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„Der größte Zwerg“ am Jungen Theater

Wer mag schon einen Buckligen spielen, der auch noch verkrümmt ist und offenbar ein Winzling. Das Ensemble des Jungen Theaters kabbelt sich erst mal um die Besetzung. Und schon dabei steht ihnen Georg Christoph Lichtenberg wortreich zur Seite. Es ist eben nicht alles so wie es scheint, und wie so oft macht subversives Nachfragen die Sache zwar nicht besser. Aber es bringt die Dinge auf den treffenden zwiespältigen Punkt. Und dann ist eben eine Kostprobe aus seinen Sudelbüchern fällig.

Ist es nicht unglaublich, dass diesem mickrigen Bündel, das nur noch eine Nottaufe erhielt, trotz des offenbar mickrigen väterlichen Spermas zum Universalgelehrten avancierte. Buckeln lassen hat er sich jedenfalls nicht, und von niemand das Maul verbieten. Egal ob es um gelehrige Wichtigtuer und ihre Konventionen, den Göttinger Biedersinn oder andere strapaziöse Alltäglichkeiten, die dieser ewig umtriebige Geist eben auch in seinen Sudelbüchern vermerkte.

Ein Sudelstück hatte Autor und Regisseur Peter Schanz für sein dramatisches Lichtenberg Portrait im Jungen Theater angekündigt und keinesfalls eine manierliche Biografie. Und so kam das Publikum zur Uraufführung seiner Inszenierung „Der größte Zwerg“ in den Genuss eines frechen und turbulent verspielten Panoptikums. Bloß keine honorige Eloge lautete die Devise für diesen Abend über das reiche, bewegende und schmerzhafte Leben von GCL, um ganz in seinem Sinne mit ihm und über ihn spötteln und so sein Leben in all den tragischen und komischen Verwerfungen in ein wildes Bühnenabenteuer verwandeln.

Peter Christoph Scholz schultert als erster den Buckel, um sich nun auch den Spekulationen und Sprüchen von Zeitchronisten über Göttingens berühmten Wissenschaftler und ewigen Querdenker auszusetzen. Seine wenig schmeichelhaften Kommentare über die viel gerühmte Gelehrsamkeit an der Georgia Augusta fanden schließlich nicht nur Zustimmung. „Steht ein bucklig Männlein da“ spötteln nun Linda Elsner, Agnes Giese, Franziska Lather, Jan Reinartz und Karsten Zinser im Chor. Auch sie bekommen in den nachfolgenden biografischen Kapiteln abwechselnd den Buckel geschultert, um sich auf diesen verkrümmten Körper einzulassen, den Lichtenberg selbst als Gefängnis für die Seele beschrieben hatte, um diesem Zustand so oft wie möglich geistreich oder wenigstens lakonisch zu trotzen.

Mit dem Titel „Buckel“ hat Schanz auch jedes Kapitel über Einsichten und Ansichten zum Leben des größten Zwergs überschrieben. Die Buckel widmen sich zunächst den profanen Seiten des Göttinger Lebens, das unter anderem einer Wurst Expertise unterzogen wird. Der „Welt-Öffner“ und der „Experimentator“ Lichtenberg kommen zur Sprache. Seiner Neugier und was ihn und literarisch beflügelte widmet sich das Kapitel „Aphorisiaka“, der „Liebhaber“ wird erkundet und auch der ewig gepeinigte Mensch mit der „Krankheit zum Tode“.

Der Experimentalphysiker, der sich auch an der Erfindung des Blitzableiters vergnügte - „ Wissenschaft soll und muss Krach machen“ lässt sich natürlich nicht von dem trinkfesten Zeitgenossen trennen, der an einer genüsslichen Saufkunde laborierte, auch weil er befand, dass der Alkohol Ideen und Falten geschmeidiger mache. So wenig wie sich der Englandreisende, der dort am liebsten gelebt hätte und vergeblich von Weltforschungsreisen träumte, von dem amourösen Flaneur trennen lässt, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden und der der Liebe seines Lebens die zärtlichsten Worte widmete. All diese bewegenden und auch widerspenstigen Skizzen, Szenen und Kommentare erkundet das JT-Ensemble an einer Galerie von Tischen im Theatersaal.

Lichtenberg hätte es sicherlich gefallen, dass sein querköpfiges, ideenreiches Leben wie auf einem Laufsteg zelebriert wird. Und dass es in der Fülle von Episoden, Einfällen und ihrer spielerischen Umsetzung mit stilisierten historischen Requisiten meist ziemlich turbulent zugeht. Vor allem, wenn dann sechs Buckelträger mit Kommentaren von und über Lichtenberg ein Chaos aus Sprüchen, Argumenten und Zitaten anrichten, dabei auch mal wild kreischen, übereinander herziehen und spielerisch ausufern.

