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Montag, 12 Juni 2017 09:11

Rede zur Verleihung des Nachwuchsförderpreises

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Tina Fibiger hält im DT-Keller die Laudatio Tina Fibiger hält im DT-Keller die Laudatio © Photo: Wortmann

Laudatio 2017 für Christina Jung und Benedict Kauff

Meine Damen und Herren,

auch ich möchte Sie herzlich zur Verleihung des Förderpreises an zwei junge Mitglieder des DT-Ensembles begrüßen. Für die Jury war es auch diesmal wieder ein Balanceakt, zu einer Entscheidung zu kommen, die das Besondere hervorhebt, ohne dass es jetzt zu einem Leistungsvergleich kommt. Theater ist und bleibt Teamarbeit und lebt vom offenen Miteinander die am Gelingen einer Inszenierung mitwirken und das auch in jeder Rolle und egal ob Anfänger oder langjähriger Profi Im Grunde müsste man alle fünf Schauspielerinnen und Schauspieler auszeichnen, die in diesem Jahr für den Förderpreis in Frage kommen. Auch Florian Donath und sei es allein für das grandiose Vexierspiel, das er in „Mein Kampf“ an der Figur Adolf Hitlers demonstriert. Oder Dorothee Neff, wie sie als Schwester der Mathematikern Sofja immer wieder in die Beengtheit eines wissenschaftlichen Kosmos eindringt und die gemeinsamen Überlebenskämpfe einfühlsam erdet. Die Jugendlichen, die Roman Majewski in dem Klassenzimmerstück „Deine Helden – Meine Träume“ erlebt haben, würden vielleicht ihm dafür einen Förderpreis zusprechen. So wie sich die Grenzen zwischen Fiktion und Realität aufzulösen scheinen, wenn er sie für die Motive von Jonas und seinen Absturz in die rechtsradikale Szene so unmittelbar berührbar macht.
Auch diesen drei Newcomer im Team des Deutschen Theaters, die uns in ihrer ersten Saison in Göttingen mit all ihren Figuren vertraut gemacht haben, gilt unsere Anerkennung und Wertschätzung. Wie mutig, offen und leidenschaftlich sie sich für deren Anliegen und Sehnsüchte eingesetzt haben, ihre Kämpfe, ihre Erfolge und auch ihre Niederlagen. Und das verdient einen ganz besonderen Applaus.

Das Kind, das gerade mit seinem Spielzeug ein kleines Schlachtfeld erprobt wird es sicher noch zu was bringen. Passende Zutaten sind ausreichend vorhanden, wie sie die Psychopathologie eines angepassten Zeitgenossen grundieren. Mit dem autoritären emotional unberührbaren Vater, der seine Züchtigungen höchst gewissenhaft vornimmt so wie später auch sein Sohn die Stärken und Schwächen seiner Umgebung genau justiert und daraus seine Erfolgsberechnungen ableitet. All das lässt Benedikt Kauff bereits in diesem spielenden Kind ahnen, das so scheinbar ganz für sich das Wilhelminische Nachbeben im Kinderzimmer simuliert. Die Weltmachthysterie, die auf den Schlachtfeldern von Verdun nur scheinbar in den Giftgaswolken verreckte und dann erneut auszubrechen sollte, dann umso bösartiger, menschenfeindlicher und rassenwahnverseucht.

Man könnte von einer Paraderolle sprechen, die unser Förderpreisträger in Heinrich Manns Untertan als Diederich Heßling hier meistert. Gerade weil er diesen Karrieristen im nationalsozialistischen Gefolge so unfassbar unberührbar erscheinen lässt, wie er die Deformationen seiner Zeit vollständig internalisiert zu haben scheint und damit auch den Zuschauern Schwerstarbeit zumutet. Wenn sie Verständnis für diese Figur entwickeln wollen, vielleicht sogar Anteilnahme werden sie dabei immer wieder auf einen politischen und sozialen Kontext gestoßen, der diesen Typus Untertanengeist nährt. Aber vielleicht ist es genau das, was Benedikt Kauff in seinem Diederich Keßling so nachhaltig wirken lässt. Dass dieser Typus auch unter demokratischen Verhältnissen keineswegs ausstirbt... Der Aufsteiger, der als Menschenverächter und Ausbeuter auch deshalb reüssieren kann, weil er sich dem kapitalistischen Regelwerk der Profitmaximierung optimal anpasst und die Kunst beherrscht, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten.

