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Freitag, 21 April 2017 18:19

Eine Invasion von Eindrücken

Premiere der Koproduktion von JT und DT „Invasion!“

Wer bin ich, wer sind die anderen Menschen? Die Fragen schwirren durch den Raum, bleiben hängen, tragen sich weiter. Es ist wortwörtlich eine Invasion von Bildern, Worten, Eindrücken, die auf die Zuschauer einprasselt. Anfängliche Verwirrung steht im Raum, als der Beginn des Stückes scheinbar aus dem Publikum massiv gestört und von Jugendlichen die Bühne gestürmt wird. Schnell versteht das Publikum jedoch den integrativen Moment. Das 2006 in Stockholm uraufgeführte zeitgenössische Stück Invasion! des schwedischen Schriftstellers Jonas Hassan Khemiri, dass gestern im Jungen Theater seine Premiere feierte, ist eine gemeinsame Produktion zwischen dem Jungen Theater Göttingen und dem Deutschen Theater Göttingen.

Am Anfang steht der Name Abulkasem im Raum, inmitten eines klassischen Dramas des Schweden Almqvist, als Zeichen der Bedrohung des Fremden. und zieht sich wie ein Band durch den Abend. Der Name wandert zwischen verschiedenen Milieus, von der Eckkneipe zum Apfelpflücker, vom vermeintlichen Frauenheld zum von Wissenschaftlern Gejagten und Gefürchteten. Diese immer wiederkehrenden Wandlungen zeigen sich auch an den schnell wechselnden Darstellerrollen: Der Problematik von 17 Rollen aufgeteilt auf vier Darsteller in sieben Szenen begegnet man mit guten Übergängen. Man nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn durch das Stück. Die Überleitungen sind gelungen und helfen dem Zuschauer die schnellen Szenenwechsel zu verstehen. Auch die Adaption an Göttinger Verhältnisse unterstützt dies: Ob Grone Süd, das Déja vu, die Südstadt; eingebettet in wohlbekannte Milieus, wird der Zuschauer einbezogen.

Die unterschiedlichen Szenen werden zusammengehalten von Abulkasem: Ein Name, ein Mann, den keiner richtig kennt, aber überall herumschwirrt, den alle zu kennen glauben oder vorgeben. Grenzen werden so aufgebrochen, neu zusammengefügt und die Vielschichtigkeit der sprachlichen und kulturellen Identität verdeutlicht. Khemiri spielt in seinem Drama mit dem Bild des Fremden in Kontrast zum Eigenen und der Zuschreibung von Identitäten und Bevormundung. Die unterschiedlichen Sprachebenen tragen zur Auflockerung des Themas bei, verdeutlichen aber auch immer wieder eine gescheiterte Kommunikation. „Wörter entwickeln sich ständig.“ Nicht nur die Sprache ist wandelbar, auch die Bedeutungen variieren, die Wahrnehmung verändert sich. Ob Islamphobie, Multikulti, die Suche nach Identität: Es ist ein Konglomerat aus Anspielungen gesellschaftlicher Kategorisierungen.

Das Ensemble ist energiegeladen, es schafft den Spagat zwischen Ernst und Komik. Marcel Irmey, zurzeit als Gast am Jungen Theater und Schauspielstudent an der Schauspielschule Kassel, gibt insbesondere zusammen mit Bardo Böhlefeld vom Deutschen Theater ein gutes Duo ab. Dieser überzeugt durch seinen Facettenreichtum: Ob Erzähler, Wissenschaftler, Jugendlicher mit Migrationshintergrund; er hat das Publikum im Griff. Jan Reinartz vom Jungen Theater fällt insbesondere durch seine stetige Verwandlung auf: Von seinen fünf Rollen ist insbesondere der Apfelpflücker hervorzuheben. Linda Elsner, ebenfalls vom Jungen Theater, setzt den komplexen Charakter der Lara gut in Szene. Die verschiedenen Bühnensituationen und Stilformen gehen dabei teils fließend, teils in großem Kontrast ineinander über. Die Inszenierung von Milena Paulovics ist wirklich gelungen. Die intime Bühnengestaltung holt den Zuschauer dabei näher an das Geschehen, lässt ihn teilhaben und verringert die Distanz.

Die wiederkehrende Frage „Warum gerade Abulkasem?“ verstärkt sich in Kombination mit der Frage nach Identität und der Konstruktion von Sprache. Jonas Hassan Khemiris Drama Invasion! regt zum Nachdenken an. Man sollte sich definitiv eine der wenigen Vorstellungen nicht entgehen lassen.