Die Posse, der Schalk und die Lust zu Übertreiben ist immer mit im Spiel an diesem Abend über Göttingens „größten Zwerg“. Aber nach all dem Spektakel kommt es auch zu dieser berührenden Szene mit Franziska Lather, die die Arie „Cara Sposa“ aus Händels Oper „Rinaldo“ singt, begleitet von Peter Christoph Scholz an der Violine. Der Lichtenberg, der die Londoner Uraufführung erlebt hatte, windet sich jetzt auf dem Tisch von Schmerzen gepeinigt und in entsetzlicher Atemnot. Aber was wäre ein Abend über diesen Experten für unheilbare menschliche Schwächen, wenn daraufhin nicht noch ein Abstecher in seinen Fundus an klugen und weitsichtigen Erkenntnissen folgte. Ein paar Aphorismen haben die sechs Buckligen noch auf Lager. Und den liebsten Lichtenbergspruch ihres Regisseurs lassen sie dann auch auf kleinen bedruckten Blättern über die Zuschauer regnen. Der „größte Zwerg“ will einfach keine Ruhe geben, erst recht nicht im Jahr seines 250. Geburtstages. Auch nicht mit den Worten „Lerne den Menschen kennen und waffne Dich mit Mut, zum Vorteil Deines Nebenmenschen die Wahrheit zu reden.“

Die nächsten Aufführungstermine von "Der größte Zwerg" sind am 4.3.2017, 10.3., 18.3 ,31.3., 29.4 , 17.5., 9.6., 30.6. und am 1.7.2017

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Dienstag, 06 Dezember 2016 21:52

Engagierte Anteilnahme

Ziemlich beste Freunde - Der Filmerfolg auf der JT Bühne

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Samstag, 11 Juni 2016 10:26

Märchen über die Menschheit

König Artus und die Ritter der Tafelrunde - Der JT Jugendclub erforscht die mittelalterliche Sagenwelt

Erschienen in der Kategorie Junges Theater
Samstag, 23 April 2016 21:16

Wo bleibt der Widerstand?

„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ am Jungen Theater.

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Dienstag, 02 Februar 2016 15:54

Ein grandioses Musikspektakel ohne Worte

„Money, Money, Money“ am Jungen Theater

Songtexte können viel erzählen von Stimmungen, Sehnsüchten, Hoffnungen und Katastrophen. Manchmal sogar mehr, als es gesprochene Worte vermögen. Das Junge Theater lässt es darauf ankommen. In der Inszenierung von Milena Paulovics und den musikalischen Arrangements von Fred Kerkmann spricht einfach nur die Musik, ohne Dialoge und erklärende Zwischentext. Und das über ein Thema, das besonders viel Gesprächsstoff bietet: „Money, Money, Money“. Es geht um das Thema Geld, wie es unseren Alltag diktiert, unsere Vorstellungen von Glück, Erfolg, Sicherheit und Versagen All das steckt auch in den Songs, die das Schauspielteam auf der Bühne des Jungen Theaters in berührende Erzählungen verwandelt.

Die Kneipe ist natürlich ein idealer Treffpunkt, um die Songs in Szene zu setzen und mit ihnen die Figuren, die hier mit ihren Geschichten gestrandet sind. Der Geschäftsmann, der nach einem misslungenen Deal noch ausreichend Kohle hat, um damit um sich zu werfen, trifft auf den Zocker, der vom Automatenglück träumt. Hier driften Liebespaare auseinander, wenn sie ihre Zukunftspläne nach Gefühls- und Geldwerten aufrechnen. Nach weiteren Nebenjobs wird ebenso gehungert wie nach irgendeiner Idee, aus der Misere rauszukommen und sei es als Popstar. Wünsche und Bedürfnisse kollidieren hier auch musikalisch, selbst wenn es stilistisch keine Gemeinsamkeiten zwischen einem Gitte Schlager „Ich will alles“ und der „Metallica“ Ansage „Nothing else matters“ gibt.

Bei diesem musikalischen Roulette um mehr Kohle und weniger Frust sind die Stones ebenso am Start wie die Ärzte, Tracy Chapman  und die Ohrbooten.  Natürlich wird auch gegen kapitale Zwänge und Kaufrausch gemotzt und mit Ton, Steine, Scherben ein bisschen Politromantik heraufbeschworen, dass sich das System revolutionär unterwandern lässt. Dennoch wird in Rosis Bar weiterhin gezockt gesoffen, gejammert und gewütet, weil es nicht mehr so richtig vorwärts geht und auch Brechts Solidaritätslied Staub angesetzt hat. Das aber keineswegs musikalisch.

