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Dienstag, 21 März 2017 17:10

Eigernordwand mit Saiten

Aula am Wilhelmsplatz: Dover Quartet mit Beethoven, Barber und Mozart

Blick von Nikolausberg nach Süden – die Gleichen sind zu sehen; die Stadt liegt direkt vor einem hingegossen; zartes Grün durchzieht den Leinegraben und weiter flussabwärts stünde: Die Eigernordwand.

So (oder ähnlich) mag es derjenigen ergehen, welche die Große Fuge zum ersten Mal hört. Keine falsche Helden-/Werkverehrung. Und auch keine echte. Aber wahrlich, es ist ein Ton-Trumm, den der gute Ludwig van Beethoven 1825/1826 aufgeschichtet hat.

Gut besucht ist die Aula am Wilhelmsplatz auch beim vorletzten Konzert der Saison. Eine strenge Türkontrolle hätte das Programm allerdings kaum hereingelassen – die drei Originalkompositionen für Streichquartett haben schließlich mit dem Saisonmotto „Zauberhafte Arrangements“ herzlich wenig zu tun. Des Publikums Schaden war es nicht.

Die zarte Platzregie der Kammermusikgesellschaft verschafft dem Rezensenten die (sehr angenehme) Möglichkeit, im Laufe der Zeit beinahe jeden Sitzplatz in der Aula akustisch kennenzulernen. Empore, letzte Reihe, Mitte: für Streichquartette in diesem Saal ein beinahe perfekter Platz. Trotz der großen Distanz zum Podium sind selbst allerleiseste Passagen (mit denen das Dover Quartet gottlob nicht spart) sehr gut zu vernehmen. Das Klangideal von Milena Pajaro-van de Stadt an der Bratsche und ihren drei männlichen Kollegen (Joel Link und Bryan Lee an der Violine sowie Camden Shaw am Violoncello) ist hörbar ein sehr homogenes. Phrasierung, Artikulation, Vibrato sind ungewöhnlich stark einander angeglichen, so dass ein Hervortreten aus dem Ensembleklang einem Instrument wirklich nur „gelingt“, wenn die Komposition es vorschreibt. Sowohl bei Mozarts Quartett F-Dur KV 590 als auch bei Samuel Barbers Streichquartett op. 11 (1936) nutzen sie diese Klangvorstellung, um gleichzeitig eine sehr kontrollierte, fast sittsame Interpretation zu liefern. Diese kostet die emotionalen Extrema wohl aus – aber nie bis ins Letzte. Sie lässt freundlich-sprudelnde Notenketten sehr virtuos durch den Raum fliegen – aber nie von der Leine.

Das ist stimmig. Besonders Barbers zweiter Streichquartettsatz – später als „Adagio für Streicher“ berühmt geworden – profitiert davon ungemein. Dementsprechend lautstark dankt das Publikum bereits zur Konzerthälfte.

Zwischen 1824 und 1826 schrieb Beethoven die letzten fünf seiner insgesamt 16 Streichquartette. Jenes in B-Dur op. 130 mit seinen sechs Sätzen erklingt heute Abend mit seinem ursprünglichen Finale, der Großen Fuge. Ursprünglich, denn Beethoven komponierte auf Drängen seines Verlegers eines neues Finale. Warum? Die vorherigen Sätze fanden teils Anklang bei der Uraufführung - wie die Fuge ankam, mag ein Zitat aus der „Allgemeine Musikalische Zeitung“ verdeutlichen: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch.“

Spielt ein Ensemble nun das Quartett op. 130, ist die entscheidende Frage vor dem Einstudieren: mit oder ohne? Heute beantwortet man sie, ziemlich sicher im Sinne des Komponisten, wie das Dover Quartet, d.h. mit Fuge. Wer so kundig, großartig spielend auftritt, wie die Vier an diesem Abend, wird auch das Folgende mit Bedacht und Absicht gewählt haben: die ersten fünf Sätze verbleiben – nun natürlich Beethoven wiedergebend – in jener klassisch-gesitteten Ausdruckswelt der ersten Programmhälfte. Sobald die Fuge beginnt, eröffnet sich schlagartig jedoch ein neuer Ausdrucksraum. Die Akzente hauen in die Aula; die Bandbreite der Lautstärke erhält an beiden Enden neue Bereiche etc.

