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Premiere der Känguru-Chroniken im Jungen Theater

„Muss man eigentlich die Texte kennen?“, fragte Sabine. „Es gibt so'ne und solche, und dann gibts noch ganz andre, aber det sind die Schlimmsten, wa?“ sagt das Känguru. Und Herta. („Meine Rede…“)

Im ausverkauften Göttinger Jungen Theater saßen zahlreiche eingefleischte Marc-Uwe-Kling-Fans, die die Texte nicht nur selbstverständlich alle kannten, sondern sie auch hätten mitsprechen können. Die Quote derjenigen, die die Texte kennen, lag sicher nahe 100%. Und das gilt vermutlich auch für die weiteren Vorstellungen, die alle bereits vor der Premiere ausverkauft waren. 4.000 Karten sind in Göttingen verkauft worden, bevor überhaupt jemand die Produktion gesehen hat. Das Junge Theater könnte vermutlich die Känguru-Chroniken ab sofort „en suite“ spielen – und wäre regelmäßig ausverkauft. Aber erstens sind vom Verlag nur 20 Vorstellungen genehmigt worden und zweitens gibt es ja noch andere Produktionen des Hauses.

Und – muss man nun die Texte kennen? Die Frage ist schnell beantwortet, denn sie lautet natürlich: Nein. Der Grund ist einfach: auf der Bühne werden viele der bestens bekannten Dialoge gesprochen. Und bei den Hörbuch-Originalen muss man natürlich die Texte auch nicht vor dem ersten Hören kennen.

Vor der Premiere fragte Susanne: „Jeder hat doch beim Hören seine eigenen Bilder vor dem inneren Auge. Muss eine Theaterfassung nicht schon deshalb scheitern? Scheitern, weil die Erwartungen enttäuscht werden müssen?“ „Lieber fünfmal nachgefragt, als einmal nachgedacht,“ sagt das Känguru. Oder war es Marc-Uwe? Egal.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass eine bloße Aneinanderreihung der Dialoge des Kängurus mit Marc-Uwe Kling keinen Theaterabend bildet. Es fehlen Dramaturgie und Regie. Weil genau daran schon einige Bühnen mit einer eigenen Bühnenfassung gescheitert sind, hat Marc-Uwe Kling selbst eine Version für das Theater geschrieben.

„Wir sind flexibel, belastbar, kreativ, innovativ, teamfähig, begeisterungsfähig und kreativ“, dachte sich Nico Dietrich, Intendant des Jungen Theaters, und beschloss, diese Fassung als eine der ersten Bühnen in Deutschland auf die Bühne zu bringen. Die Regie übernahm er gleich selbst. Für die Göttinger Produktion hat Marc-Uwe Kling sogar noch einige Texte exklusiv dazu geliefert.

Da der Autor bei seinen Lesungen auch eigene Lieder singt, war klar: in Göttingen werden ebenfalls Klings Lieder gesungen. Und damit ist Karsten Zinser die Idealbesetzung für die Rolle des Kleinkünstlers. Dieser bekommt den Auftrag, ein Theaterstück zu schreiben.
Das Känguru will aber auf gar keinen Fall durch die Republik ziehen und sich auf der Bühne zum Clown machen. Der Kleinkünstler meint dazu: „Das ist doch völlig egal. Wir stecken einfach irgendeinen bühnengeilen Idioten in ein dämliches Kostüm.“

Dieser bühnengeile Idiot ist Peter Christoph Scholz. Damit wurde ein ideales Paar gebildet, das die herrlichen Dialoge auf der Bühne darstellt. Scholz spielt nicht nur das Känguru – er IST 150 Minuten lang das Känguru. Er schnuppert mit der Nase, er spielt mit seinem Känguruschwanz. Und er hat natürlich einen Beutel. „Please put the Beutel on the band!“, wird das Känguru am Flughafen aufgefordert. „Das ist entwürdigend“, ruft Scholz alias Känguru eine Minute später vom Band – denn der Beutel ist natürlich angewachsen.

Die Gefahr, sketch-artig die Dialoge aus den Büchern bzw. den Hörbüchern nachzuspielen, ist allerdings latent immer da. Aber sobald diese Gefahr zu groß wird, greifen entweder Franziska Lather oder Marius Prill ein. Lather ist eigentlich Soufleuse und spoilert die Szenen schon vor Beginn. Das macht sie hervorragend – bei ihren szenischen Auftritten zum Beispiel als Herta in der Kneipe wird sie aber schnell überdreht. Dann droht die Situation eher in Richtung Sketchaufführung abzudriften. Marius Prill greift auch mitunter in die Szenen ein, indem er sie einfach mit seinem Gitarrenspiel abwürgt. Häufig gerade noch rechtzeitig. Apropos Musik: Prill, Scholz, Zinser und Lather bilden auch eine Band, die dem Publikum ganz schön was auf die Ohren gibt – von Nirwana zum Beipiel.