In den Arrangements von  Fred Kerkmann erfahren die Songs eine gedankliche Erdung, und die überträgt sich auch auf das Schauspielteam. So leidenschaftlich engagiert und ausdrucksstark erlebt man dieses JT-Ensemble selten. Es sind grandiose Bilder, die Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz,  Eva Schröer und Karsten Zinser hier gemeinsam stemmen. Mit dem großartigen Support von Rosis Palastorchester und dem musikalischen Bündnis um Gitarrist Fred Kerkmann, mit Steffen Ramswig an den Keyboards, Bassist Sebastian Strzys und Dummer Christian Villmann.

Die Stimmung auf der Bühne berührt und berauscht zwischen rockigem Aufruhr und Seufzerballaden und immer wieder auch mit kleinen ironischen Kontern. Dann wird das Ende der Welt wird besungen und das Zeitalter des Maschinenmenschen, der das klassische Humankapital ablöst, aber eben auch ein Rest von störrischem Widerstandsgeist. „Auf den Trümmern das Paradies“ heißt es im Untertitel des Musikspektakels, das der Losung „Money, Money, Money“ natürlich auch ein bisschen Aufbruchstimmung abtrotzen wollte. Auch dafür gab es am Ende standing ovations für das  JT-Team.

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Montag, 04 Mai 2015 12:48

Es geht – und wie!

Nathan der Weise im Jungen Theater

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Die Auflistung der Rollen im Stück übersteigt die Anzahl der Ensemblemitglieder deutlich: Zehn Personen werden aufgeführt, „nebst verschiednen Mamelucken des Saladin“. Dazu kommen noch etliche Bühnenbilder für die fünf Aufzüge und zahlreichen verschiedenen Szenen in den gut drei Stunden erforderlich sind, die der Originaltext vorschreibt.

Als Intendant Nico Dietrich und Regisseur dieses Stückes Tobias Sosinka vor einiger Zeit ankündigten, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, lautete auch wegen der Größe des Stückes die Frage: wie viel Lessing dürfen wir denn erwarten? Die Antwort blieb damals offen.

Dass das Team des Jungen Theaters sich entschieden hat, das Stück weitgehend unangetastet zu lassen, darf, ja muss ihm sehr hoch angerechnet werden. Der Originaltext des großen Dichters der Aufklärung konnte so die Aufführung tragen. Sosinka ließ der Sprache großen Raum, kurze Toneinspielungen waren angenehm zurückhaltend.

Ein paar Rollen wurden gestrichen, das Werk dadurch auf etwas gekürzt. So fehlen der Derwisch und der Emir. Und für die Rolle des Patriarchen hat sich Sosinka zu einem Kunstgriff entschieden: die Rolle wird gleich von mehreren Personen dargestellt.

Doch der Reihe nach:

Auf das Bühnenbild wird weitgehend verzichtet. Das Publikum sieht schon vor Vorstellungsbeginn eine leere Bühne. An den Seiten stehen verschiedene Kisten, die nach und nach zum Vorschein kommen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dadurch und durch die faszinierenden Lichteffekte wirkt die Bühne abwechslungsreich. Und da das gesamte Theaterpersonal in dieser Inszenierung stark eingebunden ist, dürfen die Akteure die Dekoration selber aufbauen – und auch wieder aufräumen.

Nathan kommt von einer Reise zurück – da sind gleich einige Kisten als Gepäckstücke dabei. Man lernt die Hauptperson des Abends sogleich als Sympathieträger kennen: offen, optimistisch, erfolgreich, umtriebig – eine positive Eigenschaft reiht sich im Laufe des Abend an die andere. Das wirkt vor allem durch die Verkörperung durch Jan Reinartz glaubwürdig. Reinartz IST Nathan. Dazu gehört nicht nur die Deklamation des Textes. Beinahe die stärkste Szene mit ihm ist die ohne Worte: kurz vor der Pause wird ihm von Saladin die entscheidende Frage gestellt, welche Religion denn die wirklich wahre sei. Nach der Pause soll die berühmte Ringparabel folgen. Aber Nathan bereitet dies noch vor: sieben Steine verkörpern (wie wir später erfahren) seine sieben ermordeten Söhne. Diese Steine werden von ihm drapiert. Immer wieder umgesetzt. Wie in einem Hütchenspiel (wo ist denn nun die wahre Religion drunter?). Und endlich liegen sie richtig – nur so kann das berühmte Märchen vom Vater, seinen Söhnen und den drei gleichen Ringen erzählt werden. Regie, Ausstattung, Dramaturgie und Licht haben in dieser Szene, die es bei Lessing ja gar nicht gibt, gemeinsam Großartiges geleistet.
Eva Schröer ist als Recha die junge, leicht beeinflussbare Tochter des Juden Nathan. Beeinflusst wird sie unter anderem durch ihre Ziehmutter Daja – einer Christin. Von Agnes Giese sind im Laufe ihrer vielen Jahre am Jungen Theater schon unglaublich viele Charaktere zu sehen gewesen. Und auch hier überzeugt Giese als intrigante Christin. Damit auch niemand versehentlich diese Figur lieben kann, wurde sie vielleicht eine Spur zu lächerlich kostümiert.