Das ist erfreulich – aber leider für uns schwer nachvollziehbar, warum es diesen Bruch gibt. Das Außergewöhnliche der Fuge braucht nicht extra betont zu werden. Im Gegenteil hätten wir uns bereits das ganze Quartett mit dem Mut der Fuge gewünscht. - Was keinesfalls heißen soll, dass die Interpretation irgendwelche Mängel oder Fehler aufgewiesen hätte!

Das Verschmelzen der vielen Takt- und Tempowechsel im ersten Satz gelingt grandios. Das wehmütige zweite Thema im Cello so traumschön, dass man auf das strahlende Ende der Coda hofft. Das strahlt auch; doch mit jener Zurückhaltung, der es hier besser(?) gemangelt hätte. Die Cavatina, der fünfte Satz, funkelt in der Lesart des Quartetts vielleicht am intensivsten. Hier verleiht die Noblesse der Darbietung dem Sehnsüchtigen der Melodie noch größeren Nachdruck. Der koboldhafte zweite Satz ist in der Lautstärkedisposition vorzüglich angelegt, doch das Exaltierte, Bedrohliche in den Begleitstimmen, wenn sie die erste Geige beinahe zu Tode hetzen, fehlt. Dem Alla danza tedesca geht in den Nichtmelodiestimmen die ätherische, schwebende Wirkung ein wenig ab und so wirkt der Satz wie ein „Deutscher“ (d.i. Walzervorläufer), statt wie eine geläuterte, gereinigte Version davon.

Applaus wird es nach den Schlusstönen der Fuge zu Recht überreichlich geben. Dem „wie Chinesisch“ begegnet man im Publikum obschon: Wenn gut sieben, acht Minuten mit der Fuge ins Land gezogen sind, schaut manche doch auf den Programmzettel… das ist nicht Schönberg, oder?... Obwohl uns der Interpretationsbruch nicht stimmig erscheint, ist die Fuge ganz famos gespielt. Und wenn sich das größte Gewirr mit dem Allegro molto e con brio verzogen hat, kommt der beste Teil des Abends: Das zweite Meno mosso – in dem die Musik wie in Glas gegossen klingt. Zwei der großartigsten Minuten meiner Konzerthörervita.

Die Zugabe nimmt das Saisonmotto schließlich doch noch auf – Duke Ellingtons „In a Sentimental Mood“, für Streichquartett gesetzt.

DOVER QUARTET
Joel Link und Bryan Lee – Violine
Milena Pajaro-van de Stadt – Viola
Camden Shaw - Violoncello

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Montag, 20 Februar 2017 16:49

Trio – und Pausen

Aula am Wilhelmsplatz: van Baerle Trio mit Schumann, Arenskij, Beethoven

Drittletztes Konzert der Saison der Aulakonzerte, drei Musiker, drei Instrumente, drei Stücke - großer Beifall am Ende, Zugabe, zufriedenes Publikum. Wenn der Kritiker jetzt auch begeistert ist, endet die Besprechung hier. Allein, es kommt noch was. Und am Ende lag das an den Pausen.

„Zauberhafte Arrangements - (Un-)vertraute Original Werke“ lautet das Saisonmotto, dazu passend gruppieren sich zwei Bearbeitungen um eine Originalkomposition für die Besetzung Violine/Klavier/Violoncello. Anton S. Arenskij (1861-1906) schrieb sein Klaviertrio Nr. 1 d-Moll 1894, das Werk jedoch ist Früherem verpflichtet; Schumann, Tschajkowskij, sein Lehrer Rimskij-Korsakow schweben erkennbar durch die Partitur.

Maria Milstein (Violine) sowie Gideon den Herder (Cello) haben ihren Instrumentenklang gut aufeinander abgestimmt, obwohl ihr Stil bezüglich der rechten, der Bogenhand ganz unterschiedlich ist - das ergibt eine interessante, farbenfrohe Mischung. Hannes Minaar fügt seinen Klavierklang dieser Mischung bei, ohne dominant zu werden. (Nur ein nicht quietschender Klavierhocker wäre ihm zu wünschen gewesen.) Auf die Saalakustik wurde höchst sorgfältig Rücksicht genommen, so dass die Balance zwischen den Instrumenten gewahrt ist. Und an diversen Stellen trauen sich die Drei erfreulicherweise ans unterste Ende der Lautstärkeskala.

