses Ensemble hatte keineswegs etwas „Altbackenes“, das manch einer  vielleicht bei den schon seit 30 Jahren gemeinsam konzertierenden Geigen befürchtet hatte. Das Gegenteil war der Fall: frisch, mit viel Liebe zum Detail und gut gelaunt merkte man dem Quartett zwar eine große Reife an, aber keinerlei Abnutzung durch die schon lang andauernde Tournee um die Welt.

Im Mittelpunkt des Abends stand das Streichquartett F-Dur von Maurice Ravel. Vorbild für Ravel war das Streichquartett von Claude Debussy. Ravel entwickelt aber von Beginn an eine eigene Tonsprache und Melodieführung. Und auch hier erlebte das Göttinger Publikum ein großartiges Klangfest: sowohl die lyrisch-zarten Passagen als auch die dramatischen Höhepunkte wurden mit großer Empathie für die Komposition vorgetragen. Die komplexen Taktwechsel im letzten Satz klangen spielerisch leicht.
Schon vor der Pause gab es einen Applaus, mit dem so manche Künstler nach dem Konzert zufrieden wären.

Nach der Pause erklang das Streichquartett von Robert Schumann op. 41 Nr. 1. Schumann wagte sich erst als 32-jähriger an die Komposition von Streichquartetten. Das Werk besticht durch großen Reichtum an musikalischen Motiven, die das Fine Art Quartet geradezu als Steilvorlage annahm und entsprechend klar herausarbeitete. Die Interpretation war wunderbar klar, nie jugendlich vorwärtsstürmend, aber auch nicht hochnäsig altklug.

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Film "Vampyr - Der Traum des Allan Grey" in der Torhausgalerie

Für die Vorführung des selten gezeigten Carl Theodor Dreyer Meisterwerks „Vampyr – Der Traum des Allan Grey“ (1932) wählten die Verantwortlichen des Filmkunstvereines „Sperrsitz e.V.“ einen ganz besonderen Schauplatz: Die Torhausgalerie, die passenderweise räumlich in den Göttinger Stadtfriedhof eingebunden ist, wurde am Abend des 6. November kurzzeitig zur Bühne schaurig, surrealistischer Wiederzehrerbilder.

Dass sich trotzdem niemand fürchten musste, ist wohl am Ende nicht Dreyers zwar leidlich spannendem, aber ästhetisch mehr als beeindruckenden Hybrid aus Stumm- und Tonfilm zu verdanken, sondern der liebevollen Betreuung durch die Göttinger Filmfreunde-Initiative. Veronika Walter war es, die den etwa 20 gespannten Göttinger Kulturinteressierten eine fundierte Einführung präsentierte, wobei sie ebenso auf die abenteuerlichen Produktionsbedingungen dieser frühen „Carmilla“-Verfilmung (Sheridan Le Fanu), wie auf ihren prägenden Einfluss auf Alfred Hitchcocks Frühwerk verwies (letzterer soll „Vampyr“ tatsächlich als den einzigen Film bezeichnet haben, der es wert sei, zweimal geschaut zu werden).

Die Geschichte ist eher simpel: Ein Mann (Nicolas Louis Alexandre de Gunzburg, neben seiner Funktion als Hauptdarsteller auch Finanzier des Films und im wirklichen Leben ein steinreicher Baron) steigt im Gasthof ab. Der sterbende Vater (Maurice Schutz) einer jungen, todkranken Schönheit (Sybille Schmitz) hinterlässt diesem unvermittelt ein altes, von Geheimwissen strotzendes Buch über Vampyrismus. Der Mann beginnt es zu lesen und versteht, Seite für Seite, was um ihn herum passiert (das Buch wird, so Dreyer, selbst zum Akteur). Schließlich, nach vielen, ästhetisch wundersam aufgeladenen traumartigen Szenen, lösen sich alle Probleme durch die Pfählung einer bereits vor langem beerdigten Vampirin.

Wild tanzende Schatten, die sich unabhängig von den Darstellern bewegen; ein seltsamer Grauschleier, erzeugt durch einen Hauch Gaze, der über die Kamera gezogen wurde; der Einsatz subjektiver Kameraeinstellungen (unter anderem aus dem Inneren eines Sargs); perfide Einfälle wie das Ersticken unter großen Mehlmassen in einer rotierenden Kornmühle, und durchweg bewegte, schnelle Fotographie, lassen den Film deutlich moderner wirken als er tatsächlich ist. Dreyer verzichtete für „Vampyr“ auf lange Dialogpassagen: nur wenig wird in den knapp 73 Minuten der hier präsentierten, rekonstruierten Fassung gesprochen, sodass Rudolph Maté aufgrund der technischen Vereinfachungen Gelegenheit hatte, eine besonders aufwändige Bildsprache zu entwickeln. „A hallucinating film“, befand damals die New York Times, wenngleich das Meisterstück zunächst eher durchfiel.