Ali Berber ist der Anlass der zahlreichen Verwicklungen: der Tempelherr rettet Recha aus den Flammen, verrät Nathan beim Patriarchen und ist am Ende der Schlüssel für die Schlussaussage Lessings: alle Religionen sind verwandt und bilden eine Familie. Berber überzeugt als ungeduldiger, junger Mann. Seine Artikulation dürfte jedoch gerne noch etwas verbessert werden. Es würde schlicht der Verständlichkeit der Worte dienen.

Götz Lautenbach war schon häufiger Gast im Jungen Theater, auch in der Regie. Als Klosterbruder ist er beim „Nathan“ dabei. Wunderbar, wie er diesen aufrechten, ehrlichen Bruder spielt und seinen Beitrag zur Aufklärung der Verwicklungen leistet.

Karsten Zinser als muslimischer Herrscher in Jerusalem ist großmütig, mild und gerecht. Vielleicht ist Zinser ein wenig zu jung für diese Rolle. Ganz bestimmt ist er das als Onkel Rechas und des Tempelherren. Er macht diesen kleinen Malus wett durch die Sympathiewerte, die er im Laufe des Abends erringt. Begünstigt wird das durch die kluge und gewitzte Schwester Sittah, ganz wunderbar und sehr sportlich dargestellt von Linda Elsner.

Diese durfte zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen den Patriarchen mimen. Gemeinsam zogen sie singend („Dies ira, dies illa, solvet saeclum in favilla“ – der mittelalterliche Hymnus vom Jüngsten Gericht) auf die Bühne. Unbarmherzig und dogmatisch verurteilen sie alle Andersgläubigen. Und vor allem den Juden Nathan, der eine Christin als Jüdin aufzieht.

Auch diese Szene ist ganz hervorragend gelungen. Es ist nur in der heutigen Zeit kaum verständlich, warum die Muslimen mit Waffen (in Bild und Ton) auftreten müssen. Das lenkt die hochaktuelle Frage, wie denn diese drei Religionen miteinander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten, in eine etwas einseitige Richtung. Dass die Wahrheit nicht so eindeutig ist, hat Lessing in seinem Werk deutlich gemacht.

Nathan der Weise im Jungen Theater. Wie soll das gehen? Es geht – und wie! Das fand auch das Premierenpublikum, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler kaum von der Bühne lassen wollte.

 

Erschienen in der Kategorie Junges Theater
Freitag, 20 März 2015 23:00

Kein Platz für Smalltalk

Drei mal Leben von Yasmina Reza im Jungen Theater

Ein Keks nach dem Zähneputzen? Auf gar keinen Fall, erst reicht kein halber Apfel. Es wird wohl nix mit dem gemütlichen Familienabend von Sonja und Henri. Entsprechend explosiv ist die Atmosphäre auf der Bühne des Jungen Theaters, und das nicht nur, weil das Kind gerade pausenlos quengelt.

Für ihr Stück Drei mal Leben hat Yasmina Reza das bürgerliche Wohnzimmer erneut zur Kampfzone erklärt. Ähnlich wie in ihrer Erfolgskomödie „Gott des Gemetzels“ stehen mit Henris Vorgesetztem Hubert und seiner Frau Ines auch schon bald die passenden Kontrahenten vor der Tür, die für weiteren Aufruhr sorgen. Ihr Besuch war eigentlich für den nächsten Abend geplant und sollte Henris Karriere den dringend benötigten Auftrieb zu verschaffen. Die lang überfällige Publikation des Astrophysikers ist endlich fertig und müsste jetzt eigentlich als Aufsteigerbonus funktionieren.