In Arenskijs viersätzigem Trio begeistert, neben süffigen Melodien und virtuoser Brillanz, besonders die ein oder andere formale Wendung. Wenn im ersten Satz zu Beginn der Durchführung plötzlich ein völlig neues Motiv die Herrschaft übernimmt und alles vergessen machen will, was zuvor war - ist man beim Zuhören auf weitere Überraschungen gefasst. Bereits bei der sich unerwartet in den Himmel erhebende Coda wenig später ist Grund zu erneuter Freude. Kleinere Fehler im Zusammenspiel der Streicher trüben diese nur wenig. Virtuos wird nicht nur das Finale werden, schon im Scherzo wird bogentechnisch einiges verlangt. – Dass es ebenso viele Arten gäbe eine Saite zu zupfen, erleben wir leider nicht. – Unvergessen bleibt der Mittelteil dieses zweiten Satzes: Ein schmachtender Streicherwalzer mit ganz merkwürdig gestauchter Begleitung im Klavier (großartig exakt gespielt!). Unvergesslich schön auch wie in den Schlusstakten der Elegie (3. Satz), wenn das Cello ein letztes Mal die Melodie anstimmt, sich die Geige in diesen Klang unendlich sanft einschleicht.

Pedalflügel, d.i. Flügel mit zusätzlicher Pedalklaviatur wie bei der Orgel, stehen nur noch im Museum. Um Robert Schumanns „Studien für Pedalflügel. Sechs Stücke in canonischer Form“ op.56 (1845) aufzuführen zu können, kommt heute die Bearbeitung Th. Kirchner zu Gehör. Sie gleicht dem Versuch aus einer Aquarellminiatur ein 3x4m-Ölgemälde zu machen. Farbverläufe und Übergänge wirken, so ins Große gesetzt, plakativ. Nur der Dezenz des van Baerle-Trios ist es zu verdanken, dass der perlende Sechzehntelkanon der Nr.1 wirklich wie aus einem Instrument, aus einer Stimme heraus erklingt. Den Stimmverläufen in den weiteren fünf Studien zu folgen, ist, trotz der Trennung auf verschieden Instrumente, nicht immer ganz einfach. Hier verwischt das Arrangement mehr als zu verdeutlichen.

Nun zu den Pausen. Die Ecksätze Schlusswerkes zeigen wieder einmal, dass sie das Wichtigste an der Musik sind. L. van Beethovens 2. Symphonie wurde 1806, vier Jahre nach der Komposition, von ihm oder zumindest mit seiner Zustimmung aus Gründen der Verkaufsförderung für Klaviertrio gesetzt.

Das Hauptthema des ersten Satzes beginnt nach einer Pause mit einem Auftakt, vier gebundene Sechzehntel. Es spielt an allen Schlüssel- und Übergangsstellen die entscheidende Rolle. Leider, leider halten die Musiker an vielen dieser Stellen die Spannung nicht; und setzen jenen Bruchteil einer Sekunde zu früh ein, so als könnten sie die vortrefflich aufgebaute Spannung selbst nicht mehr aushalten. Vierter Satz, ähnliches Problem: Das äußerst vorwitzige Thema fordert nach den ersten beiden Achteln, vor dem pseudodramatischen – eigentlich ausgelassen-freudigem – Melodieabsturz eine Achtelpause. Sicherlich ist es schwierig, dies in sehr zügigem Tempo und bei jeder Motivwiederkehr exakt zu musizieren, doch liegt der ganze Witz des Themas, ja des ganzen Satzes eben darin.

So munter, resolut, kraftvoll das Trio die Symphonie angeht, fehlt es bei den endlosen sforzati-Ketten an der nötigen Abstufung zu den nicht mit einem Akzent versehenen Tönen. Wie Beethoven im Scherzo lustvoll eine D-Dur-Tonleiter zerhackt, neu zusammensetzt und wieder zerhackt, hören wir – die auf kleinstem Raum geforderten Lautstärkeunterschiede jedoch nicht. Am Können der drei Musiker liegt das sicher nicht, vielmehr scheint das Abrupte, Schroffe und Garstige dieser Musik ihnen weniger zu liegen als das lyrisch Schwelgende.