Invasion! von Jonas Hassen Khemiri - Deutsch von Jana Hallberg
weitere Vorstellungen am 25. April, 9. Mai und 18. Mai

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„Der größte Zwerg“ am Jungen Theater

Wer mag schon einen Buckligen spielen, der auch noch verkrümmt ist und offenbar ein Winzling. Das Ensemble des Jungen Theaters kabbelt sich erst mal um die Besetzung. Und schon dabei steht ihnen Georg Christoph Lichtenberg wortreich zur Seite. Es ist eben nicht alles so wie es scheint, und wie so oft macht subversives Nachfragen die Sache zwar nicht besser. Aber es bringt die Dinge auf den treffenden zwiespältigen Punkt. Und dann ist eben eine Kostprobe aus seinen Sudelbüchern fällig.

Ist es nicht unglaublich, dass diesem mickrigen Bündel, das nur noch eine Nottaufe erhielt, trotz des offenbar mickrigen väterlichen Spermas zum Universalgelehrten avancierte. Buckeln lassen hat er sich jedenfalls nicht, und von niemand das Maul verbieten. Egal ob es um gelehrige Wichtigtuer und ihre Konventionen, den Göttinger Biedersinn oder andere strapaziöse Alltäglichkeiten, die dieser ewig umtriebige Geist eben auch in seinen Sudelbüchern vermerkte.

Ein Sudelstück hatte Autor und Regisseur Peter Schanz für sein dramatisches Lichtenberg Portrait im Jungen Theater angekündigt und keinesfalls eine manierliche Biografie. Und so kam das Publikum zur Uraufführung seiner Inszenierung „Der größte Zwerg“ in den Genuss eines frechen und turbulent verspielten Panoptikums. Bloß keine honorige Eloge lautete die Devise für diesen Abend über das reiche, bewegende und schmerzhafte Leben von GCL, um ganz in seinem Sinne mit ihm und über ihn spötteln und so sein Leben in all den tragischen und komischen Verwerfungen in ein wildes Bühnenabenteuer verwandeln.

Peter Christoph Scholz schultert als erster den Buckel, um sich nun auch den Spekulationen und Sprüchen von Zeitchronisten über Göttingens berühmten Wissenschaftler und ewigen Querdenker auszusetzen. Seine wenig schmeichelhaften Kommentare über die viel gerühmte Gelehrsamkeit an der Georgia Augusta fanden schließlich nicht nur Zustimmung. „Steht ein bucklig Männlein da“ spötteln nun Linda Elsner, Agnes Giese, Franziska Lather, Jan Reinartz und Karsten Zinser im Chor. Auch sie bekommen in den nachfolgenden biografischen Kapiteln abwechselnd den Buckel geschultert, um sich auf diesen verkrümmten Körper einzulassen, den Lichtenberg selbst als Gefängnis für die Seele beschrieben hatte, um diesem Zustand so oft wie möglich geistreich oder wenigstens lakonisch zu trotzen.

Mit dem Titel „Buckel“ hat Schanz auch jedes Kapitel über Einsichten und Ansichten zum Leben des größten Zwergs überschrieben. Die Buckel widmen sich zunächst den profanen Seiten des Göttinger Lebens, das unter anderem einer Wurst Expertise unterzogen wird. Der „Welt-Öffner“ und der „Experimentator“ Lichtenberg kommen zur Sprache. Seiner Neugier und was ihn und literarisch beflügelte widmet sich das Kapitel „Aphorisiaka“, der „Liebhaber“ wird erkundet und auch der ewig gepeinigte Mensch mit der „Krankheit zum Tode“.

Der Experimentalphysiker, der sich auch an der Erfindung des Blitzableiters vergnügte - „ Wissenschaft soll und muss Krach machen“ lässt sich natürlich nicht von dem trinkfesten Zeitgenossen trennen, der an einer genüsslichen Saufkunde laborierte, auch weil er befand, dass der Alkohol Ideen und Falten geschmeidiger mache. So wenig wie sich der Englandreisende, der dort am liebsten gelebt hätte und vergeblich von Weltforschungsreisen träumte, von dem amourösen Flaneur trennen lässt, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden und der der Liebe seines Lebens die zärtlichsten Worte widmete. All diese bewegenden und auch widerspenstigen Skizzen, Szenen und Kommentare erkundet das JT-Ensemble an einer Galerie von Tischen im Theatersaal.