Es ist schon bemerkenswert, dass die Veranstaltung der Göttinger Filmfreunde ein bisschen wie die Versammlung einer kleinen, verschworenen Gemeinde übriggebliebener Cineasten in einem Meer des visuellen Mediengewusels wirkt. „Sehr bescheiden“, so Dr. Karin Hartewig, ihres Zeichens Vorsitzende des Filmclubs, wolle man zur Verbreitung von Filmkunst und Kino in der modernen Zeit beitragen. Sehr bescheiden auch, weil mobiles Kino mit knapp 20 oder 30 Teilnehmern keine absolute Breitenwirkung beanspruchen kann. Bei aller Wehmut darüber, dass „Cinema“ und „Sterntheater“ geschlossen sind, und, dass das „Lumi`ere“ leider auch kaum noch Filmklassiker zeigt, ist es doch ein großer Gewinn, dass es den „sperrsitz e.V.“ gibt. Am 8.1.2016 will dieser um 19.30 das komplette filmische Oeuvre Man Rays auf eine kleine transportable Leinwand im Künstlerhaus bringen. „C'est ne pas un cin´e“, aber sicher wird es wieder ein schöner Abend.

 

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Montag, 09 November 2015 09:36

Mehr Julia Bartha bitte!

Julia Bartha zu Gast beim Göttinger Symphonie Orchester

Das zweite Konzert im zweiten Philharmonischen Zyklus des Göttinger Symphonie Orchesters, diesmal unter Leitung des Gastdirigenten Christoph Gedschold und mit Julia Bartha am Klavier, versprach dem Publikum in der gut besuchten Stadthalle einen Abend der „Fantasie“.

Der Konzertabend wird mit Joseph Haydns Symphonie Nr. 83 g-Moll Hob.I:83 („La Poule“) eröffnet. Besonders die leisen Passagen im Allegro spiritoso sowie das feine Staccato der Streichergruppen im darauffolgenden Andante sind hier überzeugend. Die Violinen scheinen zu einem Instrument zu verschmelzen und schaffen so eine regelrecht intime Atmosphäre, bevor sich wieder der volle Orchesterklang entfaltet.

Bei der anschließenden Fantasie für Klavier und Orchester von Claude Debussy wird es voll auf der Bühne. Zur Orchesterbesetzung kommen nun noch Harfe und der große Konzertflügel hinzu und erschaffen die romantisch schwelgenden Klänge einer Traumsequenz. Das schwärmerische Thema wird immer wieder aufgebaut und in den verschiedenen Orchesterstimmen aufgegriffen, von einer Stimme zur anderen weitergegeben. Sowohl Klavier als auch Harfe fügen sich gut in diesen Klang ein.

Wer allerdings gehofft hatte am heutigen Abend mehr von der wunderbaren Pianistin Julia Bartha zu hören, wurde vom Komponisten höchstpersönlich enttäuscht und musste auf die Zugabe warten. Das Klavier ist in Debussys Stück anscheinend nur ein Orchesterinstrument wie jedes andere. Bis auf wenige unglaublich schnelle, virtuose Läufe im rhythmisch-bewegten, dramatischen Finale und den einfühlsamen, elegant-gefühlvollen Beginn des zweiten Satzes kommt das Piano leider eher selten zur Geltung.

César Francks abwechslungsreiche Symphonie in d-Moll, die als letztes Stück des Abends erklingt, bietet eine Vielzahl an Themen, Motiven, Tempi, Rhythmen und Tonarten, die in allen Instrumentengruppen variiert werden. Immer wieder ertönt der sanfte Einstieg der Streicher, der bald in einem dramatischen Wechselspiel der verschiedenen Instrumente gipfelt. Das wilde, teils dissonante Durcheinander ist aber durchaus eindrucksvoll gestaltet. Im Allegretto und Allegro sind es vor allem die piano-Passagen, die besonders gut herausgearbeitet sind. Das Zupfkonzert von Harfe und Streichern bildet eine wunderbare Untermalung für den Einsatz der einzelnen, melodiösen Bläserstimmen und erinnert mit seinen fantasievollen, traumhaften Elementen auch an den zuvor gehörten Debussy.

Christoph Gedschold führt das Orchester mit einem sehr leidenschaftlichen und gefühlvollen Dirigat durch den Abend. Kleine, präzise Gesten wechseln sich mit kraftvollen, rhythmischen Bewegungen des ganzen Körpers ab. Mit ausladenden Armbewegungen versucht er die Musiker mitzunehmen, mit seinen Fingern scheint er die besonders feinen Rhythmen hervor kitzeln zu wollen.

Die Verbindung zwischen Dirigent und Orchester wirkt jedoch trotzdem, vor allem zu Beginn der Stücke, etwas angestrengt. Es gibt einige Unklarheiten, es fehlt manchmal einfach die Leichtigkeit, das Feuer, die Fantasie. Trotz einer im Großen und Ganzen guten Leistung des Orchesters, konnte so der Funke nicht richtig überspringen.

Eine neue Chance erhalten Publikum und Orchester aber bereits am 20. November, wenn das GSO erneut zu Werken von Haydn und Franck einlädt.