Die eingebaute Meta-Ebene vom Theatermachen und der Diskussion über die Szenen rettet letztlich den ganzen Abend und macht aus der Idee eine runde Sache. Nico Dietrich gelingt es, die Erwartungen der Fans zu erfüllen und gleichzeitig etwas Neues auf die Bühne zu bringen. Diese ist von Judith Mähler liebevoll ausgestattet. Warum ein Bild von Bud Spencer in der Wohnung von Marc-Uwe Kling hängt (mit Trauerflor), wissen nur Insider. („Das ist der klassische Bud-Spencer-Move. Einfach von oben mit der Faust auf den Kopp. Direkt auf die Zwölf.“)

Die Besucher haben ihre helle Freude. Vermutlich auch die, die die Texte noch nicht kennen. Aber das sind nicht viele. Dafür sind aber auffällig viele junge Menschen im Theater. Sogar Jugendliche – und das erkennbar freiwillig. Die Beschäftigung mit Karl Marx und seinem Manifest, den großen Philosophen und dem Vietkong scheint nicht abzuschrecken. Und die Lebensweisheiten des Kängurus sind ohnehin der Renner. Der Klassiker „Mein und Dein sind doch nur bürgerliche Kategorien“ fehlt natürlich nicht an diesem Abend. Am Ende wurde das Ensemble ausgiebig vom Publikum gefeiert. Das Känguru erhielt sogar eine Schachten Schnapspralinen!

Die Premierengäste ließen sich den anschließenden Sekt nicht entgehen: „Säufste - stirbste, säufste nicht, stirbste auch, also säufste!“, sagt das Känguru zu diesem Thema.

Die weiteren Vorstellungen in dieser Saison sind alle bereits ausverkauft. Da hilft es auch nicht, wenn man jemanden gefunden hat, der einem die Karten bezahlt. „Kannst du heute mal bezahlen?“, fragt das Känguru. „Heute?“, frage ich. „Mal?“, frage ich. „Ich muss immer bezahlen, weil du nie Geld mitnimmst.“

„Tja“, sagt das Känguru lächelnd. „So ist das in der Welt. Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Dafür aber die weiteren Vorstellungen in dieser und der nächsten Spielzeit sehr empfohlen.

Die nächsten Vorstellungen in dieser Spielzeit: 9.4., 13.4., 22.4., 24.4., 26.4., 8.5., 31.5.,0 1.6., 2.6.,0 12.6., 13.6., 14.6., 17.6. und 23.6.2017

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„Der größte Zwerg“ am Jungen Theater

Wer mag schon einen Buckligen spielen, der auch noch verkrümmt ist und offenbar ein Winzling. Das Ensemble des Jungen Theaters kabbelt sich erst mal um die Besetzung. Und schon dabei steht ihnen Georg Christoph Lichtenberg wortreich zur Seite. Es ist eben nicht alles so wie es scheint, und wie so oft macht subversives Nachfragen die Sache zwar nicht besser. Aber es bringt die Dinge auf den treffenden zwiespältigen Punkt. Und dann ist eben eine Kostprobe aus seinen Sudelbüchern fällig.

Ist es nicht unglaublich, dass diesem mickrigen Bündel, das nur noch eine Nottaufe erhielt, trotz des offenbar mickrigen väterlichen Spermas zum Universalgelehrten avancierte. Buckeln lassen hat er sich jedenfalls nicht, und von niemand das Maul verbieten. Egal ob es um gelehrige Wichtigtuer und ihre Konventionen, den Göttinger Biedersinn oder andere strapaziöse Alltäglichkeiten, die dieser ewig umtriebige Geist eben auch in seinen Sudelbüchern vermerkte.

Ein Sudelstück hatte Autor und Regisseur Peter Schanz für sein dramatisches Lichtenberg Portrait im Jungen Theater angekündigt und keinesfalls eine manierliche Biografie. Und so kam das Publikum zur Uraufführung seiner Inszenierung „Der größte Zwerg“ in den Genuss eines frechen und turbulent verspielten Panoptikums. Bloß keine honorige Eloge lautete die Devise für diesen Abend über das reiche, bewegende und schmerzhafte Leben von GCL, um ganz in seinem Sinne mit ihm und über ihn spötteln und so sein Leben in all den tragischen und komischen Verwerfungen in ein wildes Bühnenabenteuer verwandeln.