Das schwarze Ledersofa, dass Karsten Zinser und Linda Elsner jetzt hektisch hin- und herschieben, ist gut gepolstert. Es muss auch einiges aushalten. Zwischen  Käsehäppchen, Fingerfood und Kindergebrüll ist kein Platz für Smalltalk. Auch von Jan Reinartz und Agnes Giese wird gestichelt, gelästert und taktiert, gern auch unsanft gedrängelt. Zwei Frauen im selben blauen Designerkleid. Das kann nicht gut gehen. Erst recht nicht wenn die Jüngere das Karrieremuttermodell repräsentiert und die Ältere als sozial engagierte Haufrau in der akademischen Oberliga punkten muss. Zwischen Henri und Hubert steht auch nicht alles zum Besten. Ich möchte ihn bewusstlos schlagen, brüllt Karsten Zinser, als das Kindergebrüll erneut einsetzt. Genau so gut könnte er Jan Reinartz meinen. Der hatte seinen Henri nämlich gerade mit der Nachricht auf ein Abstellgleis manövriert, dass das Thema seiner wissenschaftlichen Publikation scheinbar schon ein anderer bearbeitet hat.

Untereinander sind die Ehepaare ebenfalls großzügig mit Sticheleien und Gehässigkeiten, die mit zunehmendem Promillepegel umso bösartiger ausfallen. Sehr zum Vergnügen des Publikums, das auf der Bühne vier Schauspieler erlebt, wie sie ihre Figuren aus der Rolle fallen lassen und ein schaurig schönes Chaos anrichten. Doch damit ist der Abend noch längst nicht gelaufen, weil Yasmina Reza ihre Komödie um zwei Ehepaare und eine kleine Nervensäge kunstvoll variiert. Sie gönnt ihnen zwei weitere Versuche, den gemeinsamen Abend wenigstens ein bisschen harmonischer über die Bühne zu bringen.

Man sollte sich von dem anfänglichen Schmusekurs um Henri und Sonja nicht täuschen lassen und auch nicht von dem Eindruck dass die Gäste jetzt offenbar ebenfalls weniger zerstörerisch gestimmt sind. Beim dritten Versuch quittiert Henri die Nachricht seines Vorgesetzten schon fast mit Gelassenheit, während sich Hubert einmal mehr mit Sonja an einem weiteren intimen Sofatest versucht. Die Vorräte an Wein und Wodka sind schon reichlich dezimiert, wenn Regisseurin Christine Hofer die beiden Variationen eines verkorksten Abends ebenso turbulent und komisch ausufern lässt. Dabei verflüchtigt sich leider die Wirkung von Yasmina Rezas subtiler Dialogstrategie immer mehr. Ihre Figuren liegen ja weiterhin ständig auf der Lauer, auch wenn sie jetzt ihr Punktekonto scheinbar etwas netter aufrüsten. Aber hier genießt das Publikum vor allem die Slapsticks, wenn der Wodka nicht das Glas trifft und der Sprung auf das Sofa auch beim wiederholten Male zur Bauchlandung auf dem Bühnenboden wird. Auch Henris heiliger Bücherturm bekommt weiterhin Tritte ab, selbst wenn die jetzt eher versehentlich anmuten.

Ausstatter Dirk Seesemann hat ein Seil vor die Kampfzone gespannt, das immer wieder zur Stolperfalle wird, wenn sich die Paare ihrem wechselseitigen Schlagabtausch strategisch verheddern. Als Transportseil liefert es auch den nötigen Stoff zum Weitermachen. Von der Galerie aus verhindert Katharina Binder in der Rolle der eifrig bemühten stummen Forschungsassistentin mögliche Durststrecken mit einer stets gut gefüllten hölzernen Getränkekiste. Auf Abruf versteht sich, weil Christine Hofers Inszenierung von Drei Mal Leben sich auch als Versuchsanordnung versteht und als Spiel vom Fragen: Was wäre wenn das Kind nicht andauernd brüllen würde? Wenn die beiden Ehepaare vielleicht noch über harmonische Reserven verfügen und wenn das ständige Publizieren müssen den Wissenschaftsbetrieb nicht völlig vereinnahmen würde? Kurz vor dem Lallstadium bleibt von dieser Idee einer Versuchsanordnung natürlich nicht mehr viel an substanziellem Gesprächsstoff übrig. Yasmina Reza Figuren geben hier im Grunde auch keinen Anlass zu Einsichten, weil sie schon vor dem verkorksten Abend mit ihrem Lebens- und Alltagsfrust hadern. Auf der Bühne machen sie ihrer Wut dann halt endlich mal Luft. Ändern wird das nichts. Aber wenigstens das Kind ist am Ende ruhig gestellt, auch wenn die Erwachsenen die Fingerfood Reserven am liebsten ganz allein vernascht hätten.