Den Applaus als Maßstab nehmend stellt unsere Beurteilung der Symphonie eine Minderheitenmeinung dar. Aber worüber ließe sich auf dem Heimweg sonst auch trefflich streiten?

Für Blumen und Pralinen dankt das van Baerle Trio musikalisch: Felix Mendelsohn Bartholdy, zweiter Satz aus dem Klaviertrio Nr. 1 d-Moll.

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Im zweiten Aulakonzert der Göttinger Kammermusikgesellschaft ist am 23. Oktober 2016 das polnische Streichquartett MECCORE STRING QUARTET zu Gast.

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Montag, 26 September 2016 15:17

R.s lustige Streiche

Aula am Wilhelmsplatz: Saisonauftakt mit Berlin Counterpoint

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Ensemble "Berlin Counterpoint" im Eröffnungskonzert der Aulakonzerte der Göttinger Kammermusikgesellschaft am 25. September 2016

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Dienstag, 16 Februar 2016 09:07

Vertretungsfreuden

Liederabend mit Carolina Ullrich und Marcelo Amaral

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Montag, 18 Januar 2016 18:05

Preisträger begeistern in der Aula

Es ist eine schöne Tradition der Göttinger Kammermusikgesellschaft, junge Preisträger zu einem eigenen Aulakonzert einzuladen. Und so waren am Sonntag Elya Levin (Flöte), Simone Drescher (Cello) und Frank Dupree (Klavier) eingeladen – alle Finalisten im Deutschen Musikwettbewerb.

Und in der Tat sind die drei große Talente – zudem hatten sie ein sehr schönes Programm vorbereitet. Gleich zu Beginn erklang die „Wanderer-Fantasie“ für Klavier solo von Franz Schubert. Schon mit dem ersten Akkord machte Frank Dupree seine Interpretation deutlich: hier erklang weniger der romantische Schubert, sondern vielmehr der dramatische Komponist. Schubert selbst sagte zu seiner Komposition, dass der Teufel sein «Zeugs» spielen solle. Das zeigt, welche Anforderungen das große Solowerk an Pianisten stellt. Diese Anforderungen meisterte der 1991 geborene Frank Dupree mit Bravour. Allerdings nahm das Werk nahezu Liszt’sche Züge an (Liszt hat für das Stück selber auch eine Fassung für Klavier und Orchester komponiert). Kraftvoll und gewaltig erklangen die Eingangsakkorde, und gewichtig ging es weiter in dem Stück. Damit fehlte leider die Romantik in weiten Teilen. Etwas weniger Pedaleinsatz und dafür etwas gefühlvollerer Anschlag hätten dieser Fantasie gut getan.

Im das Trio g-Moll für Klavier, Flöte und Cello von Carl Maria von Weber kamen Flöte und Cello hinzu. Der in Tel Aviv geborene Elya Levin überzeugte mit dem Klang seiner Flöte, Simone Drescher ließ ihr Cello herzerwärmend singen. Dennoch hatte man ein wenig den Eindruck, die jungen Musiker sind ein wenig angespannt. Zwar konnten Flöte und Cello viel Lyrik in der Musik besteuern, aber insgesamt wirkten die drei Musiker ein wenig verkrampft und gingen dieses Werk ein wenig zu ungestüm an (auch wenn sich Frank Dupree bei diesem Werk naturgemäß mehr zurückhielt). So blieben die Feinheiten dieser Musik etwas verborgen, gerade einmal die Freischütz-Zitate konnten deutlich erkannt werden.

Erst nach der Pause tauten die junge Musikerin und ihre beiden Kollegen auf. Schon bei dem „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy. Eigentlich für Orchester komponiert, wurde das Stück von Frank Dupree für diese Besetzung arrangiert. Sehr schön wurden die Passagen auf die drei Instrumente verteilt.

So richtig befreit wirkte das Trio bei dem „Assobio a jato“ von Heitor Villa-Lobos. Das tat der Musik ungemein gut. Und auch das Publikum in der Göttinger Universitätsaula konnte aus der Reserve gelockt werden. Der Applaus nahm deutlich zu. Zumal „Der Düsenjet“ (so die Übersetzung des Stückes von Villa-Lobos) großes Vergnügen machte. Elya Levin und Simone Drescher drehten hier richtig auf – wie sich das für einen Jet gehört.