Peter Christoph Scholz schultert als erster den Buckel, um sich nun auch den Spekulationen und Sprüchen von Zeitchronisten über Göttingens berühmten Wissenschaftler und ewigen Querdenker auszusetzen. Seine wenig schmeichelhaften Kommentare über die viel gerühmte Gelehrsamkeit an der Georgia Augusta fanden schließlich nicht nur Zustimmung. „Steht ein bucklig Männlein da“ spötteln nun Linda Elsner, Agnes Giese, Franziska Lather, Jan Reinartz und Karsten Zinser im Chor. Auch sie bekommen in den nachfolgenden biografischen Kapiteln abwechselnd den Buckel geschultert, um sich auf diesen verkrümmten Körper einzulassen, den Lichtenberg selbst als Gefängnis für die Seele beschrieben hatte, um diesem Zustand so oft wie möglich geistreich oder wenigstens lakonisch zu trotzen.

Mit dem Titel „Buckel“ hat Schanz auch jedes Kapitel über Einsichten und Ansichten zum Leben des größten Zwergs überschrieben. Die Buckel widmen sich zunächst den profanen Seiten des Göttinger Lebens, das unter anderem einer Wurst Expertise unterzogen wird. Der „Welt-Öffner“ und der „Experimentator“ Lichtenberg kommen zur Sprache. Seiner Neugier und was ihn und literarisch beflügelte widmet sich das Kapitel „Aphorisiaka“, der „Liebhaber“ wird erkundet und auch der ewig gepeinigte Mensch mit der „Krankheit zum Tode“.

Der Experimentalphysiker, der sich auch an der Erfindung des Blitzableiters vergnügte - „ Wissenschaft soll und muss Krach machen“ lässt sich natürlich nicht von dem trinkfesten Zeitgenossen trennen, der an einer genüsslichen Saufkunde laborierte, auch weil er befand, dass der Alkohol Ideen und Falten geschmeidiger mache. So wenig wie sich der Englandreisende, der dort am liebsten gelebt hätte und vergeblich von Weltforschungsreisen träumte, von dem amourösen Flaneur trennen lässt, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden und der der Liebe seines Lebens die zärtlichsten Worte widmete. All diese bewegenden und auch widerspenstigen Skizzen, Szenen und Kommentare erkundet das JT-Ensemble an einer Galerie von Tischen im Theatersaal.

Lichtenberg hätte es sicherlich gefallen, dass sein querköpfiges, ideenreiches Leben wie auf einem Laufsteg zelebriert wird. Und dass es in der Fülle von Episoden, Einfällen und ihrer spielerischen Umsetzung mit stilisierten historischen Requisiten meist ziemlich turbulent zugeht. Vor allem, wenn dann sechs Buckelträger mit Kommentaren von und über Lichtenberg ein Chaos aus Sprüchen, Argumenten und Zitaten anrichten, dabei auch mal wild kreischen, übereinander herziehen und spielerisch ausufern.

Die Posse, der Schalk und die Lust zu Übertreiben ist immer mit im Spiel an diesem Abend über Göttingens „größten Zwerg“. Aber nach all dem Spektakel kommt es auch zu dieser berührenden Szene mit Franziska Lather, die die Arie „Cara Sposa“ aus Händels Oper „Rinaldo“ singt, begleitet von Peter Christoph Scholz an der Violine. Der Lichtenberg, der die Londoner Uraufführung erlebt hatte, windet sich jetzt auf dem Tisch von Schmerzen gepeinigt und in entsetzlicher Atemnot. Aber was wäre ein Abend über diesen Experten für unheilbare menschliche Schwächen, wenn daraufhin nicht noch ein Abstecher in seinen Fundus an klugen und weitsichtigen Erkenntnissen folgte. Ein paar Aphorismen haben die sechs Buckligen noch auf Lager. Und den liebsten Lichtenbergspruch ihres Regisseurs lassen sie dann auch auf kleinen bedruckten Blättern über die Zuschauer regnen. Der „größte Zwerg“ will einfach keine Ruhe geben, erst recht nicht im Jahr seines 250. Geburtstages. Auch nicht mit den Worten „Lerne den Menschen kennen und waffne Dich mit Mut, zum Vorteil Deines Nebenmenschen die Wahrheit zu reden.“

Die nächsten Aufführungstermine von "Der größte Zwerg" sind am 4.3.2017, 10.3., 18.3 ,31.3., 29.4 , 17.5., 9.6., 30.6. und am 1.7.2017

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Dienstag, 06 Dezember 2016 21:52

Engagierte Anteilnahme

Ziemlich beste Freunde - Der Filmerfolg auf der JT Bühne

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Montag, 24 Oktober 2016 13:33

Krieg – stell dir vor, er wäre hier

Ein dramatischer Blick auf Flüchtlingsschicksale am Jungen Theater

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Samstag, 23 April 2016 21:16

Wo bleibt der Widerstand?

„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ am Jungen Theater.