Lichtenberg hätte es sicherlich gefallen, dass sein querköpfiges, ideenreiches Leben wie auf einem Laufsteg zelebriert wird. Und dass es in der Fülle von Episoden, Einfällen und ihrer spielerischen Umsetzung mit stilisierten historischen Requisiten meist ziemlich turbulent zugeht. Vor allem, wenn dann sechs Buckelträger mit Kommentaren von und über Lichtenberg ein Chaos aus Sprüchen, Argumenten und Zitaten anrichten, dabei auch mal wild kreischen, übereinander herziehen und spielerisch ausufern.

Die Posse, der Schalk und die Lust zu Übertreiben ist immer mit im Spiel an diesem Abend über Göttingens „größten Zwerg“. Aber nach all dem Spektakel kommt es auch zu dieser berührenden Szene mit Franziska Lather, die die Arie „Cara Sposa“ aus Händels Oper „Rinaldo“ singt, begleitet von Peter Christoph Scholz an der Violine. Der Lichtenberg, der die Londoner Uraufführung erlebt hatte, windet sich jetzt auf dem Tisch von Schmerzen gepeinigt und in entsetzlicher Atemnot. Aber was wäre ein Abend über diesen Experten für unheilbare menschliche Schwächen, wenn daraufhin nicht noch ein Abstecher in seinen Fundus an klugen und weitsichtigen Erkenntnissen folgte. Ein paar Aphorismen haben die sechs Buckligen noch auf Lager. Und den liebsten Lichtenbergspruch ihres Regisseurs lassen sie dann auch auf kleinen bedruckten Blättern über die Zuschauer regnen. Der „größte Zwerg“ will einfach keine Ruhe geben, erst recht nicht im Jahr seines 250. Geburtstages. Auch nicht mit den Worten „Lerne den Menschen kennen und waffne Dich mit Mut, zum Vorteil Deines Nebenmenschen die Wahrheit zu reden.“

Die nächsten Aufführungstermine von "Der größte Zwerg" sind am 4.3.2017, 10.3., 18.3 ,31.3., 29.4 , 17.5., 9.6., 30.6. und am 1.7.2017

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Dienstag, 06 Dezember 2016 21:52

Engagierte Anteilnahme

Ziemlich beste Freunde - Der Filmerfolg auf der JT Bühne

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Montag, 24 Oktober 2016 13:33

Krieg – stell dir vor, er wäre hier

Ein dramatischer Blick auf Flüchtlingsschicksale am Jungen Theater

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Samstag, 16 April 2016 00:05

Die Freiheit im Traum und anderswo

Joseph von Eichendorffs Roman „Aus dem Leben eines Taugenichts“ als Koproduktion des Deutschen und des Jungen Theaters

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Dienstag, 02 Februar 2016 15:54

Ein grandioses Musikspektakel ohne Worte

„Money, Money, Money“ am Jungen Theater

Songtexte können viel erzählen von Stimmungen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Katastrophen. Manchmal sogar mehr, als es gesprochene Worte vermögen. Das Junge Theater lässt es darauf ankommen. In der Inszenierung von Milena Paulovics und den musikalischen Arrangements von Fred Kerkmann spricht einfach nur die Musik, ohne Dialoge und erklärende Zwischentext. Und das über ein Thema, das besonders viel Gesprächsstoff bietet: „Money, Money, Money“. Es geht um das Thema Geld, wie es unseren Alltag diktiert, unsere Vorstellungen von Glück, Erfolg, Sicherheit und Versagen All das steckt auch in den Songs, die das Schauspielteam auf der Bühne des Jungen Theaters in berührende Erzählungen verwandelt.

Die Kneipe ist natürlich ein idealer Treffpunkt, um die Songs in Szene zu setzen und mit ihnen die Figuren, die hier mit ihren Geschichten gestrandet sind. Der Geschäftsmann, der nach einem misslungenen Deal noch ausreichend Kohle hat, um damit um sich zu werfen, trifft auf den Zocker, der vom Automatenglück träumt. Hier driften Liebespaare auseinander, wenn sie ihre Zukunftspläne nach Gefühls- und Geldwerten aufrechnen. Nach weiteren Nebenjobs wird ebenso gehungert wie nach irgendeiner Idee, aus der Misere rauszukommen und sei es als Popstar. Wünsche und Bedürfnisse kollidieren hier auch musikalisch, selbst wenn es stilistisch keine Gemeinsamkeiten zwischen einem Gitte Schlager „Ich will alles“ und der „Metallica“ Ansage „Nothing else matters“ gibt.