Dennoch muss man sich fragen, inwieweit der Einzelne für ein System haftbar zu machen ist, das zu seiner Deformation beiträgt. Warum humanistische Kategorien wie Moral; Anstand und Mitgefühl hier nicht mehr wirksam werden. Diese Fragen kann man sich bei vielen Figuren stellen, denen sich Benedikt Kauff in den vergangenen drei Spielzeiten gewidmet hat. 15 Produktionen waren es insgesamt in denen er mitwirkte: Ein stattliches Repertoire, gleich zu Beginn mit dem Ensemblestück Homo Emphaticus und dem Sommernachtstraum, wo der Schauspieler die koboldhafte Vielfarbigkeit seines Puck mit einem dämonischen Geist verdunkelte. Natürlich sind die aktuellen Inszenierungen präsenter als etwa „ Nach dem Regen“ mit der Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach den Geheimnissen seiner Familienvergangenheit, die für Benedikt Kauff zu den berührendsten Bühnenerfahrungen am Deutschen Theater gehört. Präsenter auch als etwa Roland Schimmelpfennings Szenario „Spam – Fünfzig Tage, wo der Autor die neoliberale Konsumentenwelt mit den Verhältnissen in einer afrikanischen Coltanmine kollidieren lässt. Aber gerade die Texte ohne lineare Handlung oder Erzählstruktur betrachtet der Schauspieler als besondere Bereicherung. Wenn Themen und Motive mehrfach entschlüsselt werden müssen, wie auch in Wolfram Lotz Szenario „Lächerliche Finsternis“ wo der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nur ein dramatisches Störfeld darstellt. Es sind vor allem diese reaktiven Figuren und wie sie sich einem System stellen, die der Schauspieler in ihren Handlungsspielräumen zwischen Anpassung und Widerstand ausmisst. Wie dann auch in der Rolle des Piloten, der in „Terror“ für den Abschuss einer Lifthansamaschine angeklagt wird. Dagegen kommt es in Pax de Deux zu einer charmanten Mutprobe über die Möglichkeit, die Regeln des ewigen Beziehungsreigens auszuhebeln und sein Piccolo im “weißen Rössl“ ist eben auch ein schlitzohriger Beobachter nicht nur der touristischen Befindlichkeiten. Aktuell sind es die Bilder eines von Todesängsten gepeinigten Wächters und Boten in „Antigone“, die das Repertoire unseres Preisträgers noch einmal anders einfärben. Genauso wie diese Positionskämpfe eines „Gospodin“, der einfach keinen Bock mehr hat auf die kapitalistische Alltagsgier, sich dem System endgültig verschließt. Wo der Schauspieler einmal mehr ironisch abwägt, was von den Verhältnissen zu halten ist, in denen seine Figuren ihre Kämpfe austragen.

„Während sie den Apfel nimmt und horcht“, schreibt der Dichter Walter Helmut Fritz über das Relief einer Eva, „sucht sie Antworten auf Fragen, die noch niemand gestellt hat“. Sofia Kowalewskaja, Europas erste Mathematikerin mit der späten akademischen Anerkennung hat sie gestellt. Christina Jung hat ihr dabei nicht nur zugehört sondern tief in sie hinein gehorcht. Ganz nah an ihrer Seite wie eine vertraute Freundin, die auf der Bühne für sie kämpft und für all ihre Fragen. Auch für die, warum das Paradies im Geiste Kleists für sie inwendig verschlossen war und ihre Suche nach einer versteckten offenen Tür zu einem existenziellen Hindernisparcours werden sollte. Mit der Scheinehe, die der talentierten Mathematikerin die Flucht aus dem zaristischen Russland und ein Studium in Deutschland ermöglichte. Mit dem Versuch Mutterschaft, Geldsorgen und den Kampf um akademische Anerkennung zu schultern. Leidenschaftlich ist sie in ihren Fragestellungen und Berechnungen und ebenso verzweifelt, warum sie ihrer Umwelt oft so unnahbar verschlossen erscheint, so sehr sie sich auch nach Liebe und nach schützend berührender Wärme sehnt.