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Dienstag, 02 Februar 2016 15:54

Ein grandioses Musikspektakel ohne Worte

„Money, Money, Money“ am Jungen Theater

Songtexte können viel erzählen von Stimmungen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Katastrophen. Manchmal sogar mehr, als es gesprochene Worte vermögen. Das Junge Theater lässt es darauf ankommen. In der Inszenierung von Milena Paulovics und den musikalischen Arrangements von Fred Kerkmann spricht einfach nur die Musik, ohne Dialoge und erklärende Zwischentext. Und das über ein Thema, das besonders viel Gesprächsstoff bietet: „Money, Money, Money“. Es geht um das Thema Geld, wie es unseren Alltag diktiert, unsere Vorstellungen von Glück, Erfolg, Sicherheit und Versagen All das steckt auch in den Songs, die das Schauspielteam auf der Bühne des Jungen Theaters in berührende Erzählungen verwandelt.

Die Kneipe ist natürlich ein idealer Treffpunkt, um die Songs in Szene zu setzen und mit ihnen die Figuren, die hier mit ihren Geschichten gestrandet sind. Der Geschäftsmann, der nach einem misslungenen Deal noch ausreichend Kohle hat, um damit um sich zu werfen, trifft auf den Zocker, der vom Automatenglück träumt. Hier driften Liebespaare auseinander, wenn sie ihre Zukunftspläne nach Gefühls- und Geldwerten aufrechnen. Nach weiteren Nebenjobs wird ebenso gehungert wie nach irgendeiner Idee, aus der Misere rauszukommen und sei es als Popstar. Wünsche und Bedürfnisse kollidieren hier auch musikalisch, selbst wenn es stilistisch keine Gemeinsamkeiten zwischen einem Gitte Schlager „Ich will alles“ und der „Metallica“ Ansage „Nothing else matters“ gibt.

Bei diesem musikalischen Roulette um mehr Kohle und weniger Frust sind die Stones ebenso am Start wie die Ärzte, Tracy Chapman  und die Ohrbooten.  Natürlich wird auch gegen kapitale Zwänge und Kaufrausch gemotzt und mit Ton, Steine, Scherben ein bisschen Politromantik heraufbeschworen, dass sich das System revolutionär unterwandern lässt. Dennoch wird in Rosis Bar weiterhin gezockt gesoffen, gejammert und gewütet, weil es nicht mehr so richtig vorwärts geht und auch Brechts Solidaritätslied Staub angesetzt hat. Das aber keineswegs musikalisch.

In den Arrangements von  Fred Kerkmann erfahren die Songs eine gedankliche Erdung, und die überträgt sich auch auf das Schauspielteam. So leidenschaftlich engagiert und ausdrucksstark erlebt man dieses JT-Ensemble selten. Es sind grandiose Bilder, die Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz,  Eva Schröer und Karsten Zinser hier gemeinsam stemmen. Mit dem großartigen Support von Rosis Palastorchester und dem musikalischen Bündnis um Gitarrist Fred Kerkmann, mit Steffen Ramswig an den Keyboards, Bassist Sebastian Strzys und Dummer Christian Villmann.

Die Stimmung auf der Bühne berührt und berauscht zwischen rockigem Aufruhr und Seufzerballaden und immer wieder auch mit kleinen ironischen Kontern. Dann wird das Ende der Welt wird besungen und das Zeitalter des Maschinenmenschen, der das klassische Humankapital ablöst, aber eben auch ein Rest von störrischem Widerstandsgeist. „Auf den Trümmern das Paradies“ heißt es im Untertitel des Musikspektakels, das der Losung „Money, Money, Money“ natürlich auch ein bisschen Aufbruchstimmung abtrotzen wollte. Auch dafür gab es am Ende standing ovations für das  JT-Team.

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Sonntag, 01 November 2015 19:59

Das Schreien des jungen Werther(s)

Premiere im Jungen Theater

Dass Werther ein „tragischer Popstar seiner Zeit“ gewesen sei, lässt bereits die Webseite des Jungen Theaters verlauten. Und, ja, tragisch ist dann tatsächlich einiges an André Brückers quietschbunter Inszenierung, die am Donnerstag Premiere hatte.
Wenn Werther (Gerrit Neuhaus, im blauweißen Wolkenanzug mit gelbem Hemd) seine PA und eine verstimmte e-Gitarre auf einen schmalen, durch zwei sich gegenüberliegende Tribünen einsichtigen Streifen Kunstrasen schleppt, beschleichen den Zuschauer bereits wirre Vorahnungen. Wenig später trifft Werther dann auf Lotte (Linda Elsner), die des Weges läuft, unvermittelt fällt, und von Werther Alkohol zum Trost bekommt. Flirtende Hallo-Rufe, die Zuneigung auf den ersten Blick suggerieren sollen, folgen. Werther verliebt sich sofort, wird rasend – sie treffen sich wieder und wieder. Dann kommt Albert (Peter Christoph Scholz) nach Hause – Golfschläger, Smartphone etc. mit im Gepäck: Ein neureicher, angepasster Vertreter der Nichtkreativen. Merken Sie was? Ein paar genialische Einfälle und das Unheil nimmt seinen Lauf. Auf Englisch spricht man gern von sogenannten “stock characters“, wenn Figuren auf allgemein bekannte Stereotypen reduziert werden. Die gute Fee, der freundliche Hausmeister, oder aber – wie in diesem Fall – Werther, der gescheiterte Popstar, Albert, der golfende Juppie, und Lotte, die fesche Femme Fatale.