Bei diesem musikalischen Roulette um mehr Kohle und weniger Frust sind die Stones ebenso am Start wie die Ärzte, Tracy Chapman  und die Ohrbooten.  Natürlich wird auch gegen kapitale Zwänge und Kaufrausch gemotzt und mit Ton, Steine, Scherben ein bisschen Politromantik heraufbeschworen, dass sich das System revolutionär unterwandern lässt. Dennoch wird in Rosis Bar weiterhin gezockt gesoffen, gejammert und gewütet, weil es nicht mehr so richtig vorwärts geht und auch Brechts Solidaritätslied Staub angesetzt hat. Das aber keineswegs musikalisch.

In den Arrangements von  Fred Kerkmann erfahren die Songs eine gedankliche Erdung, und die überträgt sich auch auf das Schauspielteam. So leidenschaftlich engagiert und ausdrucksstark erlebt man dieses JT-Ensemble selten. Es sind grandiose Bilder, die Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz,  Eva Schröer und Karsten Zinser hier gemeinsam stemmen. Mit dem großartigen Support von Rosis Palastorchester und dem musikalischen Bündnis um Gitarrist Fred Kerkmann, mit Steffen Ramswig an den Keyboards, Bassist Sebastian Strzys und Dummer Christian Villmann.

Die Stimmung auf der Bühne berührt und berauscht zwischen rockigem Aufruhr und Seufzerballaden und immer wieder auch mit kleinen ironischen Kontern. Dann wird das Ende der Welt wird besungen und das Zeitalter des Maschinenmenschen, der das klassische Humankapital ablöst, aber eben auch ein Rest von störrischem Widerstandsgeist. „Auf den Trümmern das Paradies“ heißt es im Untertitel des Musikspektakels, das der Losung „Money, Money, Money“ natürlich auch ein bisschen Aufbruchstimmung abtrotzen wollte. Auch dafür gab es am Ende standing ovations für das  JT-Team.

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Premiere im Jungen Theater: "Bezahlt wird nicht" von Dario Fo

Azzurro, mehr oder weniger pflichtbewusste Carabiniere, italienisch-manieriertes Hände-, nein Ganzkörpergeschlenker und ein Tempo, das nichts mit Gemütlichkeit zu tun hat, lassen die Premiere von Dario Fos Farce „Bezahlt wird nicht!“ am Abend des 10.12.2015 im Jungen Theater leider viel zu schnell verfliegen.

Die Wahrheit in allen Ehren, aber mit wahrheitsliebenderen Charakteren wäre die Geschichte um die beiden jungen Mailänder Paare bei weitem nicht so lustig. Vor allem die scheinbar nie ruhende Antonia hangelt sich von einer Notlüge in die nächste, und hält dieses Gebilde bravourös grotesk aufrecht, um immer noch eines draufzusetzen, gerade wenn der Zuschauer denkt, dass doch nun alles auffliegen muss. Dabei bedient sie sich hemmungslos des Papstes Meinung zur Pille, einer Scheinschwangerschaft ihrer Freundin Margherita mitsamt dramatisch-drohender Frühgeburt, der Verehrung suspekter Heiliger und allem, was ihr in dieser Spirale aus Absonderlichkeiten sonst noch in den Sinn kommt, und stürzt damit Margherita und die Männer der beiden Freundinnen in ein Chaos, das kaum noch auflösbar zu sein scheint. Dabei geht es ja nur darum, die Lebensmittel zu verstecken, die im Supermarkt des Viertels erbeutet wurden, nachdem die ohnehin schon nicht arbeiterfreundlichen Preise über Nacht drastisch erhöht wurden und die einkaufenden Frauen spontan entschieden, die Waren so zu bezahlen wie es ihnen gefiel. Also gar nicht. Einfacher wird dadurch rein gar nichts. Doch ungemein unterhaltsam.