Man stelle sich Christina Jung vor, wie sie sich dieser Figur annähert, Biografien liest, ihr mathematisches Wissen vertieft und dabei Lieder von Edith Piaf hört und so die Figur in sich hineinschlüpfen lässt, wie sie sagt. Hier beginnt auch ihre intuitive Annäherung, musikalisch bestärkt, die uns ihre Sofia auf der Bühne so unmittelbar direkt und vieldeutig erfahrbar werden lässt. Das auch mit der Erkenntnis, wie viel disparates Leben ein einziges Leben auszuhalten vermag. Und das vor allem mit all den Zeichen, die bei dieser Sofia auf ein Asperger-Syndrom deuten. Wie sie die Welt nicht nur anders wahrnimmt sondern auch anders reagiert. Eben nicht offen oder gar emphatisch sondern oft irritierend und befremdend. Dennoch lässt Christina Jung ihre Sofia immer wieder innerlich Leuchten lässt. In diesen raren Momenten, wenn sie sich geliebt fühlen kann oder einem dieser wunderbaren mathematischen Probleme wiederein Stück näher gekommen ist.

Schon dieser ungeheuer bewegende Kampf einer Frau um Selbstbestimmung und Anerkennung, an dem uns Christina Jung hier Anteil nehmen lässt, wäre einen Förderpreis wert. Mit dieser Fähigkeit, eine Figur nicht nur gedanklich zu sondieren sondern sie dann umso intuitiver zu bestärken teilt sie nun das Schicksal Antigone und stellt die Fragen neu. Ob es sich dabei wirklich um eine fanatische Glaubenskämpferin handelt, die sich den politisch grundierten Dogmen Vaters radikal verweigert und dafür sogar den Tod in Kauf nimmt. Und so bestärkt sie ihre Figur auch mit der Einsicht, dass der Verlust eines geliebten Menschen einen Ort der Trauer und des Trostes braucht, um mit ihm verbunden zu bleiben.

Im Weißen Rössl ist es vor allem die Lust am Spielen, mit der Christina Jung ihr „Klärchen“ wunderbar beflügelt und auch den renitenten Teenager Samantha in der Komödie „Familiengeschäfte“, der dann ziemlich blutig zur Tat schreitet. Ihre Vera in Turgenievs Schauspiel „ein Monat auf dem Lande“ muss dann doch ein bisschen mehr schultern als die Verliebtheit eines naiven Teenager, der von einer eifersüchtigen Mutter ins Abseits gedrängt wird. Was zunächst wie ein Reifeprozess anmutet, dass sich eine junge Frau nach dem emotionalen Absturz der Realität stellt und der Aussicht auf eine gesicherte Zukunft mit einer ehelichen Versorgungsgemeinschaft ist im Grunde eine Tragödie, deren Dimensionen die Schauspielerin in einem Sekundenkurzen Moment sichtbar und fassbar macht. Das ist nicht mehr das Gesicht eines abrupt erwachsenen gewordenen Teenagers, der sich von einer Abhängigkeit in die nächste begibt. Davor schiebt sich das Bild einer alten Frau, die dem Leben und seinen Möglichkeiten abgeschlossen hat und nur noch verkümmert, fast als ob sie unmittelbar vergreist und das für die restlichen langen Jahre. Und das erzählt allein das Gesicht der Schauspielerin, die auch hier wieder ganz tief in ihre Figur hinein gehorcht hat und nun ganz bei ihr ist in diesem Augenblick des kampflosen Aufgebens. Jeder Zuschauer weiß um diese raren Theatermomente, die die Zeit überdauern und immer irgendwie präsent bleiben. Eine Szene, ein Wortwechsel, eine Geste. Etwas das ein Gefühl oder einen Gedanken bewegt und oder ein Gesicht, das alles sagt, was es ohne Worte vermag.

Mit dem Schauspiel „ Vereinte Nationen“ stellt sich Christina Jung in der kommenden Spielzeit einer weiteren Herausforderung, die es ihr nicht leicht macht zur vertrauten Gefährtin einer Figur zu werden, die ihr Kind für pädagogische Experimente missbraucht. Anders als bei Antigone, Sofia und Vera stellen sich hier auch andere Fragen, die mit Sympathie und Anteilnahme nur schwer zu beantworten sind. Aber es wird mit Sicherheit spannend zu erleben, welche Fragen sie zum Verständnis ihrer Nahaufnahmen sondiert, wenn sie von einer kruden, widerwärtigen Person erzählt und wem wir dann auf der Bühne noch begegnen.

Meine herzlichsten Glückwünsche an die beiden Preisträger.

Letzte Änderung am Mittwoch, 14 Juni 2017 15:06

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