Es fragt sich, was genau die Motivation dafür war, Werther im himmelblauen Wolkenanzug durch die Geschichte tapsen zu lassen; warum Albert hier zum Schnöselkokser wird; weshalb das Stück halb als Komödie, halb als Tragödie gebracht wird; und warum sich ein possenhafter Regieeinfall an den nächsten reiht. Zugegeben: in sich sind diese Ideen oft schlüssig („Gib mir den Putter, damit ich einlochen kann“ - „viel Spaß bei deinem Lochspiel“), aber wo ist der Gesamtzusammenhang? Drei pubertierende Jungen auf einer der Publikumstribünen können sich an den Schlüsselstellen ihr Lachen nicht verkneifen. Allerdings nicht etwa, weil Goethes Text so merkwürdig klingt, sondern weil die Diskrepanzen zwischen Vorlage und Umsetzung kaum hätten größer sein können. Der verschmähte Rockstar, der sich vom Businessfutzi die Flinte zum Ehrentod ausleiht? Das Selfie und das gekonnt eingeflochtene Facebook-Like zur inneren Problematik einer verbotenen Liebe des 18. Jahrhunderts? Es fragt sich: Warum muss hier passend gemacht werden, was nicht passt? Insbesondere, weil Goethes Sprache in Astrid Kohlmeiers Bühnenfassung nahezu unverändert bleibt (...sieht man mal von der etwas verwunderlichen Hinzufügung des Genitiv-S' an den Stücktitel ab).

Die stimmigsten Momente des Abends sind eindeutig diejenigen, in denen sanfte Töne angeschlagen werden: Die, in denen Brückers Regie dem Text Goethes vertraut, ohne ihn durch Klamauk und Effekte zu verschleiern. Alle drei Darsteller zeigen hier äußerste Präzision und spielen auf höchstem Niveau. Dumm nur, dass Werther (Gerrit Neuhaus) als manisch-depressiver Trinker, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, in den ersten 70 Minuten meist schreiend seinen zarten Gefühlen Ausdruck verleihen muss. Die Facetten von Verzweiflung, Trauer, Wut und Missverständnis gehen so leider an vielen Stellen unter. Aber auch Lotte darf brüllen, oder zählend an den vorderen Reihen vorbeilaufen und Zuschauer ohrfeigen (sie ist eben eine femme fatale). Und, ja, dann wäre da noch die Alptraumszene: Werther wird von hüpfender-quiekender Lotte und brüllendem Albert, die mit Affenmasken um ihn herumtänzeln bös umschwirrt. Die Affenlaute durchschallen animalisch dröhnend die Trommelfelle der Zuschauer... und: Animalisch wird es auch, wenn Lotte und Albert später sogar noch wild kopulierend Werthers schmachtende, verzweifelte Abschiedsbriefe vorlesen – lautstark orgasmierend bei seiner Todesankündigung. Ja, die beiden werden richtig scharf, wenn sie den armen Werther quälen können.
Letztlich bleibt ein schales Gefühl zurück: Was hätte aus diesem Göttinger Werther werden können, wäre er nicht in einem Regen aus oft unpassendem Konfetti postmodernen Klamauks untergegangen? Schwer zu sagen: Zeit aus einem Glas Wein eine Bouteille werden zu lassen, denn dem Publikum schien's jedenfalls zu gefallen.

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JT-Premiere Katz und Maus

Der hässlich vernarbte Adamsapfel ist nicht der einzige Makel, über den seine Mitschüler herziehen. Irgendwie ist dieser Mahlke auch anders. Er möchte jemand anders sein in der Erzählung „Katz und Maus“ von Günter Grass, die Nico Dietrich am Jungen Theater in einer dramatisierten Fassung inszeniert hat.

Anders sein bedeutet, auch besser zu sein als die Gefährten, bei Flugzeug- und U-Boottypen souverän zu punkten, schneller zu Ziel zu kommen. All das, was dem eher schüchternen, wortkargen Joachim Mahlke schließlich gelingt, als er endlich Schwimmen lernt und  Tauchen und in einem Schiffswrack sein Abenteuerrefugium findet. Es ist eine sehr sportlich anmutende Welt, in der Mahlke, Pilenz, Hotten Sonntag, Winter und Esch sich gegenseitig anstacheln und hochschaukeln, bis wieder mal jemand die Puste ausgeht. Der  gepolsterten Kasten, die Bänke und die Absprungrampe, die die Turnabteilung des ASC Göttingen für das Bühnenbild von Christian Kiehl zur Verfügung stellte, sind klassische Turngeräte. Aber sie sind auch sehr vieldeutig in diesem Kräftemessen um Lebensentwürfe in  den ersten Jahren des zweiten Weltkrieges, als im völkischen Beobachter noch die Erfolgsmeldungen auf dem Vormarsch waren. Der Kasten wird zur Kanzel, wenn sich Mahlke der Jungfrau Maria wie eine Schutzpatronin zuwendet und die anderen mit seinem ewigen  mater dolorosa nervt. Doch schon bald gehen neben dem Pfarrer auch Panzergeneräle auf dem sportlichen Podest in Stellung, um sich in der Schulaula mit ihren Abschussquoten zu brüsten. 