 

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Buchpreis-Gewinner Frank Witzel zu Gast beim Göttinger Literaturherbst

Ich bin gespannt auf Frank Witzel – was wird er vortragen? Kann man überhaupt eine repräsentative Lesung zu einem über 800 Seiten starken, nicht linear aufgebauten Mammutroman erwarten? Der Saal des alten Rathauses ist überfüllt – und es liegt sicherlich nicht am bereits zu Beginn lautstark verkündeten Versprechens, ein kostenloses Glas Sekt ergattern zu können.  Bedächtiges Schweigen. Stephan Lohr (Literaturjournalist, Berater des Literaturherbstes und Moderator des Abends) und Frank Witzel, der überraschende Gewinner des deutschen Buchpreises 2015, betreten den noch nicht ausreichend illuminierten Saal hackselnd über eine Hintertreppe. Andächtiges Klatschen. Es ist die erste Lesung, die Witzel nach Verleihung des Preises halten wird.

Lohr verkündet gleich zu Beginn der Veranstaltung euphorisch das „Wunder von Göttingen“ - und meint damit, dass es der Calvör'schen Buchhandlung trotz restlos ausverkaufter Bestände gelungen sei, einen ansprechend gestalteten Büchertisch mit den letzten noch zu erhaltenden Exemplaren des Romans aufzubauen. Wie die Geier werden sich die Göttinger nach der Lesung auf die dicken hart-gebundenen Bände stürzen, die Witzel trotz seines hohen Arbeitspensums einzeln signiert.

Erschöpft, aber immer noch aufgeschlossen und offen, steht Witzel Lohr nun fast zwei Stunden Rede und Antwort. „Wer mein Buch liest, lernt über die Rote Armee Fraktion in etwa so viel wie bei Kafkas Verwandlung über Käfer“, witzelt er.

Sein „wahnwitziges Projekt“ (Stefan Lohr) erzählt vom Leben eines heranwachsenden Teenagers in einer politisch heiklen Zeit der damaligen BRD (...also „nicht der Bundesrepublik“). Eingebettet in die hessische, erzkatholische Provinz, die Witzel als „Diaspora“ bezeichnet, beschreibt er die Atmosphäre einer vergangenen Epoche aus der Sicht eines Heranwachsenden. Dass vieles (aber nicht alles) davon autobiographisch geprägt ist, zeigt sich oberflächlich zunächst an der großen Liebe des Protagonisten zu den Beatles („die Suche nach einer Gegenkultur“) und der Detailtreue, mit der Witzel die Topographie seiner Heimat skizziert. Die Lesung eines Teiles einer sich über mehr als 40 Seiten erstreckenden Rede des Jungen an sich selbst, offenbart das schier unvorstellbar komplexe Kompositionstalent Witzels: Musikwissenschaftliches, linguistisches und philosophisches Detailwissen sind zu einem intellektuell höchst faszinierenden Ganzen gewoben. Witzel verrät, dass diese Komposition aus einer über 10 Jahre lang angehäuften Materialsammlung stammt, die mehrere 1000 Seiten Text umfasste.

Witzel erläutert den Prozess der Publikation, das Wagnis eines so umfassenden Werkes, und die Irrungen und Wirrungen der Buchpreisverleihung. Niemand habe mit einem Sieg gerechnet – er am allerwenigsten. Selbst als er es zunächst auf die 20 Werke umfassende Longlist und dann auf die 6 Werke kurze Shortlist schaffte, war er verblüfft.

Am Schluss der Lesung bedankt sich der Autor bei seinem Verlag. Dass Mattes & Seitz zudem ein 5000 Seiten starkes Werk über Insekten publiziert habe, zeige, dass sein Roman gut bei ihnen aufgehoben sei. Auf Nachfrage Lohrs offenbart er außerdem, dass bereits Übersetzungen in Arbeit seien: Für China, Dänemark, Frankreich …. und (wer hätte es nicht gedacht?): Saudi Arabien.

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Dienstag, 20 Oktober 2015 17:44

Große Emotionen in der Aula

Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel im Göttinger Aulakonzert

Große Emotionen zeigte die junge Schweizer Geigerin Rachel Kolly d’Alba beim zweiten Aulakonzert in Göttingen. Das passte gut zum Motto dieser Saison „Vom südländischen Kolorit“. Vor allem passte das nach der Pause mit César Franck und Manuel de Falla. Aber der Reihe nach:

Eröffnet wurde der Abend mit drei Sätzen aus der „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky. In dem recht konventionell komponierten Werk greift Strawinsky auf seine „Pulcinella“ Ballettmusik zurück. Kolly d’Alba und ihr Klavierpartner Christian Chamorel interpretierten das Werk ein wenig nüchtern und zurückhaltend. Aber für große Emotionen eignet sich dieses Stück auch eher weniger. Dennoch ist Strawinskys Stil in dieser Komposition anders, trockener – und vielleicht auch etwas hintergründiger.

In der berühmten „Kreutzer-Sonate“ von Ludwig van Beethoven zeigte die Violinistin ihr ganzes Feuer. Und das war leider ein wenig zu viel des Guten. Zwar spielte sie auf hohem technischen Niveau, insbesondere die hohen und höchsten Lagen gelangen ihr blitzsauber. Aber das Werk ist immer noch ein Werk der Wiener Klassik und keines der Romantik. Die gewählten Tempoveränderungen, die hoch emotional gestalteten Passagen passten nicht recht zum liedhaften (in Satz 3) oder tänzerischen (in Satz 4) Duktus dieser Sonate. Chamorel nahm sich ob dieser aufgeladenen Interpretation extrem zurück. Durch den häufigen Pedaleinsatz wirkt der eigentlich ebenbürtige Klavierpart sehr gedeckt, hier wäre mehr Brillanz besser gewesen. Diese „Sonate für Klavier und Violine“ geriet zu einer zu schwärmerischen Violinsonate mit Klavierbegleitung.