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Mittwoch, 04 Februar 2015 00:09

Zu früh für eine tödliche Dosis

Die Rocklegenden  des „Forever 27 Club“ im Jungen Theater

Es war immer eine explosive Mischung, ob nun bei Jimi Hendrix oder Janis Joplin, Jim Morrisson, Curt Cobain oder Amy Winehouse. Viele Motive lassen sich haftbar machen für den frühen Tod der Rock- und Popikonen, die mit 27 endgültig  abstürzten.  Drogen, Alkohol und Tabletten, Depressionen und Einsamkeit und das in Kombination mit zerstörerischen Beziehungen oder einer Vorgeschichte mit brutalen Vätern.  Geschichten, die einfach nicht gut enden konnten.

In der musikalischen Revue „Forever 27 Club“ die Jörg-Martin Wagner am Jungen Theater entwickelte und inszenierte, kollidieren all diese Geschichten. Viele sind bereits in den Songs eingelagert, die den Abend grundieren. In „Hey Joe“ und in  „I don’t live today oder in einem „Kozmic Blues“. Auch Jim Morrisons visionärer Rausch “Break on through to the other side” hält nicht lange an, wenn nun im Halbrund des Bühnenraums die Farbstimmungen wechseln und die Songs auch szenisch eingebettet werden. Jimi Hendrix verkorkste Kindheit, Janis Joplins morbide Show als Whisky Ikone, der Drogen Showdown in den sich Curt Cobain hinein steigerte, bis er schließlich zur Schrotflinte griff. 

Nicht alle biografischen Short cuts, mit denen das JT Team auf die musikalischen Stimmen der Revolte und der Provokationen zusteuert, lassen sich unmittelbar zuordnen.  Irgendwas ist bei allen Mitgliedern dieses „Forever 27 Club“ schief gelaufen,  die Linda Elsner, Agnes Giese und Eva Schröer, Ali Berber, Karsten Zinser und Jan Reinartz als  brüchigen Ikonen vorführen.

In schmuddeligen Bademänteln und als wilde Berserker, mental und körperlich ausgehungert oder auch in einer glänzender Verpackung, die dann irgendwann zum Erstickungstod führen muss. Es sind Bilder eines leidenschaftlich höllische Desasters, die mit jaulenden Gitarren und den wummernden Beats von Bass und Schlagzeug verwebt werden, während die Orgelsounds atmosphärisch vibrieren und das Cello den von Schmerz und Verletzlichkeit nachspürt.

Die Band mit Marius Prill, Sebastian Strzys, Sven von Samson und Oliver Neun bildet nicht nur das musikalische Rückrat des Abends. Ihr Sound verdeckt auch die Schwächen des Abends. Jörg-Martin Wagner hat seine Arrangements  auf die stimmlichen Ressourcen des Ensembles abgestimmt. Aber die erschöpfen sich mitunter und das auch ganz  unabhängig von den Echos, die die Originalinterpreten eben immer noch auslösen.  Dann verflüchtigt sich auch der musikalische Rausch, zu dem die 27 Club Ikonen ja weiterhin verführen, mit all den Abgründen und Abstürzen, die ihre Fans ebenso bewegten wie ihre Musik, auch nach der tödlichen Dosis, die sie viel zu erwischte.

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Montag, 20 Oktober 2014 08:34

Abgründe des Komischen und Tragischen

Premiere im Jungen Theater: Die Ziege oder Wer ist Sylvia?

Der Architekt Martin Gray erlebt die wohl wichtigste Woche seines Lebens: Er wird mit dem für Architekten so bedeutenden Pritzker Preis ausgezeichnet, erhält den Auftrag eine Mega-City für 25 Milliarden Dollar zwischen den Maisfeldern des Mittleren Westens zu erbauen und feiert seinen 50. Geburtstag. Er hat einen 17-jährigen Sohn und eine Frau, die ihn liebt. Martin hat alles erreicht und doch scheint sich eine Katastrophe im beschaulich-gemütlichen Familienleben  anzubahnen.

Dies ist die Ausgangssituation für einen verhängnisvollen Tag, an dem die Grenzen der Liebe zwischen Martin und seiner Frau Stevie (Agnes Giese) sowie seinem Sohn Billy (Ali Berber) ausgetestet werden. Am Ende des Tages scheint Martin alles verloren zu haben.