Als Höhepunkt des Abends erklang das Trio für Flöte, Violoncello und Klavier von Jean Françaix. Eine moderne Komposition aus dem Jahr 1995, die aber durchaus romantische Züge innehat. Und sie bietet den Künstlern die Gelegenheit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen: kühne chromatische Läufe und Modulationen, musizieren in höchsten Lagen – das bereitete Levin, Drescher und Dupree nicht nur keinerlei Probleme, sondern machte ihnen sicht- und hörbar großes Vergnügen.

Das Publikum war begeistert und entließ die jungen Musiker erst nach zwei Zugaben: „Die Aufforderung zum Tanz“ von Carl Maria von Weber sowie ein Tango von Astor Piazzolla.

Im 4. Aulakonzert am 14. Februar sind die Sopranistin Nuria Rial und ihr Partner am Klavier, Marcelo Amaral, mit einem Liederprogramm von Robert und Clara Schumann, Ravel, Toldrà i Soler und Obradors zu hören.

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Montag, 16 November 2015 18:12

Großartiges Klangfest

Das Fine Arts Quartet zu Gast bei den Aulakonzerten

Zwischen Konzerten in Milwaukee und London gastierte das renommierte Fine Arts Quartet mit vier Konzerten in Deutschland. Das Gastspiel bei den Göttinger Aulakonzerten bildete dabei den Abschluss der kurzen Deutschland-Tournee.
Im Gepäck hatte das 1946 in Chicago gegründete Streichquartett Werke von Arriaga, Ravel und Schumann. Gleich zu Beginn des sehr gut besuchten Konzertes setzten die vier Streicher Akzente: das Streichquartett Nr. 3 Es-Dur des baskischen Komponisten Juan Crisóstomo de Arriaga, der 1826 noch vor Vollendung seines 20. Lebensjahres verstorben ist. Dennoch ist sein Gesamtwerk durchaus umfangreich. Das Streichquartett Nr. 3 komponierte Arriaga im Alter von 16 Jahren und zeigt eine erstaunliche Reife: ein reifer, ausgewogener Kammermusikstil, der sich zwar an Haydn orientiert, aber leidenschaftliche, beinahe beethovensche Züge in sich trägt. Und so wurde das Stück auch vorgetragen: ernsthaft und leidenschaftlich, getragen und wild – und das in hoher musikalischer Perfektion.

Man merkt deutlich, dass die Herren auf der Bühne schon eine ganze Reihe von Jahren zusammen musizieren. So konnte ein perfekter Klang entstehen – gepaart mit einer unglaublich präzisen und synchronen Dynamik. Dieses Ensemble hatte keineswegs etwas „Altbackenes“, das manch einer  vielleicht bei den schon seit 30 Jahren gemeinsam konzertierenden Geigen befürchtet hatte. Das Gegenteil war der Fall: frisch, mit viel Liebe zum Detail und gut gelaunt merkte man dem Quartett zwar eine große Reife an, aber keinerlei Abnutzung durch die schon lang andauernde Tournee um die Welt.

Im Mittelpunkt des Abends stand das Streichquartett F-Dur von Maurice Ravel. Vorbild für Ravel war das Streichquartett von Claude Debussy. Ravel entwickelt aber von Beginn an eine eigene Tonsprache und Melodieführung. Und auch hier erlebte das Göttinger Publikum ein großartiges Klangfest: sowohl die lyrisch-zarten Passagen als auch die dramatischen Höhepunkte wurden mit großer Empathie für die Komposition vorgetragen. Die komplexen Taktwechsel im letzten Satz klangen spielerisch leicht.
Schon vor der Pause gab es einen Applaus, mit dem so manche Künstler nach dem Konzert zufrieden wären.

Nach der Pause erklang das Streichquartett von Robert Schumann op. 41 Nr. 1. Schumann wagte sich erst als 32-jähriger an die Komposition von Streichquartetten. Das Werk besticht durch großen Reichtum an musikalischen Motiven, die das Fine Art Quartet geradezu als Steilvorlage annahm und entsprechend klar herausarbeitete. Die Interpretation war wunderbar klar, nie jugendlich vorwärtsstürmend, aber auch nicht hochnäsig altklug.