Aber dann: die Violinsonate A-Dur von César Franck entwickelte sich schnell zum Höhepunkt des Abends. Hier passten die Emotionen und die Wildheit. Auch waren Violine und Klavier viel mehr Partner als noch zuvor. Rachel Kolly d’Alba gestaltete diese Sonate mit großer Reife, immer wieder entfalteten sich neue Höhepunkte. Vielleicht ließen sich die lyrischen Passagen noch etwas zurückhaltender gestalten, dann würde der Spannungsbogen zum nächsten Höhepunkt noch überzeugender wirken. Aber es war ganz deutlich zu spüren, dass die Musik und die Person auf der Bühne eins waren. Die Emotionen waren nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Der Funke sprang schnell auf das Publikum über, es knisterte förmlich in der ehrwürdigen Universitätsaula.
Den Abschluss bildete die „Suite Populaire Espagnol“ des andalusischen Komponisten Manuel de Falla in der Bearbeitung des polnischen Geigers Paul Kochanski. Auch hier waren Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel in ihrem Element. Sie begeisterten das Publikum in der gut gefüllten Aula und wurden erst nach zwei Zugaben entlassen.

Im 3. Konzert am 15. November ist das Fine Arts Quartet aus den USA mit Streichquartetten von Arriaga, Ravel und Schumann zu Gast bei der Kammermusikgesellschaft. Eintrittskarten sind an allen Reservix-Vorverkaufsstellen sowie hier online im Kulturbüro erhältlich.

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Dienstag, 20 Oktober 2015 15:02

Das kleinere Übel gegen die Menschenwürde

DT-Premiere „Terror“

Kann es rechtens sein, wenn ein Kampfpilot den Tod von 164 Menschen verursacht um 70.000 Menschen zu retten? Die Zuschauer im Deutschen Theater stimmten mehrheitlich für das „kleinere Übel“, mit dem der Verteidiger von Lars Koch argumentiert hatte. Sie sprachen den Angeklagten frei.

„Terror“ heißt das Schauspiel von Ferdinand von Schirach mit dem Publikum in der Schöffenrolle, das sich auf eine Grundsatzdebatte einlassen muss. Es urteilt an diesem Abend nicht nur über einen hypothetischen Fall sondern auch über das gegenwärtige Rechtsempfinden und was dabei mit den moralischen Kategorien geschieht.

„Terror“ gehört in dieser Spielzeit zu den meist gespielten Stücken an den deutschsprachigen Bühnen. Schon die Uraufführungen in Frankfurt und Berlin stifteten reichlich Diskussionsstoff für die Feuilletons. Kritiker hatten an dem Text den Charakter einer juristischen Vorlesung bemängelt und eine Atmosphäre von Lehrtheater. Zunächst hat es auch in Göttingen den Anschein, als ob hier eine typische Gerichtssituation vorgeführt wird, die nur aufgrund der spektakulären Anklage besonders spannend anmutet.

Eine von Terroristen entführte Lufthansamaschine droht in das ausverkaufte Münchner Olympia Stadion zu stürzen. Kampfpilot Lars Koch erhält trotz Nachfrage bei seinen Vorgesetzten keinen Abschlussbefehl. Der Tod von 164 Passagieren wäre nicht zu verhindern gewesen, wird er später vor Gericht erklären. Er habe es für richtig gehalten ein Luft-Luft-Lenkkörpergeschoss auszulösen und die Maschine abstürzen zu lassen, so dass die 70.000 Stadionbesucher unversehrt blieben.

Schon das Bühnenbild von Elisa Alessi verweigert sich einer realistisch anmutenden Gerichtssaalkulisse. Der Fall Lars Koch wird auf einer steilen grauen Treppe verhandelt. Die Schauspieler treten als Funktionsträger auf, nehmen ohne Aktenpulte und juristische Utensilien ihre Stellung ein. Andrea Strube ist die Vorsitzende Richterin, Florian Eppinger vertritt die Staatsanwaltschaft und Paul Wenning die Verteidigung. Gerd Zinck wird als Stabsoffizier vernommen, Nikolaus Kühn als Nebenkläger und Benedikt Kauff als Angeklagter Lars Koch. Ihre Kostüme sind ebenfalls in Grautönen gehalten, ohne Richterroben, Talare und Militäruniformen. Auch darin verweigert sich der Abend dem drohenden Vorführeffekt, dass hier juristischer Alltag bühnenwirksam demonstriert wird. Selbst wenn nun das klassische Gerichtsprozedere abläuft, mit den Eröffnungsplädoyers, den Zeugenbefragungen, der Stellungnahme des Angeklagten und den Schlussplädoyers wird daraus keine juristische Lehrstunde.