Um Arbeitsdienst und Rekrutierungskommandos machen sie die jungen Gymnasiasten eigentlich noch keinen Kopf,  wenn der Sportlehrer den nächsten Sprung anpfeift und das JT-Team mit Linda Elsner, Jan Reinatz, Peter Christoph Scholz, Eva Schröer und Karsten  Zinser an den Turngeräten weitere Fitnesspunkte verbucht.  Mahlke ist mal wieder erfolgreich auf Tauchstation, das beschäftigt sie mehr und dass sie ihn jetzt wirklich bewundern und trotzdem nicht verstehen. Auch dann nicht, wenn als er nach dem Diebstahl eines  Ritterkreuzes von der Schule fliegt und nun Karriere auf hoher See macht. Auch so einer, der jetzt mit Abschussquoten profilieren kann, nur nicht in seiner alten Schule. Dem Dieb militärischer Auszeichnungen wird der ersehnte heldenhafte Auftritt verweigert. Mahlke desertiert.

Auch dieses Kapitel aus dem Leben eines Außenseiters wird rückblickend betrachtet - und wie ihn sein vermeintlicher Freund Pilanz gelassen hat. Jan Reinartz nimmt erneut den Blick des Chronisten an, der als alter Mann noch etwas abzuarbeiten hat, das er nicht zu bewältigen vermag und dazu immer wieder nach Erinnerungen und ihrer Bedeutung greift.  Es ist eine Sammlung von Rückblenden zwischen all den Abenteuern und den Irritationen, aus denen die Schauspieler dann ihre vielstimmigen Nahaufnahmen entwickeln. Sie bilden die Clique unbeholfener und doch so lebenshungriger Gymnasiasten, sind dann in wechselnden Rollen als Pädagogen, Panzergeneräle und Jungbahnführer zu sehen, verwandeln sich in Priester, Flieger-Asse, eine verwirrte Mutter und eine illustre Mariengestalt, bis ein erneutes Platsch ertönt. Linda Elsner ist wieder hinter dem Kasten wieder abtaucht; mit allem, was ihren Mahlke umtreibt und schmerzt und trotzdem unberührbar machen soll, bis schließlich auch der Glaube an die heilige Schutzpatronin versagt.

Diese Atmosphäre der Unberührbarkeit prägt letztlich auch die Inszenierung, in der die Szenen die Wirkung von Filmbildern entwickeln, die sich mit spannenden Schnitten und auch geschickt überblendet aneinanderreihen. Die Erwachsenen reagieren typisch, ob sie nun als autoritäre Pädagogen gezeichnet sind oder als Ikonen einer rassistischen Vernichtungspolitik oder als teilnahmslose Beobachter. Das mag zum einen daran liegen, dass die Erzählung von Günter Grass auch in ihrer dramatisierten Fassung in Rückblenden erfolgt. Die Situationen werden eben aus der Distanz der Erinnerung vorgeführt, mit viel Action und viel Elan auch mit den Beschreibungen verwebt, was sich im Einzelnen wie abgespielt hat und wer daran alles beteiligt war: Ziemlich viele Typen und ziemlich viele Klischees wie die von eitlen Fliegerhelden oder gebieterischen Seelsorgern. Aber was das zum anderen mit den Jugendlichen macht und nicht nur mit Mahlke, der sich nicht einpassen und einnorden lässt wie die anderen und daran auch zu Grunde geht, beschränkt sich an diesem Abend auf viele gelungene Vorführeffekte.

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Samstag, 13 Juni 2015 17:03

Schauer-Performance mit Smartphone

E.T.A. Hoffmann Der Sandmann im Jungen Theater

Gruselromantik soll nicht aufkommen. Mit einer klaren Absage beginnt der Theaterabend, der sich auf Motive von E.T.A. Hoffmann und seine Erzählung Der Sandmann stützt: „This is not a fairy tale“. Auf der Bühne des Jungen Theaters formiert sich das Schauspielteam mit Linda Elsner, Eva Schroer, Peer Ripberger und Karsten Zinser zum Chor. Es wird kein Märchen zu sehen geben, verkünden sie. Stattdessen soll die Geschichte um einen kindlichen Alptraum und seine Folgen als Warnung verstanden werden.