Linda Elsner, die die schlagfertige, dem Anarchismus nicht abgeneigte Antonia spielt, trägt einen nicht unerheblichen Teil dazu bei. Mit weiten, comicfigurartigen und energischen Bewegungen erschafft sie einen italienischen Flair – oder das, was der Deutsche gern als solchen sieht – auf der Bühne. Eva Schröer füllt die in der Vorlage wesentlich ruhiger gezeichnete Margherita, die sich von Antonia selbst vom größten Schlamassel überzeugen lässt, trotzdem charismatisch aus. Gerrit Neuhaus und Peter Christoph Scholz zeigen enorme Wandlungsfähigkeit, um das ständige Auf und Ab der Gefühle und Meinungen, in das Giovanni und Luigi von ihren Frauen geschickt werden, zu transportieren – zusätzlich zu Giovannis Entwicklung vom rechtetreuen zum gerechtigkeitsfordernden Arbeiter. Vervollständigt wird das Provinztheater, in das nun einmal ein Schauspieler gehört, der mehrere Rollen - am besten gleichzeitig - spielt, von Jan Reinartz in vier Rollen, unter anderem als obrigkeitsmüder Polizist, der lieber den Kochlöffel schwingt als Wohnungen zu durchsuchen, und einen wunderbaren Possentanz mit den beiden Frauen bietet, die ihn als Bewusstlosen in einen Schrank zu verfrachten suchen. Alle gemeinsam legen eine immense Geschwindigkeit in Dialogen und Bewegungen sowie Klamaukfreude an den Tag, ohne allerdings je wirklich klamaukig zu werden.

Abgerundet wird die Inszenierung Christine Hofers von angenehm realistischem, unaufgeregtem Bühnenbild und Kostümen, die nicht ablenken und den Fokus dorthin lenken, wo er hingehört. Dazu die zwar nicht italienische, aber aus derselben Zeit wie das Stück stammende und thematisch wie die Faust aufs Auge passende Musik von Ton Steine Scherben, die sich wiederholend durch die gesamte Aufführung zieht.

Das Stück aus dem Jahr 1974 wurde mit nicht in den Vordergrund drängenden, doch immer wieder durchblitzenden aktuellen wirtschaftlich-politischen Themen behutsam modernisiert. Gedanken zur Relevanz derselben mag sich jeder selbst machen. Kassenpatienten, die ihr Bett Wochen im Voraus reservieren müssen, wollen sie nicht den Rest ihres Lebens im Rettungswagen durch die Stadt gondelnd verbringen und 92% Mehrwertsteuer sind verzweifelte Versionen, die zum Lachen reizen ob der grotesken Verzerrung, doch währenddessen bereits einen Realitätsvergleich anstoßen. Dabei ist das Stück, das in einem Mailänder Vorort spielt, wo auch Dario Fo in den siebziger Jahren lebte, sehr wohl aus realen Ereignissen und Zuständen heraus entstanden, wie nach Fallen des kapitalistischen Vorhanges erklärt wird. Nach der Uraufführung musste Fo sich allerdings vor Gericht verantworten bis das Verfahren eingestellt wurde. Zeit seines Lebens hat der inzwischen 89jährige, 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Theatermacher den Mächtigen mit seinen Satiren lachend die Fäuste vor den Nasen geschüttelt und dafür nicht nur einmal Strafen wie Zensur, Einreise- oder Radioverbote aussitzen müssen.

Ob und wie der Vorhang mit der güldenen Schrift „Capitalism must win“, der Beginn, Requisite und Ende darstellt, denn fällt, darf nun jeder, der ein bisschen neugierig geworden ist, selbst herausfinden; weitere Vorstellungen folgen am 15., 22. und 31. Dezember, am 5., 16. Januar sowie am 6. und 26. Februar.

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Sonntag, 01 November 2015 19:59

Das Schreien des jungen Werther(s)

Premiere im Jungen Theater

Dass Werther ein „tragischer Popstar seiner Zeit“ gewesen sei, lässt bereits die Webseite des Jungen Theaters verlauten. Und, ja, tragisch ist dann tatsächlich einiges an André Brückers quietschbunter Inszenierung, die am Donnerstag Premiere hatte.
Wenn Werther (Gerrit Neuhaus, im blauweißen Wolkenanzug mit gelbem Hemd) seine PA und eine verstimmte e-Gitarre auf einen schmalen, durch zwei sich gegenüberliegende Tribünen einsichtigen Streifen Kunstrasen schleppt, beschleichen den Zuschauer bereits wirre Vorahnungen. Wenig später trifft Werther dann auf Lotte (Linda Elsner), die des Weges läuft, unvermittelt fällt, und von Werther Alkohol zum Trost bekommt. Flirtende Hallo-Rufe, die Zuneigung auf den ersten Blick suggerieren sollen, folgen. Werther verliebt sich sofort, wird rasend – sie treffen sich wieder und wieder. Dann kommt Albert (Peter Christoph Scholz) nach Hause – Golfschläger, Smartphone etc. mit im Gepäck: Ein neureicher, angepasster Vertreter der Nichtkreativen. Merken Sie was? Ein paar genialische Einfälle und das Unheil nimmt seinen Lauf. Auf Englisch spricht man gern von sogenannten “stock characters“, wenn Figuren auf allgemein bekannte Stereotypen reduziert werden. Die gute Fee, der freundliche Hausmeister, oder aber – wie in diesem Fall – Werther, der gescheiterte Popstar, Albert, der golfende Juppie, und Lotte, die fesche Femme Fatale.