Regisseurin Katharina Ramser will mit dem Schauspielteam vor allem einen Diskurs anregen, warum sich Recht, Gesetz und Moral in diesem Fall nicht auf einen Nenner bringen lassen und das und erschwerten Bedingungen. Von Schirachs Text bürdet dem Publikum eine Flut von Argumenten und juristischen Exkursen auf. Wenn etwa das Bundesverfassungsgericht mit seinem Kommentar zur Novellierung des Luftrettungsgesetzes zitiert wird, dass auch künftig kein unschuldiger Mensch geopfert werde dürfe, um andere unschuldige Menschen zu retten. Oder wenn die Rolle der Bundeswehr zur Diskussion steht und warum sich der Einsatz gegen Terroristen nicht einfach mit einem übergesetzlichen Notstand begründen lässt. Erschwerend kommt hinzu, dass in dem Stück auch Grauzonen lauern, auf die von Schirach nicht näher eingeht. Eine Evakuierung des Stadions wäre in nur wenigen Minuten möglich gewesen, heißt es. Aber auch die Option dass die Passagiere die Flugzeugentführer überwältigen oder der Pilot am Ende das Absturzkommando verweigert, wird nur am Rande verhandelt.

Es geht also nicht um ein realistisches Szenario und seine Unabwägbarkeiten, über das am Ende die Zuschauer urteilen sondern auch um existenzielle Fragen, die Ramser aus dem juristischen Dickicht so klug und sorgfältig destilliert hat. Dass mögliche Antworten nicht als richtig oder falsch zu verstehen sind sondern widersprüchlich nachwirken oder unbehaglich und dann auch Nachfragen aushalten müssen.

Kann es überhaupt legitim sein, eine Verhältnisrechnung aufzustellen und unschuldige Opfer in Kauf zu nehmen weil dadurch mehr Menschenleben gerettet werden können? Wer wollte sich über diesen Massenmord empören, wenn er im persönlichen Extremfall vielleicht auch so handeln würde und auf Rechtsschutz vertraut. Werden Moral und Gewissen zu flexiblen Kategorien, auf die in Ausnahmesituationen kein Verlass mehr ist? Ohne den Kontext von Luftüberwachungszentren, drohenden Terroranschlägen und den Fallbeispielen aus den Annalen der Rechtsgeschichte erinnert diese was-wäre-wenn-Konstellation auch an die so genannte Gewissensprüfung der sich früher Wehrdienstverweigerer unterziehen mussten. Keinem blieb die Frage erspart, ob er nicht auch zur Waffe greifen würde, um einen Angehörigen zu verteidigen und damit schnappte die moralische Falle zu. Tatenlos zusehen oder zum Notwehrmörder zu werden ohne den Einberufungsbefehl akzeptieren zu können.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters wird die Frage zwar auf einer anderen Ebene gestellt. Doch das kategorische Plädoyer des Anklagevertreters zwingt den Blick eben auch auf diesen ersten ganz entscheidenden Satz im Grundgesetz über die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und die daraus folgende Konsequenz, dass Leben nicht mit Leben aufgewogen werden darf. Die Verteidigung plädiert für den Ausnahmefall und gegen ein verpflichtendes Prinzip, das keine kleineren Übel zulässt. Damit spricht sie bislang auch in Frankfurt und Berlin die Mehrheit der Zuschauer an, die dem obersten Gebot der Menschwürde in diesem Fall eine Absage erteilen.

Erschienen in der Kategorie Deutsches Theater

Wiglaf Drostes Lesung: „Wasabi dir nur getan?“ im Alten Rathaus

„Der Herr von der Presse ist zu groß“, werde ich noch vor Beginn der Veranstaltung von einer leicht angeheiterten Dame mittleren Alters angefrotzelt, als ich mich um kurz vor neun auf den letzten freien Presseplatz im überfüllten alten Rathaus niederlasse. Selbst die Drohung, diese niederträchtige Diskriminierung für meine Rezension zu missbrauchen, schreckt sie nicht davon ab, weitere schändliche Witze über meine deutlich sichtbare Körperfülle zu machen. Sei's drum: Ich befinde mich schließlich (ein Bier in der Linken, den vielleicht etwas zu großen Schreibblock in der Rechten) auf einer Lesung Wiglaf Drostes. Droste, ein bitter-zynischer Menschenfreund und Verbalostwestfale, ist bekannt für feinste Sprachspiele und schonungslose Bloßstellungen aller Schön- und Hässlichkeiten des Trivialen in Alltags- und Hochkultur. Später wird er seine Einschätzung zum Ort der Lesung wie folgt beschreiben:

„Zwei Worte, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie zusammenpassen: Danke, Göttingen!“

Droste ist, entgegen der Ankündigung, nicht allein erschienen. Begleitet wird er von Ralph Schüller, einem Chansonier, der neben eigenen Werken (Schönstes Zitat:„Riecht es nach Essen oder Formaldehyd? Hast du dir die zarten Hände verbrüht?“) auch einige der zahlreichen Gesangseinlagen Drostes auf der Gitarre begleitet. Von der Liebe der Deutschen zur Autobahnraststätte, über seine persönliche Liebe zum Präteritum (und den damit verbundenen Hass auf das Plusquamperfekt-verseuchte Berlin), spannt Droste den Bogen seiner Lesung.