Zum Fürchten mag dieser Sandmann ja sein, von dem es heißt, er streue Kindern Sand in die Augen wenn sie nicht einschlafen wollen, um ihnen dann die Augen auszureißen und sie im Kreise seiner Lieben genüsslich zu verspeisen. Aber die Warnung bezieht sich auf die Assoziationen, die Regisseur Per Ripberger mit diesem Alptraumbeschwörer verbindet. Überall lauern die Überwachungskameras und die Datensammler, die sich nicht nur an den sozialen Netzwerken bedienen sondern alle Online Kommunikationswege profitabel ausbeuten.

Die Befunde über die Strategien von Datenspionen und Profiteuren setzt Ripberger wie Kommentare zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung ein. Seine Inszenierung orientiert sich an den zentralen Passagen der Erzählung, die die Schauspieler immer wieder abrufen. Es ist die Geschichte des Studenten Nathanael, der in dem Wetterglashändler Coppola den Mann wieder zu erkennen glaubt, der ihn als Kind so entsetzte. Er wird von traumatischen Bildern mit blutenden Augen heimgesucht, sieht sein Leben von finsteren Mächten bedroht, verliebt sich in die Puppe Olympia und verliert dann endgültig den Bezug zur realen Welt.

Diese Alptraumfantasien spiegeln auch die Videos von Katarina Eckold mit den Collagen von Puppenkörpern und Köpfen und den maskenhaften Gesichtern, denen das Blut aus den leeren Augen tropft. Immer wieder werden Berge von Augen eingeblendet und ganz im Sinne von Hoffmanns Sandmann und seinen genießerischen Vorlieben wie Gebäck arrangiert.

Ripberger spitzt dieses Konzept einer Schauer-Performance noch ein bisschen zu, wenn er mit dem Kunstmärchen auf Datensammler, Spekulanten und Profiteure anspielt. Die Zuschauer sind aufgefordert, ihre Smartphones zu aktivieren und auf einer Sandmann-Homepepage ihre Kommentare zu diesem Abend zu hinterlassen. Auch die Selfies des Regisseurs können sie abrufen, was allerdings nicht ohne Folgen bleibt. Er macht drei User auf der Bühne nicht nur namentlich öffentlich sondern auch mit ihren privaten und biografischen Daten.  Manch einem vergeht vielleicht auch der Spaß an dieser Form von interaktivem Theater, wenn er sich von der Kamera an der Kasse des Jungen Theaters erfasst sieht und für die schaurige Prognose über Netzgewalten und Datenkontrollen vereinnahmt fühlt.

Auch mit der ungebremsten Sensationslust auf Netzneuigkeiten spekuliert der Abend und mit einer Fülle von Bildern bei denen vor allem die Wirkung zählt. Wenn die Schauspieler vor der Kamera ein Waterboarding Szenario nachspielen und einen Kuhkopf operieren, dessen Augen darf das besonders gruselig anmuten.

Die schöne neue Medienwelt lebt eben auch von Inszenierungen und von Schockeffekten, die in dieser Schauer Performance natürlich nicht fehlen dürfen. Es mag an diesem Abend auch um die Frage gehen, welche Bilder den Blick auf die Realität erhellen und welche davon eigentlich ablenken. Dazu liefert er ebenfalls jede Menge szenisches und visuelles Anschauungsmaterial. Schön schaurig wirkt das, aber eben doch sehr spekulativ in dieser Melange aus Hoffmanns Text und den soziologischen Befunden, mit deren Warnsignalen in dieser Performance mehr gespielt als reflektiert wird.

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Montag, 04 Mai 2015 12:48

Es geht – und wie!

Nathan der Weise im Jungen Theater

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Die Auflistung der Rollen im Stück übersteigt die Anzahl der Ensemblemitglieder deutlich: Zehn Personen werden aufgeführt, „nebst verschiednen Mamelucken des Saladin“. Dazu kommen noch etliche Bühnenbilder für die fünf Aufzüge und zahlreichen verschiedenen Szenen in den gut drei Stunden erforderlich sind, die der Originaltext vorschreibt.

Als Intendant Nico Dietrich und Regisseur dieses Stückes Tobias Sosinka vor einiger Zeit ankündigten, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, lautete auch wegen der Größe des Stückes die Frage: wie viel Lessing dürfen wir denn erwarten? Die Antwort blieb damals offen.

Dass das Team des Jungen Theaters sich entschieden hat, das Stück weitgehend unangetastet zu lassen, darf, ja muss ihm sehr hoch angerechnet werden. Der Originaltext des großen Dichters der Aufklärung konnte so die Aufführung tragen. Sosinka ließ der Sprache großen Raum, kurze Toneinspielungen waren angenehm zurückhaltend.