In Die Ziege oder Wer ist Sylvia mit dem programmatischen Untertitel Notes toward a definition of tragedy erkundet Edward Albee die Abgründe des Komischen und Tragischen einer moralischen Gesellschaft, in der nicht mal die Vorstellung oder der Glaube an das Verrückte Platz zu finden scheinen. Dabei geht es Albee keineswegs bloß darum die größtmögliche Provokation auf komische Art und Weise zu verpacken, sondern wesentliche Fragen an das Publikum und eine Gesellschaft zu stellen, deren oberstes Ziel oft moralische Überlegenheit und Integrität zu sein scheint. Wie soll die liebende Ehefrau mit ihrem fremdgehenden Mann, der es noch dazu mit einer Ziege treibt, umgehen? Kann sie ihn überhaupt verstehen? Ist es Stevie  möglich, nicht nur von dem Tabubruch ihres Mannes zu wissen, sondern auch an diesen zu glauben? Damit versinnbildlicht sie eine ganze Gesellschaft, die sich fragen muss, wie sie mit dem Verrücktsein und dem Brechen tradierter Tabus umgehen kann. Und warum fällt es Martin so schwer seinen schwulen Sohn so anzunehmen wie er ist, wo er doch selbst nicht dem heteronormativen Maßstab entspricht? Wie kann Martin seine Liebe und sexuelle Beziehung zu der Ziege Sylvia ernst nehmen und gleichzeitig seine Frau lieben, ohne die offensichtlichen Unterschiede zwischen dem Menschen, den er liebt und dem Tier, das er liebt, durcheinander zu bringen?

So langsam dieses Stück  im heimeligen Wohnzimmer auch beginnt, so sehr gewinnt es an Fahrt und Tragik – spätestens dann, wenn Martins Freund Ross für ein Fernseh-Interview zu Besuch kommt. Dass sein Freund nicht ganz bei der Sache ist, wird Ross schnell klar und so entlockt er ihm anschließend in einem langwierigen, aber darstellerisch grandios umgesetzten Dialog sein Geheimnis um den Ehebruch gegenüber seiner Frau mit einer Ziege. Diese heiße Sylvia und würde ihn genauso lieben wie er sie liebt. Während Martin über diese Liebe auf den ersten Blick und die unschuldigen Augen der Ziege Sylvia schwadroniert, ist sein Freund fassungslos und bestürzt. Der davor so coole und obszöne Ross hat seine ganze Abgeklärtheit verloren. Er ist überfordert mit dem Tabubruch seines Freundes und berichtet schließlich mittels eines besorgten Briefes Martins Frau Stevie von der Affäre. Damit nimmt die Tragödie ihren Lauf und die schier moralische wie emotionale Überforderung der Ehefrau Stevie und des Sohnes Billy mit dem tierefickenden Vater wird lautstark und überzeugend dargestellt. Hier sind es vor allem die rasenden Dialoge und Wutausbrüche von Jan Reinartz als Martin und Agnes Giese als seine Frau Stevie, die dem Stück Tragik, aber auch einen gekonnten düsteren Humor verleihen.

Der Einfall, das Tabu der Sodomie auf einer Bühne darzustellen, ist sicher nicht neu, wurde aber in diesem Fall grandios umgesetzt, was sowohl die Vorlage Albees als auch die Umsetzung auf der Bühne betrifft. So ist es auch nicht das Tabu selbst, welches das Stück ausmacht – obwohl es vor allem der sprachlich ordinäre Umgang Albees mit dem Thema ist, der für das verschämte Schmunzeln und die Lacher im Publikum sorgte – sondern die aufkommenden Fragen nach Moral und Tabu, mit denen das Publikum auf sehr direkte Weise konfrontiert wird.

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Montag, 22 September 2014 00:51

Bewegende Theaterbilder

Spielzeitstart am Jungen Theater mit dem Weltkriegsdrama „Im Westen  nichts Neues“

Der Erdhaufen auf der Bühne des Jungen Theaters erinnert an ein Massengrab. Doch schon bald fliegen die Fetzen aus geschreddertem Kork. Auch in den schwarzen Stiefeln, die aus dem Hügel hervor lugen, steckt noch ein Körper mit seiner Geschichte. Die Schauspieler graben sich frei für die Granatsplitter, das Getöse der Bomben und den Giftgasnebel. Sie werden sich später mit Amputationen quälen und mit offenen Wunden, die allmählich faulen, wild um sich ballern und verzweifeln, während Ängste und Traumata sie umklammert halten. „Die erste Granatem die einschlug, traf unser Herz“ schreibt Erich Maria Remarque über die jugendlichen Stürmer und Dränger, die sich die Schlachtbank des ersten Weltkrieges treiben ließen und keine Ahnung hatten, was ihnen da in ihrem Inneren explodiert. Da wirkt jedes Kapitel seines Romans „Im Westen nichts Neues“, das JT Intendant Nico Dietrich und sein künstlerischer Leiter Tobias Sosinka für ihre Bühnenfassung dramatisierten, wie einer diese Granatsplitter, die zu inoperablen Verletzungen führen.