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Dienstag, 20 Oktober 2015 17:44

Große Emotionen in der Aula

Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel im Göttinger Aulakonzert

Große Emotionen zeigte die junge Schweizer Geigerin Rachel Kolly d’Alba beim zweiten Aulakonzert in Göttingen. Das passte gut zum Motto dieser Saison „Vom südländischen Kolorit“. Vor allem passte das nach der Pause mit César Franck und Manuel de Falla. Aber der Reihe nach:

Eröffnet wurde der Abend mit drei Sätzen aus der „Suite Italienne“ von Igor Strawinsky. In dem recht konventionell komponierten Werk greift Strawinsky auf seine „Pulcinella“ Ballettmusik zurück. Kolly d’Alba und ihr Klavierpartner Christian Chamorel interpretierten das Werk ein wenig nüchtern und zurückhaltend. Aber für große Emotionen eignet sich dieses Stück auch eher weniger. Dennoch ist Strawinskys Stil in dieser Komposition anders, trockener – und vielleicht auch etwas hintergründiger.

In der berühmten „Kreutzer-Sonate“ von Ludwig van Beethoven zeigte die Violinistin ihr ganzes Feuer. Und das war leider ein wenig zu viel des Guten. Zwar spielte sie auf hohem technischen Niveau, insbesondere die hohen und höchsten Lagen gelangen ihr blitzsauber. Aber das Werk ist immer noch ein Werk der Wiener Klassik und keines der Romantik. Die gewählten Tempoveränderungen, die hoch emotional gestalteten Passagen passten nicht recht zum liedhaften (in Satz 3) oder tänzerischen (in Satz 4) Duktus dieser Sonate. Chamorel nahm sich ob dieser aufgeladenen Interpretation extrem zurück. Durch den häufigen Pedaleinsatz wirkt der eigentlich ebenbürtige Klavierpart sehr gedeckt, hier wäre mehr Brillanz besser gewesen. Diese „Sonate für Klavier und Violine“ geriet zu einer zu schwärmerischen Violinsonate mit Klavierbegleitung.

Aber dann: die Violinsonate A-Dur von César Franck entwickelte sich schnell zum Höhepunkt des Abends. Hier passten die Emotionen und die Wildheit. Auch waren Violine und Klavier viel mehr Partner als noch zuvor. Rachel Kolly d’Alba gestaltete diese Sonate mit großer Reife, immer wieder entfalteten sich neue Höhepunkte. Vielleicht ließen sich die lyrischen Passagen noch etwas zurückhaltender gestalten, dann würde der Spannungsbogen zum nächsten Höhepunkt noch überzeugender wirken. Aber es war ganz deutlich zu spüren, dass die Musik und die Person auf der Bühne eins waren. Die Emotionen waren nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Der Funke sprang schnell auf das Publikum über, es knisterte förmlich in der ehrwürdigen Universitätsaula.
Den Abschluss bildete die „Suite Populaire Espagnol“ des andalusischen Komponisten Manuel de Falla in der Bearbeitung des polnischen Geigers Paul Kochanski. Auch hier waren Rachel Kolly d’Alba und Christian Chamorel in ihrem Element. Sie begeisterten das Publikum in der gut gefüllten Aula und wurden erst nach zwei Zugaben entlassen.

Im 3. Konzert am 15. November ist das Fine Arts Quartet aus den USA mit Streichquartetten von Arriaga, Ravel und Schumann zu Gast bei der Kammermusikgesellschaft. Eintrittskarten sind an allen Reservix-Vorverkaufsstellen sowie hier online im Kulturbüro erhältlich.

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Dienstag, 28 April 2015 14:57

Perfekt aufeinander abgestimmt

Das Arte-Ensemble im Aulakonzert

„Lebensläufe – Werkgeschichten“, so heißt die Überschrift über die Saison 2014/15 der Göttinger Kammermusikgesellschaft. Im letzten Abonnementskonzert standen eine ganze Reihe von Geschichten auf dem Programm: jüdische Klänge in der Ouvertüre op. 34 von Sergej Prokofjew mit gleich mehreren Versionen der Entstehungsgeschichte, die neu entdeckte (und zu entdeckende) Musik von Franz Hofmann, der 1945 als 25jähriger vermutlich mit dem Untergang der „Steuben“ in der Ostsee sein Leben verloren hatte und – als Höhepunkt – die Geschichte der lebendig gewordenen Spielsachen in der Kinderpantomime „Zaubernacht“ von Kurt Weill.