Es fragt sich, was genau die Motivation dafür war, Werther im himmelblauen Wolkenanzug durch die Geschichte tapsen zu lassen; warum Albert hier zum Schnöselkokser wird; weshalb das Stück halb als Komödie, halb als Tragödie gebracht wird; und warum sich ein possenhafter Regieeinfall an den nächsten reiht. Zugegeben: in sich sind diese Ideen oft schlüssig („Gib mir den Putter, damit ich einlochen kann“ - „viel Spaß bei deinem Lochspiel“), aber wo ist der Gesamtzusammenhang? Drei pubertierende Jungen auf einer der Publikumstribünen können sich an den Schlüsselstellen ihr Lachen nicht verkneifen. Allerdings nicht etwa, weil Goethes Text so merkwürdig klingt, sondern weil die Diskrepanzen zwischen Vorlage und Umsetzung kaum hätten größer sein können. Der verschmähte Rockstar, der sich vom Businessfutzi die Flinte zum Ehrentod ausleiht? Das Selfie und das gekonnt eingeflochtene Facebook-Like zur inneren Problematik einer verbotenen Liebe des 18. Jahrhunderts? Es fragt sich: Warum muss hier passend gemacht werden, was nicht passt? Insbesondere, weil Goethes Sprache in Astrid Kohlmeiers Bühnenfassung nahezu unverändert bleibt (...sieht man mal von der etwas verwunderlichen Hinzufügung des Genitiv-S' an den Stücktitel ab).

Die stimmigsten Momente des Abends sind eindeutig diejenigen, in denen sanfte Töne angeschlagen werden: Die, in denen Brückers Regie dem Text Goethes vertraut, ohne ihn durch Klamauk und Effekte zu verschleiern. Alle drei Darsteller zeigen hier äußerste Präzision und spielen auf höchstem Niveau. Dumm nur, dass Werther (Gerrit Neuhaus) als manisch-depressiver Trinker, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, in den ersten 70 Minuten meist schreiend seinen zarten Gefühlen Ausdruck verleihen muss. Die Facetten von Verzweiflung, Trauer, Wut und Missverständnis gehen so leider an vielen Stellen unter. Aber auch Lotte darf brüllen, oder zählend an den vorderen Reihen vorbeilaufen und Zuschauer ohrfeigen (sie ist eben eine femme fatale). Und, ja, dann wäre da noch die Alptraumszene: Werther wird von hüpfender-quiekender Lotte und brüllendem Albert, die mit Affenmasken um ihn herumtänzeln bös umschwirrt. Die Affenlaute durchschallen animalisch dröhnend die Trommelfelle der Zuschauer... und: Animalisch wird es auch, wenn Lotte und Albert später sogar noch wild kopulierend Werthers schmachtende, verzweifelte Abschiedsbriefe vorlesen – lautstark orgasmierend bei seiner Todesankündigung. Ja, die beiden werden richtig scharf, wenn sie den armen Werther quälen können.
Letztlich bleibt ein schales Gefühl zurück: Was hätte aus diesem Göttinger Werther werden können, wäre er nicht in einem Regen aus oft unpassendem Konfetti postmodernen Klamauks untergegangen? Schwer zu sagen: Zeit aus einem Glas Wein eine Bouteille werden zu lassen, denn dem Publikum schien's jedenfalls zu gefallen.

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JT-Premiere Katz und Maus

Der hässlich vernarbte Adamsapfel ist nicht der einzige Makel, über den seine Mitschüler herziehen. Irgendwie ist dieser Mahlke auch anders. Er möchte jemand anders sein in der Erzählung „Katz und Maus“ von Günter Grass, die Nico Dietrich am Jungen Theater in einer dramatisierten Fassung inszeniert hat.