Festgebunden an einem metallenen Bettgestell hängt Paul Bäumer. Ali Berber spielt den Schlachtfeldchronisten, der auch in Remarques Roman die Rolle des teilnehmenden Beobachters hat. “Manchmal wissen wir nicht, sind wir noch am Leben oder sind wir schon Tod“ flüstert die Stimme, die nun die Ereignisse wie einen surrealen Traum Revue passieren lässt. Die Kriegseuphorie, von der sich die jungen Gymnasiasten ebenso verführen ließen wie der Torfstecher,  und  wie sie auf das Kriegshandwerk gedrillt wurden. Die Frage, ob man einem Toten einfach seine Stiefel wegnimmt, weil der sie eh nicht mehr braucht, wird nur einmal gestellt. Der sterbende Freund muss über seinen Zustand belogen werden und wer in der Gaswolke durchdreht, braucht auch keine Maske mehr. Aus naiven Rekruten werden Mordmaschinen, die man bei Heimaturlaub hoch loben lässt und die für den kaiserlichen Frontbesuch adrett herausgeputzt werden.

Immer wieder fliegen die Korkfetzen, während sich in den Gesichtern die seelischen Verwerfungen spiegeln, die immer schwerer zu bändigen sind. Karsten Zinser, Eva Schroer und Linda Elsner spielen die Weggefährten des Kriegschronisten und deren Geschichten. Auch die von trauernden Müttern, Freundinnen und großmäuligen Zivilisten. Sie graben sich auch in die Feindbilder ein, die dieser Kriegsgeneration suggeriert wurden und erspüren in ihren vermeintlichen Gegnern die Schicksalsgefährten, denen die tröstenden Worte genau so wenig helfen. Auch die Erwachsenenwelt, wie sie Jan Reinartz und Agnes Giese als Arzt oder Kompanieführer, Krankenschwester und Hinterbliebene so pragmatisch repräsentieren, überlässt sie ihrem Schicksal.

Mit diesem symbolischen Gräberfeld und den Metallbetten, die zu Palisaden, Käfigen und Refugien werden, verzichtet Ausstatterin Susanne Rupert auf alles überflüssige Beiwerk für die kriegerische Kulisse. Es ist ein Raum für Nahaufnahmen von Körpern und Gesichtern, die sich auch dem nicht Mitteilbaren und dem Unbeschreiblichen stellen, das sie zwischen Schützengräben und Zählappellen heimsucht. Auf die Wirkung dieser Nahaufnahmen vertraut auch Nico Dietrichs Inszenierung  und auf ein realistisches Klima, in dem deutlich wird, das hier Situationen mit den Mitteln des Theaters nachgestellt werden, so anschaulich wie erschreckend, um dabei auch das Blutbad in den Köpfen sinnlich erfahrbar zu machen.

Es fließt kein Tropfen Kunstblut an diesem Abend. Es werden auch keine Horrorszenarien visualisiert, die den Schrecken des ersten Weltkrieges noch illustrativ bebildern. Nach einem letzten Röcheln werden die Körper von dem Metallrost gekippt.  Jedes Laken kann zum Leichentuch werden und jeder Spaten zur Waffe. Und wenn der Koch die nächste Henkersmahlzeit anschleppt, scheppern die Blechnäpfe bis sich der Lebenshunger mit dem nächsten Granatsplitter endgültig erschöpft.  Unter  dem Motto „Aufbrüche und Umbrüche“ ist Nico Dietrich in seine erste Spielzeit am Jungen Theater gestartet. Und auch wenn nach Remarques Roman ein Szenario der Zusammenbrüche und der Katastrophen Premiere hatte, ist das kein Widerspruch. Wie einen Vorhang lässt Nico Dietrich im Schlussbild seiner Inszenierung eine rote Fahne vor dem Trümmerfeld aufrollen: Symbolisch
für eine neue Zeitrechnung der politischen und sozialen Umbrüche aber auch
für ein Junges Theater in Aufbruchstimmung, das sein Publikum an diesem Abend mit viel Mut und großer Leidenschaft schon sehr bewegt hat.

Tina Fibiger

Erschienen in der Kategorie Junges Theater
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