All diese Geschichten erzählte das Arte Ensemble. Die Mitglieder sind Solisten der NDR Radiophilharmonie und treten in variabler Besetzung auf. Nur so ist es überhaupt möglich, die verschiedenen Besetzungen der Stücke an einem Abend umzusetzen. Ergänzt wurde das Ensemble durch den Göttinger Pianisten Gerrit Zitterbart.


Auf welch hohem Niveau sich die Musiker bewegen, war schon gleich zu Beginn des Abends hörbar: in der Besetzung für Klarinette, Streichquartett und Klavier spielten sie die „Ouvertüre über hebräische Themen“ von Sergej Prokofjew. In dieser Musik ließ der emigrierte Prokofjiew Klezmer-Themen erklingen, das Werk schrieb er für ebenfalls aus Russland emigrierte jüdische Musiker, die sich eben in dieser Besetzung gefunden hatten. Die beiden musikalischen Themen wandern in den Stück durch die Instrumente. Das Arte Ensemble verstand es, diese Übergänge so kunstvoll zu gestalten, dass die Klangfarbe des „abgebenden“ Instrumentes perfekt getroffen wurde. So ergab sich ein kunstvoll miteinander verwobenes Werk als Ouvertüre des Abends.

Die Musik von Franz Hofmann kommt erst allmählich aus ihrer Vergessenheit hervor. In seinem kurzen Leben hinterließ Hofmann zahlreiche kammermusikalische Werke. Die Musik Hofmanns ist im Geist der Spätromantik komponiert, im Quintett h-Moll für Flöte, Klarinette, Geige, Bratsche und Cello war aber deutlich ein eigener Stil von großer Reife zu erkennen. Das Arte Ensemble hat dieses Werk keineswegs aus seinem Repertoire gewählt, sondern eigens für das Göttinger Konzert einstudiert. Das Publikum in der gut gefüllten Göttinger Universitätsaula kam so in den Genuss dieser Erstaufführung.

Nach dieser im Lebenslauf dramatischen Geschichte und der Pause kam es zum Höhepunkt des Abends. Die „Zaubernacht“, Kinderpantonmime für Flöte, Fagott, Klavier, Schlagwerk und fünf Streicher von Kurt Weill. Komponiert im Jahr 1922 – dann aber viele Jahre verschollen, bis das Werk im Jahr 2005 in Yale unvermittelt wieder auftauchte. Es dauerte eine Weile, bis die Musik identifiziert war, und so erschien erst im Jahr 2008 die wieder hergestellte Partitur in der Gesamtausgabe. Und erst im Jahr 2010 wurde das Werk nach mehr als 85 Jahren wieder aufgeführt – im Rahmen des Musikfests Stuttgart, erstaufgeführt vom Arte Ensemble. In der Göttinger Aula erklang die Ballettmusik konzertant. Weill hat die Geschichte der zwei Geschwister, deren Spielsachen in der Nacht lebendig werden, so bildhaft vertont, dass der hüpfende Ball, das galoppierende Steckenpferd, das tanzende Stehaufmännchen oder der exerzierende Zinnsoldate förmlich vor den Augen der Zuhörer zu sehen war. Die zehn Musiker, darunter zwei ziemlich beschäftigte Schlagzeuger, waren perfekt aufeinander abgestimmt. Im Grunde spielten sie ebenso mit den Spielsachen wie es eine Balletttruppe in einer szenischen Aufführung hätte tun sollen. Fasziniert lauschte das Publikum dem Ensemble – und wollte es am Ende kaum gehen lassen.

Schon während der Weill’schen Musik ertappte man sich als Zuhörer dabei, ein wenig mitzuspielen. Und war es nicht König Georg IV., der auf seinem Gemälde oben über den Musikern an der Königswand geschmunzelt hat und mit den Füßen beinah ein wenig mit dem Zinnsoldaten mitmarschiert ist?

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