Ein paar Rollen wurden gestrichen, das Werk dadurch auf etwas gekürzt. So fehlen der Derwisch und der Emir. Und für die Rolle des Patriarchen hat sich Sosinka zu einem Kunstgriff entschieden: die Rolle wird gleich von mehreren Personen dargestellt.

Doch der Reihe nach:

Auf das Bühnenbild wird weitgehend verzichtet. Das Publikum sieht schon vor Vorstellungsbeginn eine leere Bühne. An den Seiten stehen verschiedene Kisten, die nach und nach zum Vorschein kommen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dadurch und durch die faszinierenden Lichteffekte wirkt die Bühne abwechslungsreich. Und da das gesamte Theaterpersonal in dieser Inszenierung stark eingebunden ist, dürfen die Akteure die Dekoration selber aufbauen – und auch wieder aufräumen.

Nathan kommt von einer Reise zurück – da sind gleich einige Kisten als Gepäckstücke dabei. Man lernt die Hauptperson des Abends sogleich als Sympathieträger kennen: offen, optimistisch, erfolgreich, umtriebig – eine positive Eigenschaft reiht sich im Laufe des Abend an die andere. Das wirkt vor allem durch die Verkörperung durch Jan Reinartz glaubwürdig. Reinartz IST Nathan. Dazu gehört nicht nur die Deklamation des Textes. Beinahe die stärkste Szene mit ihm ist die ohne Worte: kurz vor der Pause wird ihm von Saladin die entscheidende Frage gestellt, welche Religion denn die wirklich wahre sei. Nach der Pause soll die berühmte Ringparabel folgen. Aber Nathan bereitet dies noch vor: sieben Steine verkörpern (wie wir später erfahren) seine sieben ermordeten Söhne. Diese Steine werden von ihm drapiert. Immer wieder umgesetzt. Wie in einem Hütchenspiel (wo ist denn nun die wahre Religion drunter?). Und endlich liegen sie richtig – nur so kann das berühmte Märchen vom Vater, seinen Söhnen und den drei gleichen Ringen erzählt werden. Regie, Ausstattung, Dramaturgie und Licht haben in dieser Szene, die es bei Lessing ja gar nicht gibt, gemeinsam Großartiges geleistet.
Eva Schröer ist als Recha die junge, leicht beeinflussbare Tochter des Juden Nathan. Beeinflusst wird sie unter anderem durch ihre Ziehmutter Daja – einer Christin. Von Agnes Giese sind im Laufe ihrer vielen Jahre am Jungen Theater schon unglaublich viele Charaktere zu sehen gewesen. Und auch hier überzeugt Giese als intrigante Christin. Damit auch niemand versehentlich diese Figur lieben kann, wurde sie vielleicht eine Spur zu lächerlich kostümiert.

Ali Berber ist der Anlass der zahlreichen Verwicklungen: der Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, verrät Nathan beim Patriarchen und ist am Ende der Schlüssel für die Schlussaussage Lessings: alle Religionen sind verwandt und bilden eine Familie. Berber überzeugt als ungeduldiger, junger Mann. Seine Artikulation dürfte jedoch gerne noch etwas verbessert werden. Es würde schlicht der Verständlichkeit der Worte dienen.

Götz Lautenbach war schon häufiger Gast im Jungen Theater, auch in der Regie. Als Klosterbruder ist er beim „Nathan“ dabei. Wunderbar, wie er diesen aufrechten, ehrlichen Bruder spielt und seinen Beitrag zur Aufklärung der Verwicklungen leistet.

Karsten Zinser als muslimischer Herrscher in Jerusalem ist großmütig, mild und gerecht. Vielleicht ist Zinser ein wenig zu jung für diese Rolle. Ganz bestimmt ist er das als Onkel Rechas und des Tempelherren. Er macht diesen kleinen Malus wett durch die Sympathiewerte, die er im Laufe des Abends erringt. Begünstigt wird das durch die kluge und gewitzte Schwester Sittah, ganz wunderbar und sehr sportlich dargestellt von Linda Elsner.

Diese durfte zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen den Patriarchen mimen. Gemeinsam zogen sie singend („Dies ira, dies illa, solvet saeclum in favilla“ – der mittelalterliche Hymnus vom Jüngsten Gericht) auf die Bühne. Unbarmherzig und dogmatisch verurteilen sie alle Andersgläubigen. Und vor allem den Juden Nathan, der eine Christin als Jüdin aufzieht.

Auch diese Szene ist ganz hervorragend gelungen. Es ist nur in der heutigen Zeit kaum verständlich, warum die Muslimen mit Waffen (in Bild und Ton) auftreten müssen. Das lenkt die hochaktuelle Frage, wie denn diese drei Religionen miteinander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten, in eine etwas einseitige Richtung. Dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, hat Lessing in seinem Werk deutlich gemacht.

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Es geht – und wie! Das fand auch das Premierenpublikum, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler kaum von der Bühne lassen wollte.

 

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