Im Gedächtnis bleiben insbesondere sein Vergleich des Jürgen Marcus Gassenhauers „Ein Festival der Liebe“ mit bayerischer Willkommenskultur: („Wir grüßen die Menschen und sie winken zurück.“), sowie sein Plädoyer für einen aufgeklärten Atheismus. Droste: „Religiöse Gefühle sind Phantomgefühle – so wie Nationalismus. Etwas, das gar nicht wirklich da ist. Man hätte beim Leipziger Kirchentag gern den Schlüssel zum Klostergarten. Das ist dann als wäre man im Leipziger Zoo und würde den Tieren zuschauen; alle mit Joghurt gefüttert.“ Noch deutlicher ist Droste, wenn er wundersame Sätze fallen lässt, wie: „In Ministrantenkreisen ist Kirche von hinten ein stehender Begriff.“

Ralph Schüllers Texte hingegen sind weniger bissig. Melancholisch, oft herb im Abgang, bieten sie einen bedächtigen Kontrast zu Drostes messerscharfer Satire. Schwelgend lauscht die versammelte Göttinger Festgesellschaft schließlich Schüllers verträumter Ode: „So ein Sommer“, in der „Ein Glas für dich und für mich und vom Sonnenschein; zwei Liter Liebe, nur vom besten Wein [...]“ besungen werden.

Zur Pause heißen Droste zufolge alle Raucher Wolfgang Borchert, denn sie stehen draußen vor der Tür. Ich bin erstaunt: Bereits beinahe eineinhalb Stunden Programm und erst Halbzeit? Ein oder zwei Bergbräu (Altstadt und Pils) und klirrend eingeschenkter weißer Wein aus großen Drehverschlussflaschen versüßen mir die Zeit.

Nach obligatorischer Verlesung der Fußballergebnisse dürfen stark emotionale Texte über Drostes Heimat Ostwestfalen nicht fehlen. Von den Schönheiten der Mundart („wo wechkommen“, „Tünseligkeit“, „Wullaken“ etc.) kann niemand schöner schwärmen als er. Wir erleben sogar die Weltpremiere seiner nach jahrelanger Arbeit endlich fertiggestellten deutschen Version von “Southern Accents“ (Orig. Tom Petty, dt: „Ostwestfalen“). Und als Droste schließlich anhebt, er sei ja in Herford geboren, prustet es aus der angeheiterten Dame hinter mir versöhnlich heraus: „Dass doch nix Schlimmes“.
Droste berichtet als dann von seinen schrecklich anmutenden Erfahrungen mit Seele und Dialekt der Berliner, dem Drang der Schalker nach Methadon, seiner Düsseldorfer Höllenzeit (10 Wochen geschafft) und schließlich: den Qualen des Frankfurter Gebabbels. Dieser Exkurs bringt ihm seinen größten Lacher beim vorwiegend grau-melierten Teil des Publikums: „In Frankfurt spült der Bahnhofsstricher nach dem Blowjob stets mit Licher“.

Immer wieder sind es Ralph Schüllers nachdenkliche Balladen, die Drostes scharfsinnige, pointierte Sprachspiele erden. Als zum Abschied: „Hier endet die Straßenbahn, doch ich kann nicht heim“ erklingt, erstarrt der Saal in Wehmut. Fast drei Stunden unterhält das Duo seine Zuhörer und Droste verbleibt mit einem ihm besonders wichtigen Appell: „Wir sind alle Flüchtlinge. Ohne die Flucht meiner Mutter hätten Sie mich heute nicht ertragen müssen." Wir haben ihn gut ertragen.

Erschienen in der Kategorie Literaturherbst

Harald Eggebrecht und Carolin Widmann zu Gast beim Literaturherbst

„Ich habe die Stimme eine Engels gehört“ schwärmte Franz Schubert nach einem Konzert von Niccolo Paganini. Mit einem Augenzwinkern dämpft Harald Eggebrecht die Begeisterung des Komponisten für den legendären Teufelsgeiger und vor allem die für sein Instrument. Paganini entzückte sein Publikum auf einer „Holzschachtel und Luft drin“, so wie gegenwärtig auch Carolin Widmann. Zwei dieser immer wieder zitierten Holzschachteln hatte die Violinvirtuosin zum Literaturherbst mitgebracht, um mit dem Münchner Musikkritiker und Autor im Accouchierhaus „ Das Geheimnis der Geige“ zu entschlüsseln. Als Dritte im Bunde stand ihnen die Göttinger Musikwissenschaftlerin Christine Hoppe zur Seite, als Eggebrecht zunächst ein bisschen Holzkunde mit Fichte und Ahorn betrieb.

Die Engelsstimmen bekommen eine Geschichte mit einer Spur von magischem Zauber. Auf den verstanden sich schließlich auch die berühmten Geigenbaumeister Stradivari, Amati und Guaneri, deren Holzkisten so einmalig schön klingen, dass sie mittlerweile zu einmaligen Tarifen gehandelt werden. Die besten Fichten, so heißt es, wuchsen auf dem Alpenhauptkamm. Sie wurden auch nur zu Neumond im Februar gefällt, wenn die Stämme nur wenig Saft enthielten, um danach weitere 20 Jahre zu lagern, bis sich die italienischen Meister damit ans Werk machten.