Anders sein bedeutet, auch besser zu sein als die Gefährten, bei Flugzeug- und U-Boottypen souverän zu punkten, schneller zu Ziel zu kommen. All das, was dem eher schüchternen, wortkargen Joachim Mahlke schließlich gelingt, als er endlich Schwimmen lernt und  Tauchen und in einem Schiffswrack sein Abenteuerrefugium findet. Es ist eine sehr sportlich anmutende Welt, in der Mahlke, Pilenz, Hotten Sonntag, Winter und Esch sich gegenseitig anstacheln und hochschaukeln, bis wieder mal jemand die Puste ausgeht. Der  gepolsterten Kasten, die Bänke und die Absprungrampe, die die Turnabteilung des ASC Göttingen für das Bühnenbild von Christian Kiehl zur Verfügung stellte, sind klassische Turngeräte. Aber sie sind auch sehr vieldeutig in diesem Kräftemessen um Lebensentwürfe in  den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges, als im völkischen Beobachter noch die Erfolgsmeldungen auf dem Vormarsch waren. Der Kasten wird zur Kanzel, wenn sich Mahlke der Jungfrau Maria wie eine Schutzpatronin zuwendet und die anderen mit seinem ewigen  mater dolorosa nervt. Doch schon bald gehen neben dem Pfarrer auch Panzergeneräle auf dem sportlichen Podest in Stellung, um sich in der Schulaula mit ihren Abschussquoten zu brüsten. 

Um Arbeitsdienst und Rekrutierungskommandos machen sie die jungen Gymnasiasten eigentlich noch keinen Kopf,  wenn der Sportlehrer den nächsten Sprung anpfeift und das JT-Team mit Linda Elsner, Jan Reinatz, Peter Christoph Scholz, Eva Schröer und Karsten  Zinser an den Turngeräten weitere Fitnesspunkte verbucht.  Mahlke ist mal wieder erfolgreich auf Tauchstation, das beschäftigt sie mehr und dass sie ihn jetzt wirklich bewundern und trotzdem nicht verstehen. Auch dann nicht, wenn als er nach dem Diebstahl eines  Ritterkreuzes von der Schule fliegt und nun Karriere auf hoher See macht. Auch so einer, der jetzt mit Abschussquoten profilieren kann, nur nicht in seiner alten Schule. Dem Dieb militärischer Auszeichnungen wird der ersehnte heldenhafte Auftritt verweigert. Mahlke desertiert.

Auch dieses Kapitel aus dem Leben eines Außenseiters wird rückblickend betrachtet - und wie ihn sein vermeintlicher Freund Pilanz gelassen hat. Jan Reinartz nimmt erneut den Blick des Chronisten an, der als alter Mann noch etwas abzuarbeiten hat, das er nicht zu bewältigen vermag und dazu immer wieder nach Erinnerungen und ihrer Bedeutung greift.  Es ist eine Sammlung von Rückblenden zwischen all den Abenteuern und den Irritationen, aus denen die Schauspieler dann ihre vielstimmigen Nahaufnahmen entwickeln. Sie bilden die Clique unbeholfener und doch so lebenshungriger Gymnasiasten, sind dann in wechselnden Rollen als Pädagogen, Panzergeneräle und Jungbahnführer zu sehen, verwandeln sich in Priester, Flieger-Asse, eine verwirrte Mutter und eine illustre Mariengestalt, bis ein erneutes Platsch ertönt. Linda Elsner ist wieder hinter dem Kasten wieder abtaucht; mit allem, was ihren Mahlke umtreibt und schmerzt und trotzdem unberührbar machen soll, bis schließlich auch der Glaube an die heilige Schutzpatronin versagt.

Diese Atmosphäre der Unberührbarkeit prägt letztlich auch die Inszenierung, in der die Szenen die Wirkung von Filmbildern entwickeln, die sich mit spannenden Schnitten und auch geschickt überblendet aneinanderreihen. Die Erwachsenen reagieren typisch, ob sie nun als autoritäre Pädagogen gezeichnet sind oder als Ikonen einer rassistischen Vernichtungspolitik oder als teilnahmslose Beobachter. Das mag zum einen daran liegen, dass die Erzählung von Günter Grass auch in ihrer dramatisierten Fassung in Rückblenden erfolgt. Die Situationen werden eben aus der Distanz der Erinnerung vorgeführt, mit viel Action und viel Elan auch mit den Beschreibungen verwebt, was sich im Einzelnen wie abgespielt hat und wer daran alles beteiligt war: Ziemlich viele Typen und ziemlich viele Klischees wie die von eitlen Fliegerhelden oder gebieterischen Seelsorgern. Aber was das zum anderen mit den Jugendlichen macht und nicht nur mit Mahlke, der sich nicht einpassen und einnorden lässt wie die anderen und daran auch zu Grunde geht, beschränkt sich an diesem Abend auf viele gelungene Vorführeffekte.