Eggebrechts Begeisterung für die Geheimnisse der Geige ist ansteckend, wie er mit Kennerschaft, Freude und viel Humor die musikalischen Epochen und den Siegeszug der Holzkiste durchstreift und Vermutungen über ihre Vorfahren anstellt, wie sie vielleicht in Indien gespielt wurden und in der Mongolei, bis sie die italienischen Meister so klangreich veredelten. Der Musikkritiker berichtet von Fürstenhäusern, die diesen Siegeszug hoffähig machten, weil sie für ihre Orchester nicht nur die besten Musiker sondern natürlich auch die besten Instrumente haben wollten. Mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau zitiert er einen weiteren Schwärmer. Für den stand einfach fest, dass kein Instrument so viele Ausdrucksmöglichkeiten besitze wie die Geige.

Nun ist es an Carolin Widmann, die Schwärmerei ein bisschen zu dämpfen. Mit der Holzkiste werden Musiker zu Akrobaten, die mit dem Bogen der Schwerkraft trotzen, während eine Schulter auf Dauer in Schieflage gerät. Sie erzählt von der diffizilen Intonation, bei der es auf Millimeterarbeit ankommt,  weil ein Millimeter bereits einen Viertelton bedeutet, von feingliedriger Phrasierung aber von einem unerschöpflichen Kosmos an guten und quietschenden Klängen.

Damit ist das Kapitel Engelsstimmen noch lang nicht abgeschlossen, wenn Eggebrecht nun erneut auf Niccolo Paganini zu sprechen kommt und eine Zeitenwende in der Musikgeschichte beschreibt. Dass mit dem reisenden Virtuosen der Starkult einsetzte, begleitet von Skandalen und Gerüchten, die den Marktwert des viel gerühmten Teufelsgeiers nur noch steigerten: Dazu gehörte auch das Gerücht, er sei mit dem Teufel im Bunde, um solch einen Violinklang zu erzeugen. Das hielt zeitgenössische Musikerkollegen wie den Violinvirtuosen Heinrich Wilhelm Ernst nicht davon ab, dem Geheimnis seiner einmaligen Technik auf die Spur zu kommen. Seine Geschichte beschreibt die Musikwissenschaftlerin Christine Hoppe, wie er Paganinis in die Konzertzentren nachreise, seine Kompositionen nach Gehör nachspielte, um sich schließlich einen eigenen Klangkosmos für die Geige zu erschließen.

Um die Holzkiste mit dem Luftzug ranken sich auch weiterhin Geheimnisse. Für Eggebrecht werden es eher mehr. Zeitgenössische Geigenbauer fahnden weiterhin nach den idealen Hölzern, auf die ihre berühmten Vorgänger vertrauten. Weiter geht auch die Suche nach transzendentalen Tönen, wie sie Carolin Widmann imaginiert und dass sie das Geheimnis bei jedem Konzert auf’s Neue packt.

Erschienen in der Kategorie Literaturherbst

Jojo Moyes zu Besuch in der Sparkassen-Arena in Göttingen

Am Dienstagabend las Jojo Moyes in der Göttinger Sparkassenarena aus ihrem neuen Buch „Ein ganz neues Leben“. Margarete von Schwarzkopf sprach mit der Autorin und dolmetschte aus dem Englischen. Von vier Lesungen las Carolin Eichhorst, Sprecherin und Schauspielerin am Schauspielhaus Hannover zwei Abschnitte aus der deutschen Fassung und Moyes persönlich zwei aus der englischen Originalausgabe.

„Ein ganz neues Leben“ ist die Fortsetzung des international erfolgreichen Buchs „Ein ganzes halbes Jahr“ (ISBN 978-3-463-40533-9). Es hat viele Leser überrascht, dass nach diesem Buch ein weiteres folgt, da zuvor einer der Protagonisten im Buch gestorben ist. Doch Moyes sagte, dass sie Louisa Clark, die Hauptfigur des Erfolgsromans, sie nie losgelassen hat und sie täglich Nachrichten erhalten habe mit der Frage, wie es mit der jungen Frau weitergehe. Mitten in der Nacht sei ihr dann der entscheidende Gedanke gekommen, um den neuen, im September erschienenen Roman, zu schreiben.

Er handelt von der jungen Louisa, die versucht nach dem Tod ihres geliebten Will wieder Fuß im Leben zu fassen. Sie sucht die Anonymität in London, findet allerdings Einsamkeit und völlige Entwurzelung. Wie soll man nur weiterleben, wenn der wichtigste Mensch im Leben fehlt? Erst eine Begegnung mit einer ganz besonderen Person lässt die Verbindung zu Will wiederaufleben und bringt ihr ein ganz neues Leben.

Das hauptsächlich weibliche Publikum in der Sparkassenarena lauschte gespannt jedem Wort Moyes. Eine Besonderheit ihrer Bücher ist die Verbindung zwischen Liebe und Verlust, Tragödie und Komik. Sie liebe es mit diesen Extremen zu arbeiten. Ein weiteres wichtiges Thema, erzählt Moyes, sei die Familie, die für sie nie langweilig werden kann. Jede Familie habe auf ihre Weise eine endlose Faszination. So auch Louisas Familie in ihren Büchern. Es habe ihre besonders viel Freude bereitet, die Kapitel über diese Familie zu schreiben, da sie jeden Charakter klar vor Augen habe und diesen jeweils durch ihre geschriebenen Worte zum Leben erwecke.