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Samstag, 13 Juni 2015 17:03

Schauer-Performance mit Smartphone

E.T.A. Hoffmann Der Sandmann im Jungen Theater

Gruselromantik soll nicht aufkommen. Mit einer klaren Absage beginnt der Theaterabend, der sich auf Motive von E.T.A. Hoffmann und seine Erzählung Der Sandmann stützt: „This is not a fairy tale“. Auf der Bühne des Jungen Theaters formiert sich das Schauspielteam mit Linda Elsner, Eva Schroer, Peer Ripberger und Karsten Zinser zum Chor. Es wird kein Märchen zu sehen geben, verkünden sie. Stattdessen soll die Geschichte um einen kindlichen Alptraum und seine Folgen als Warnung verstanden werden.

Zum Fürchten mag dieser Sandmann ja sein, von dem es heißt, er streue Kindern Sand in die Augen wenn sie nicht einschlafen wollen, um ihnen dann die Augen auszureißen und sie im Kreise seiner Lieben genüsslich zu verspeisen. Aber die Warnung bezieht sich auf die Assoziationen, die Regisseur Per Ripberger mit diesem Alptraumbeschwörer verbindet. Überall lauern die Überwachungskameras und die Datensammler, die sich nicht nur an den sozialen Netzwerken bedienen sondern alle Online Kommunikationswege profitabel ausbeuten.

Die Befunde über die Strategien von Datenspionen und Profiteuren setzt Ripberger wie Kommentare zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung ein. Seine Inszenierung orientiert sich an den zentralen Passagen der Erzählung, die die Schauspieler immer wieder abrufen. Es ist die Geschichte des Studenten Nathanael, der in dem Wetterglashändler Coppola den Mann wieder zu erkennen glaubt, der ihn als Kind so entsetzte. Er wird von traumatischen Bildern mit blutenden Augen heimgesucht, sieht sein Leben von finsteren Mächten bedroht, verliebt sich in die Puppe Olympia und verliert dann endgültig den Bezug zur realen Welt.

Diese Alptraumfantasien spiegeln auch die Videos von Katarina Eckold mit den Collagen von Puppenkörpern und Köpfen und den maskenhaften Gesichtern, denen das Blut aus den leeren Augen tropft. Immer wieder werden Berge von Augen eingeblendet und ganz im Sinne von Hoffmanns Sandmann und seinen genießerischen Vorlieben wie Gebäck arrangiert.

Ripberger spitzt dieses Konzept einer Schauer-Performance noch ein bisschen zu, wenn er mit dem Kunstmärchen auf Datensammler, Spekulanten und Profiteure anspielt. Die Zuschauer sind aufgefordert, ihre Smartphones zu aktivieren und auf einer Sandmann-Homepepage ihre Kommentare zu diesem Abend zu hinterlassen. Auch die Selfies des Regisseurs können sie abrufen, was allerdings nicht ohne Folgen bleibt. Er macht drei User auf der Bühne nicht nur namentlich öffentlich sondern auch mit ihren privaten und biografischen Daten.  Manch einem vergeht vielleicht auch der Spaß an dieser Form von interaktivem Theater, wenn er sich von der Kamera an der Kasse des Jungen Theaters erfasst sieht und für die schaurige Prognose über Netzgewalten und Datenkontrollen vereinnahmt fühlt.

Auch mit der ungebremsten Sensationslust auf Netzneuigkeiten spekuliert der Abend und mit einer Fülle von Bildern bei denen vor allem die Wirkung zählt. Wenn die Schauspieler vor der Kamera ein Waterboarding Szenario nachspielen und einen Kuhkopf operieren, dessen Augen darf das besonders gruselig anmuten.

Die schöne neue Medienwelt lebt eben auch von Inszenierungen und von Schockeffekten, die in dieser Schauer Performance natürlich nicht fehlen dürfen. Es mag an diesem Abend auch um die Frage gehen, welche Bilder den Blick auf die Realität erhellen und welche davon eigentlich ablenken. Dazu liefert er ebenfalls jede Menge szenisches und visuelles Anschauungsmaterial. Schön schaurig wirkt das, aber eben doch sehr spekulativ in dieser Melange aus Hoffmanns Text und den soziologischen Befunden, mit deren Warnsignalen in dieser Performance mehr gespielt als reflektiert wird.

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