Eine ganz neue und sehr spannende Erfahrung hat Moyes diesen Sommer mit dem Dreh zu „Ein ganzes halbes Jahr“ erlebt. Sie selbst durfte das Drehbuch schreiben und war auch bei den Dreharbeiten vor Ort. Der Prozess, zu erfahren wie die geschriebenen Worte durch Schauspieler lebendig werden, habe sie tief beeindruckt. Der Film wird im August 2016 in die deutschen Kinos kommen.
Heimlicher Star des Abends war auch Carolin Eichhorst, die mit ihrer Stimme Moyes Charaktere in den Raum zauberte und jeden einzelnen lebendig werden ließ.

Nach der Lesung ließen es sich die zahlreichen Fans nicht nehmen, sich ein Autogramm der sympathischen Autorin geben zu lassen, die mit jedem ein paar Worte wechselte und auch vor Fotos mit den Fans nicht zurückschreckte.

Erschienen in der Kategorie Literaturherbst
Dienstag, 13 Oktober 2015 06:46

Von echten und falschen Instrumenten

Ensemble "Ars animata" in der Martinskirche in Geismar

Im Jahr 2009 ging ein Lebensmittelskandal durch die Presse. Damals kam heraus, dass in vielen Fertiglebensmitteln kein echter Käse, sondern der sogenannte "Analogkäse" verwendet wurde. Am Abend des 11. Oktober 2015 gab es keinen "Analogkäse", sondern "Digitalkäse".

Das Ensemble "Ars animata" von Rolf-D. Bartels hatte zum Konzert in die Martinskirche in Geismar eingeladen. Auf dem Programm standen Werke von Bach, Corelli und Stamitz. Bartels, der stets mit einer Prise Humor moderierte, bemerkte, dass das heute gespielte Oevre von Corelli sehr klein sei. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass es sich im großen und ganzen auf das Concerto grosso op. 6 Nr 8, das sogenannte "Weihnachtskonzert" beschränkt. So schön dies Konzert auch ist, so gerne würde man doch auch mal andere Werke hören, vor allem im Oktober! Ars animata spielte hier solide, auch wenn die oft fließenden Satzübergänge nicht immer klappten und sich zwischen den Sätzen die Nachteile kopierter Noten zeigten.

Der Höhepunkt des Abends war das Violinkonzert a-moll von J.S. Bach, BWV 1041. Die Solisting Melanie Deppe war gut vorbereitet und wurde zuverlässig vom Ensemble begleitet.

Als "Rausschmeißer" kündigte Bartels das Orchester-Quartett C-Dur von Karl Stamitz an. Ein schönes Stück, für einen beschwingten Heimweg hätte man sich noch ein wenig mehr Schwung und Engagement im Spiel gewünscht.

Kommen wir aber zurück zum Analogkäse. Das Konzert begann mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 5 von J.S. Bach (BWV 1050), das bekanntermaßen eine ausladende Solopartie für das Cembalo enthält. Als Hobbycembalist und Freund historischer Tasteninstrumente hätte dies für mich zum Höhepunkt des Abends werden können, doch wusste ich, dass es eine Enttäuschung würde, als ich nach vergeblicher Suche nach dem Cembalo schließlich ein Digitalpiano entdeckte. Trotz dessen es wohl ein neueres Modell mit guten Samples war, blieb der Klang flach und leblos. Im Continuo ist ein E-Piano mit Cembaloklang schon eine große Anfechtung, als Soloinstrument aber unerträglich. Digitalpianos sind Instrumentenimitate fürs Wohnzimmer und nicht für ein klassisches Konzert, der Beweis wurde von Ars animata wieder einmal geliefert. Schade.

Dabei war die Aufführung an sich ordentlich, Klaus Wolkenstein am Plastikcembalo schlug sich wacker und meisterte den anspruchsvollen Part gut. Das Ensemble reagiert gut auf Anweisungen von Bartels und kann dynamisch differenzieren. Dass in vorzeichenreichen Tonarten die Intonation schwierig ist, kennen alle Laienensembles. Optimierungsbedarf gibt es noch bei den mehrfach autonomen Tempovorstellungen einzelner Stimmgruppen, die im ersten Satz des Brandenburgischen Konzerts sogar zum Abbruch führten. Am Dirigat kann es kaum gelegen haben, denn Bartels leitete stets präzise und eindeutig. Eventuell könnte man beim Spiel mehr Kontakt zum Dirigenten aufbauen.

Trotz aller Kritik muss ich dem Ensemble ein ausdrückliches Lobaussprechen. Das ambitionierte Programm wurde gut gemeistert und es ist immer schön, wenn Hobbymusiker aus Freude am Musizieren ein solches Konzert auf die Beine stellen. Da sieht man über manche Kleinigkeiten gern hinweg - nur nicht über falsche Instrumente. In einer Stadt wie Göttingen ist es definitiv möglich ein Cembalo aufzutreiben. Der Rezensent ist bei der Suche auch gern behilflich.

Erschienen in der Kategorie St. Martin Geismar
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